und dabei nicht allzu fade plauderten. Huldigungen verlangte ich nicht – vielleicht darum wurden sie mir oft zu teil in der oberflächlichen Manier, die zwischen ganz jungen Leuten statt findet. Nur Graf Obernau behandelte die Sache ernster. Er war Rittmeister, sieben und zwanzig Jahr alt, aus vornehmem Geschlecht, sehr reich und sehr schön – wenn man dies Prädikat den regelmässigen Zügen, der stolzen Gestalt und guten Haltung beilegen will, welche in manchen Familien selbst dann noch erblich sind, wenn schon der Adel der Gesinnung und die Kräftigkeit des Blutes erloschen, die zuerst diesen Stempel ausprägten. Ich gefiel diesem mann auf eine mir ewig unerklärbare Weise, d.h. er verliebte sich am ersten Abend, wo er mich bei der Tante sah, dermassen in mich, dass er auf dem Heimritt zu einigen Kameraden sagte: "Der Teufel soll mich holen, wenn das nicht meine Frau wird." Seine Kameraden zweifelten durchaus nicht daran, da eine so glänzende Partie wie Obernau schwerlich abgewiesen wird, und er überdies ein sogenannt guter Mensch war, Jedem Geld borgte, Jedem im Duell secundirte, keinen Spass verdarb, und nebenbei von solcher Schwäche war, dass Jeder, der in seine Launen einzugehen und ihm ein wenig zu schmeicheln verstand, ihn lenken konnte, wie ein Kind. Solch ein Kamerad, der vornehm und reich ist, ausser den guten Connexionen auch noch den stets gefüllten Beutel hat, und obenein das gute Herz, welches mit beiden aushelfen lässt – wird von allen jungen Männern zärtlichst geliebt. Kaum hatte Obernau mir sultanisch das Schnupftuch zugeworfen, so würde kein junger Mann, zehn Meilen in der Runde, sich zwischen ihn und mich gestellt haben. Es war gleichsam ein allgemeines schweigendes Uebereinkommen, dass er und ich für einander passten und gehörten. Obernau und immer Obernau war vor meinen Augen und an meiner Seite, oder schwirrte vor meinem Ohr; denn der Tante konnte nichts Erwünschteres kommen, als seine passionirte Neigung, und sie trug sorge, mir von ihm stets in einem Ton zu reden, der Eindruck auf mich machen musste. Nämlich zuerst lobte sie seine guten Eigenschaften, dann beklagte sie den bösen Einfluss, welchen schlechte Ratgeber und eigennützige Freunde in seinem wohlwollenden, vertrauenden Herzen gewonnen, und schloss endlich damit, eine gute, edle Frau könne ihn leicht zu sich emporheben und ihn zu einem neuen, bessern Menschen umwandeln – und das sei der herrlichste Beruf des Weibes. Ich hatte zwar kein Vertrauen zu dem Herzen meiner Tante, aber grosses zu ihrer Klugheit. Was sie da sagte, kam mir verständig und gut vor, und ist es auch, wenn nur das Weib, welches sich diesem heroischen Beruf widmet, in sich klar, fest und abgeschlossen genug ist, um nicht selbst dabei herabgezogen zu werden. Ich armes, unerfahrnes geschöpf, ohne leidenschaft, ohne Schmerz – diesen zwei Binde- und Löseschlüsseln des Wesens – konnte das damals nicht in überlegung ziehen. Ich dachte, was die ganze Welt gut und zweckmässig finde und was einen Menschen glücklich mache, dass müsse ich tun, und ich verlobte mich mit Obernau. Wollte ich sagen, er sei mir gleichgültig oder gar zuwider gewesen, und ich sei zu dieser Partie beredet oder gezwungen: so würde ich lügen. Nein, ich war ihm recht gut, und gab ohne Widerstreben seiner Werbung Gehör. Ich wollte ja auch meine herrliche Bestimmung erfüllen und recht etwas Gott und den Menschen Wohlgefälliges vollführen. Ueberdies sah ich meine seit drei Monaten verheiratete Schwester äusserst glücklich mit einem mann, der mir unerträglich schien; daraus zog ich den Schluss, der grade umgekehrt richtig ist: der Mann sei am liebenswürdigsten in der Ehe – und die Anstalten zur Hochzeit wurden gemacht.
"Je näher aber der Zeitpunkt kam, desto beklommener ward mir. Ich, die nie träume, die nie eine bange Vorempfindung des Gewitters spüre, wandelte umher, als solle ein quälender Traum in Erfüllung gehen oder ein Unwetter losbrechen. Wenigstens bilde ich mir ein, dass diese Schwüle, diese Schwere, diese Angst ohne Grund und ohne Namen, denjenigen heimsuchen müsse, welcher Traum und Ahnung kennt. Zu wem sollte ich reden? die Tante liebte nicht Erörterungen der Gefühle, wenn sie Entscheidungen herbeiführen konnten, welche ihren Absichten widersprachen; sie wies sie nie ab, doch mit schlauer Geschicklichkeit wusste sie stets sie zu vermeiden. Meine Schwester, wie gesagt, war verheiratet: das war eine unübersteigliche Scheidewand zwischen uns. Sie war jetzt die Frau eines Mannes, nicht meines Gleichen, kein Mädchen mehr! kaum dass sie mir noch wie meine Schwester vorkam. Es gibt eine Jungfräulichkeit des inneren Seins, rührender und reizender als die, welche der Myrtenkranz repräsentirt, weil sie unendlich seltner ist. Aber leider! leider! geht sie oft v o r dieser und fast immer m i t dieser verloren! sie widersteht nicht der materiellen Genusssucht. Meine Schwester war in kurzer Zeit ganz fraulich worden, verloren in ihren Familien- und Haus-Interessen, und mit unendlichem Behagen sich darin zurecht setzend, wie der Vogel auf seinem Nest. Sie gehörte zu den weiblichen Wesen, die von der Geburt an, möchte ich sagen, Frauen sind und im haus Wurzel fassen und Blüten treiben. Sie ist glücklich dabei geworden, weil Temperament, Sinnesart, charakter mit ihrem Schicksal Hand in Hand gingen, und weil man von ihr sagen darf – was ich jedoch nie ohne einen leisen Schauder auszusprechen wage: – sie würde jeden Mann glücklich