immer auf hausbackene Nützlichkeit zielen, sind die einen grade so gemein oder grade so würdig als die andern. Aber neunmal hundert neun und neunzig tausend neun hundert Frauen verlangen es eben nicht anders; achtundneunzig verlangten es wohl anders, einst, vor langen zeiten, auf die sie sich selbst nicht mehr recht besinnen können, so untergewirbelt sind sie; nun haben sie sich gefügt, aus Kälte, aus Verständigkeit. Und eine, nur eine, aber doch eine, eine einzige unter der Million, die verlangt es anders und, feiner oder schwächer organisirt, kann sie nicht zahm sich fügen, und fühlt doppelt die Demütigung, weil sie zu schwach ist sie abzuwehren. O diese Eine! sie kommt nicht in Betracht vor euren Gesetzen, es kann kein eigenes Recht für sie geschaffen werden, Gott und Menschen ziehen die Hand von ihr ab – denn im Namen Gottes ist ihr Segen verheissen worden, wo sie Unheil gefunden, und die Menschen hohnlächeln ob der Phantasterei, welche da einen Tempel erbauen möchte, wo ein ekler Sumpf liegt. O diese Eine! – es gibt Schmerzen, vor denen die Welt das Knie beugt, strahlende Schmerzen, geputzte Schmerzen, rosenrote Schmerzen, Triumphbogenschmerzen! aber mit diesem Schmerz kokettirt man nicht, den vergräbt man scheu im Busen, wie man das Krebsgeschwür am Busen mit unsäglicher Beschämung verbirgt. Doch das Gift des Geschwürs durchschleicht allmälig das Geäder des Körpers und dringt in Mark und Blut, und dieser Schmerz wird zu einem Gift, zu einer Quintessenz von Hass, Bitterkeit, Verzweiflung, Empörung, Verachtung und Groll, wovon die Seele krank werden und verderben muss, und Keiner, Keiner hat einen blick des Erbarmens dafür. O diese Eine! – das ist nicht eine von den Schlechtesten gewesen! nicht um den Glanz und den Genuss der Welt zu haben, ist sie in dies Jammerlabyrint geraten! nur kindisch, nur unerfahren, nur jugendlich selbstvertrauend sprang sie, ein sorgloser Schwimmer, von dem stillen Felsen ins rauschende Meer, um einem Andern die liebende, die hülfreiche Hand zu bieten! aber der ist zu haus in dem wilden Element, der zieht die arme in den Strudel hinein, in die Tiefe hinab, sie sinkt – und Keiner rettet sie! ... Sind denn nicht Männer da? ... ja doch! ... da stehen sie, faunisch, neugierig, lüstern vor dem trostlosen geheimnis dieser Ehe, und raten und rätseln, und deuten und deuteln, und bringen es am Ende zur sonnenklaren Evidenz, dass diese Frau die begehrungswürdigste auf dem Erdboden ist. Ja doch! ... wo es eine unglückliche Frau gibt, – jung und hübsch, comme de raison! – da fehlt ein halbes Dutzend ritterlicher Männer nicht, welche sich die Ehre streitig machen, dieser holden Augen Tränen zu trocknen, dieser frischen Lippen schmerzliches Zucken in süsses Lächeln zu wandeln. Sie sind ja die gebornen Beschützer der Schönheit – die edlen Männer! – O diese Eine! ich will ja gar nicht weinen, weil ich gerade unter der Million es sein musste; ich weine nur, weil überhaupt solch Elend auf dieser schönen Welt statt findet.
"Aber damals weinte ich über mich. Ich kam mir selbst unmenschlich entwürdigt vor durch die leidenschaft, die ich erregte, ohne sie zu teilen, und das geschöpf, welches der Mann mit dem Fuss vom Sopha auf die Strasse schleudert, schien mir weniger erniedrigt, als ich mich fühlte; – denn es steht ausser dem Gesetz, denn es macht keinen Anspruch auf Ehre; aber ich, unter dem Schirm des Gesetzes, umringt von jeder Schutzwehr, welche der Ehre heilig, jung, unverdorben, sittlich rein, ich sah mich plötzlich in der Gewalt eines Menschen, dessen furchtbares Recht über mich dadurch geheiligt sein sollte, dass er in einer Kirche vor vielen Zeugen gelobt hatte, es immer zu üben. Was ging das mich an? i c h musste ihm das Recht geben: nur so begriff ich es! nur so konnte es nicht entadelt werden. Ich sah bisweilen die Leute ganz erstaunt an, wenn sie mich mit achtung behandelten – die übrigens der vornehmen, reichen Frau nie fehlt – ich hätte fragen mögen: was fällt euch ein! der willenlose, dumpf gehorchende Sclav, zählt der mit in der menschlichen Wesenreihe? und steht mir's nicht wie ein Brandmal auf der Stirn, dass ich Sclavin bin? Ich hüllte mich in meinen Gram wie in ein Panzerhemd, und waffnete mich mit meiner Erbitterung wie mit einem scharfen Schwert, und behandelte die Männer mit einem Uebermut, mit einer Verachtung, vor welcher sie in den Staub fielen und in Anbetung gerieten. Aber ich, die weit sehnlicher wünschte, einen Gegenstand der Liebe und Verehrung zu finden, als es zu sein, zerfiel mit mir selbst immer unheimlicher, immer tiefer, je greller der Widerspruch zwischen der äussern Erscheinung und dem inneren Sein sich gestaltete. Ich wurde von meinem Mann geliebt, und empfand für ihn den unbesieglichsten Widerwillen. Die Welt huldigte mir, indessen ich mir selbst verächtlich vorkam. Man pries meine Verhältnisse glücklich und beneidenswert, und ich fühlte mich in ihnen unaussprechlich elend. Hätte ich wenigstens den Trost gehabt, Obernau etwas über sein leeres, wüstes Treiben zu erheben, so würde mir das einigen Mut eingeflösst haben. Doch die Sclavin dient dem Gebieter nur, wenn er es befiehlt; ausserdem ist sie ein Spielwerk, welches unbeachtet im Winkel steht