. Ich will gern glauben, dass es mir auf einem gewissen Wege sehr leicht geworden wäre, unumschränkte herrschaft über ihn zu gewinnen; allein, konnte ich meinen Gemahl nicht ehren, so mochte ich ihn doch wenigstens nicht beherrschen, nicht diese Flitterkrone für den Preis erkaufen, den er darauf gesetzt haben würde. Ich ging meine Wege, er ging die seinen. Er bekümmerte sich gar nicht um mich, sobald ich nur zu gewisser Stunde nicht fehlte. Ich war ja seine Frau und er liebte mich! folglich, welche Ehre für mich!
"Ich war immer mit Männern umgeben; ich ritt mit ihnen, ich fuhr mit ihnen, ich schwatzte mit ihnen, nicht weil sie mir gefielen, sondern weil sie sich an mich drängten, und weil ich gegen sie impertinent sein oder sie ganz ignoriren durfte, kurz, weil sie nicht die Rücksichten heischten, welche zum Umgang mit Frauen erforderlich, und weil überdies Obernaus beide Schwestern mir das eigene Geschlecht noch mehr verleideten, als er selbst das männliche. Die eine war in meinem Alter und verheiratet, eine dürftige, enge natur, welche sich nicht darüber zufrieden geben konnte, dass mein Fuss kleiner und mein Auge grösser als das ihre war. Die andre, ein junges Mädchen von vierzig Jahren, hatte vor zeiten ein Leben geführt, welches die Bewerber um ihre Hand notwendig, trotz ihres Vermögens, abschrecken musste. Jetzt reizlos, früh gealtert, kränklich, sprach sie von ihrem nie verstandenen Herzen, welches sie ganz dem lieben Gott zugewendet habe, weil kein Mensch dieses Kleinods wert sei. Gewiss ist es, dass kein Mensch den lieben Gott um dies Kleinod beneidet hat, und dass die äusserlich werktätige, innerlich sterile Frömmigkeit meiner Schwägerin Crescenzie mich gemahnte wie eine Schaale lauwarmen Wassers, worin man vorsichtig die Fingerspitzen wäscht und sie dann säuberlich mit einem Battisttüchlein abtrocknet, aber nicht wie ein frisches, kühles, stärkendes Bad, worein man sich begierig stürzt, um den Staub des Lebens abzuwaschen. Meine Schwägerin Naudine ging umher, die Leute fragend, ob sie je eine person gesehen, welche mir an Koketterie, Eitelkeit und Leichtsinn gleich käme, und meine Schwägerin Crescenzie erzählte den Leuten wehklagend, mit gegen Himmel gehobenen Augen und Händen, wie unglücklich ich ihren Bruder mache.
"Freilich war er nicht glücklich, der arme Obernau, doch ich hätte ja ein ganz andres Wesen sein müssen, als ich war, um ihn zu beglücken. Das hatte ich dunkel geahnt, das hatte er, der mich nur mit den Augen der Sinne ansah, nicht glauben wollen. Er kannte von der Liebe nichts, als was die Sinnlichkeit ihm zuflüsterte, die mich empört, wenn ihr nicht die Seele ihren himmelblauen Mantel umgeschlagen – und so lebten wir, m i t einander schauerlich verbunden, i n einander schauerlich getrennt. O, ich habe viel gelitten! ich fühlte wohl das Drückende, das Pflichtlose unsers Verhältnisses. Wenn Obernau nicht da war, stellte ich mir seine guten Eigenschaften vor, und schob alle seine Fehler auf Rechnung der vernachlässigten Erziehung. Dann hing ich meine früheren Plane zu seiner Bildung und Erhebung daran, und nichts schien mir leichter, als mit einiger Kraft und einigem guten Willen ihn in eine andere Sphäre zu versetzen. Aber dann kam er, und sein erstes Wort: "Komm her, Ini, küsse mich" – war ganz hinreichend, um mir die grausige überzeugung wieder aufzudrängen, welche nur momentan unterdrückt war, dass kein Mittel in meiner Macht stehe, um günstig auf ihn einzuwirken, weil ich ihn ja leider! leider! nicht liebte. Bisweilen kam er in tiefer Nacht heim, der Himmel mag wissen, aus was für Gesellschaft! Hatte der Wein seinen Kopf montirt, so überstieg seine Brutalität alle Vorstellung. Doch mitunter hatte er gespielt, und wie sich von selbst versteht, bedeutende Summen verloren – dann war er verdriesslich, müde und niedergeschlagen, dann verwünschte er seine Freunde, das wüste Leben mit ihnen, seine eigene Schwäche; – und dann war ich ihm wieder gut, so wie früher als Braut, und drang in ihn, den Abschied zu nehmen, mit mir zu reisen. Er ging ganz auf diesen Vorschlag ein: das dienstliche verhältnis drückte ihn; die Kameradschaft langweilte ihn; er wollte mit mir reisen, sich aufhalten, wo es mir gefiele; ich sollte in Paris, in Rom malen, so viel ich Lust hätte – ich schlief ein mit der festen Zuversicht auf eine, wenigstens äusserliche Aenderung meines Schicksals, wo ich im Genuss der Reiseabwechselung und der Kunstausübung Zerstreuung und Freude finden würde. Aber ach! wenn Obernau nicht mehr müde und abgespannt war, so kamen ihm meine Vorschläge "romantisch" vor – ein Lieblingswort, dass er fast gegen jede meiner Aeusserungen anwendete – ihm gefiel nichts besser, als in Bamberg zwischen seinen Kameraden und guten Freunden fortzuleben, und ich musste manchen plumpen Spott über meine Liebe zur natur und Kunst anhören. Aeusserlich ertrug ich das mit kalter Verachtung; aber es grämte mich, dass Obernau nicht die geringste Teilnahme für mich empfand, und es erbitterte mich, das er dennoch es wagen konnte, von seiner Liebe zu mir zu sprechen und Erwiderung zu fordern, als sei sie sein Recht. Und liessen gar meine Schwägerinnen sich einfallen, denselben Ton anzustimmen, so wies ich sie herbe zurück, und sie rächten sich dafür, indem sie gegen ihren Bruder über meine Schroffheit wimmerten, und ihn endlos beklagten, an