gemacht haben; – und dies wird doch zuweilen als Lob von einem Mädchen gesagt! Nun, ich habe es nie verdient. –
"Aber an wen sollte ich mich wenden in meiner Herzensangst? Sehr verständig, wie mir scheint, wendete ich mich an Obernau, und sagte ihm an einem schönen Abend, wo wir allein im Garten waren und die melancholische Herbstnatur mit heimziehenden Wandervögeln und herabrieselnden Blättern mich noch trauriger stimmte, dass ich ihn lieber nicht heiraten wolle. "Ein romanhafter Mädchengedanke!" antwortete er spöttisch wegwerfend. Ich verstummte blöde, und sann acht Tage lang darüber nach, ob er nicht wirklich Recht habe. Bisweilen kam es mir auch so vor, aber als über diesem Besinnen der Hochzeitstag mir bis auf vierzehn Tage nah gerückt war, so fand ich, Obernau habe Unrecht, und abermals verkündigte ich ihm meinen Entschluss und bat ihn dringend, mir mein Wort zurückzugeben. Statt der Antwort sprach er: "Ini, Du siehst zum Küssen lieblich aus, wenn Du bittest! ich wäre ein grosser Narr, wollte ich Deinen Willen tun." Indessen da er sah, dass ich weinte, fragte er, ob ich etwa einen Andern, etwa den und jenen, den er nannte, heiraten wolle. Zufällig waren das närrische, fade, dümmerliche Leute, und Obernaus Frage kam mir possierlich vor – oder war es nervöse Aufregung – kurz, ich brach in lautes lachen aus, und Obernau sagte beruhigt und beruhigend: "Wenn Du keinen Andern lieber hast, so kannst Du mich mit gutem Gewissen heiraten." Trotz dieser Versicherung war aber immer eine stimme in mir wach, die mir zurief: tu' es nicht! und zum dritten Mal, doch nun unter tausend heissen Tränen und mit bangem Flehen, bat ich um meine Freiheit. Da wurde er endlich anders, er gab das spöttelnde, scherzende Wesen auf, womit er bisher meine Einwendungen zunichte gemacht, er beschwor mich, ihn nicht grenzenlos unglücklich zu machen, er liebe mich zu sehr, um von mir lassen zu können, er wolle Alles tun, Alles sein, was ich gut und recht fände, er lag zu meinen Füssen, er weinte – ich hatte in meinem Leben weder ihn noch irgend einen Mann in solcher Bewegung gesehen, es machte einen schauerlichen, gewaltigen Eindruck auf mich, ich dachte kindisch: wohlan, lieber unglücklich sein, als unglücklich machen! – nicht wissend, dass in der Ehe eins aus dem Andern folgt – ich bat ihn tausendmal um Vergebung, und wünschte nun selbst den Hochzeitstag mit einer fieberhaften Ungeduld herbei, in der Hoffnung, mein Schicksal müsse sich lieblicher in der Entschiedenheit, als in der Erwartung stellen. Ich ward seine Frau. Der Stab war über mich gebrochen! – so kam ich mir vor, so komme ich mir noch jetzt vor, wenn ich an den Moment denke, von welchem doch schon manches Jahr mich trennet."
Faustine senkte ihr Haupt wie gebrochen, und legte das Gesicht in beide hände; ihr Busen flog krampfhaft, sie bebte vom Scheitel zur Sohle, und als sie nach einer Pause die hände sinken liess, war ihr sonst so blumenzartes, holdseliges Antlitz starr, marmorbleich, tragisch. "Ja," sagte sie mit herzzerschneidender Wehmut, "von der Faustine, die damals unterging, mag jetzt wohl keine Spur übrig sein, denn sie fiel der Schmach anheim! Ja ja! auf meine unschuldige, reine Stirn wurde der Stempel der Schmach gedrückt, und ich – ich habe es gelitten und es überlebt!"
Sie ging im Salon auf und ab, mit heftigen, ungleichen Schritten. Sie rang die hände. Sie dachte nicht an Marios Gegenwart, nicht an seine Liebe – nur an ihre Vergangenheit; und mehr zu sich selbst, als zu ihm, sprach sie mit tiefer Bitterkeit:
"gibt es denn auf der ganzen weiten Gotteswelt eine Schmach, welche der gleich kommt: einem mann zu gehören, ohne ihn zu lieben? O ich glaube, ein ganzes Leben von Verworfenheit wird mit diesem Begriff bezeichnet. Doch nein! nein! ich irre mich! ich war ja seine Frau, am Altar ihm angetraut – dann hat es nichts zu sagen – für die Menschen." Sie lachte in sich hinein.
"Ruhig, Faustine, aus Barmherzigkeit mit Dir, sei ruhig!" bat Mario erschüttert.
"Schweigen Sie, Graf Mengen! Sie haben mein Leben wissen wollen – da dürfen Sie mich nicht stören, wenn wir bei einem so wichtigen Punkt angelangt sind. kennen Sie nicht die Sage von jenem Nixenbrunnen, dessen wasser, hat man den schweren Steindeckel einmal abgewälzt, immer höher, immer höher steigt, den Rand überquillt und das Land rings umher in eine brausende Wogenflut verwandelt? O, diese unermessliche Flut von ungekanntem, von misskanntem Weh in der Brust eines Weibes erschüttert sogar eine Männerbrust, wenn es sich einmal nicht als Klage, nur als Schrei, äussert! dann muss es gewiss etwas welterschütterndes sein! Aber ach! als Abnormität wird es betrachtet! Krankhaft an Leib oder Seele, verschroben, überspannt nennt man eine Frau, nachdem man sie ohne Barmherzigkeit in die arme des ersten Besten, der sie nach ihr ausstreckt, geliefert hat, und sie nun mit unüberwindlichem Entsetzen wahrnimmt, was von ihr gefordert wird, was sie gewähren soll. Von einer Million Ehen wird eine aus Liebe geschlossen. Die Beweggründe der übrigen kommen in keinen Betracht; weil sie