!"
"O Faustine! Du liebst mich, nur mich: das wird entscheiden."
"Nein, Mario, ich liebe Andlau, den Mann, dem ich mein ganzes Geschick aus freiem, vollem Herzen in die Hand gegeben, und der es wie ein Gott unwandelbar liebend und treu gelenkt hat."
"Und nicht mich, Faustine? besinne Dich, Herz! wirklich nicht mich?"
Sie sank zu seinen Füssen nieder, umschlang seine Kniee und legte ihren Kopf darauf. Er wollte sie aufheben, doch sie bat: "Lass mich hier liegen, Mario, und frage mich nicht so, Du – Mensch gewordner, lichter Sonnenstrahl! wie sollt' ich Dich nicht lieben?" Sie weinte heftig. Er richtete zärtlich ihr glühendes Antlitz in seiner Hand empor und sprach:
"Mein Engel, erzähle mir nun Alles, was Dich betrifft. Es ist so dunkel um mich her! wenn ich Alles weiss, wird es mir hell werden, damit ich entscheiden könne, entscheiden, wie der Mario es muss, den Du liebst. Darum die Wahrheit, Herz, die reine Wahrheit, wie vor Gott."
"Wie vor Gott!" wiederholte sie feierlich, und stand auf. Sie waren schön die beiden Gestalten einander gegenüber. Mario sass in seiner gewöhnlichen Stellung mit untergeschlagenen Armen seitwärts am Tisch, und die Kerzen warfen nur ein Streiflicht über ihn. Aber sein marmorbleicher Kopf mit den vornehm stolzen, aber durch die Macht der Empfindung für den Augenblick melancholischen Zügen, mit dem tiefen, geistreichen, glühenden Auge und dem dunkeln Gelock, hob sich, gleich einem Gemälde von Velasquez oder Murillo, lebhaft von der dunkelroten Lehne des Fauteuils ab, welche ihn hoch überragte. Faustine stand vor ihm, im vollen Kerzenlicht, blassrot gekleidet, blühend, weich, schwebend, halb sinnlich, halb seelisch, hingehaucht wie von Guido Renis Pinsel, etwas vom Johannes, etwas von der Magdalena im Ausdruck, der in jeder Secunde wechselte, so wie sie die Scala der Gefühle durchflog. – Er – ruhig, fest, entschlossen, nicht unerschütterlich, aber kampfbereit und unermüdlich, die Siegesfahne tragend, vielleicht in den Tod, doch gewiss nicht in den Untergang. Sie – schwankend, und immer ungewiss lassend, ob sie fallen, ob sie in den Himmel auffliegen werde. Er – ganz Mann. Sie – ganz Weib.
"Rede, mein Engel," sagte Mario sanft; "keine Frage, keine Einwendung, kein blick sollen Dich stören."
"Was habe ich denn eigentlich zu sagen?" fragte Faustine sich selbst, träumerisch die Hand an die Stirn legend. "Alltägliche Schicksale, ein Leben ohne gewaltige Ereignisse, eine Persönlichkeit ohne überwiegende Vorzüge – das ward mir, das bin ich. Und innere Zustände, Skizzen der Seele, kann man die einem Andern vors Auge führen und hindern, dass ihm der Glanz zu grell, und der Schatten zu schwarz erscheine? die Wahrheit wird durch das Wort so hart, dass sie, wenn nicht lügenhaft, doch unglaublich, doch übertrieben erscheint. Ich aber habe von nichts, als von inneren Zuständen zu sprechen; begebenheiten darfst Du nicht erwarten. – Aus der Pension in Mannheim, wo meine Schwester und ich, die armen Waisen, erzogen waren, kamen wir im siebzehnten Jahr zu unsrer Tante, welche ein schönes Landgut in der Nähe von Bamberg bewohnte. Ich war ein junges Mädchen, wie alle übrigen – glaube ich. Ich kann mich im grund gar nicht darauf besinnen, wie und was ich war, so lange mein Wesen in seiner kühlen, grünen Knospe bewusstlos wie ein Kind in der Wiege schlummerte. Ernst war ich wohl, doch auch heiter; still, aber innerlich lebhaft. Bilder wogten in mir, Gestalten tauchten auf, Erscheinungen zogen vorüber mit einer Fülle, in einer Lebendigkeit, welche mich schon zwischen meinen Pensionsgefährtinnen zu ihrer Scheherazade machten, zu einer kleinen Improvisatorin, die aber gewiss sich selbst weit mehr, als den Kreis ihrer Zuhörer amüsirte. Später gab ich diesen Phantasien keine Worte mehr, sondern Bilder; ich zeichnete. Das macht sehr still, weil die Hand bedächtig und das Auge vergleichend verfahren muss, wenn der Kopf auch braust. Dies Talent, grade für mich, mag wohl eine besondere Gnade des himmels gewesen sein: die bestimmte Form gab mir Haltung. Mit der Poesie hingegen, deren Schützlinge zwang- und mühelos von der Form nicht mehr brauchen, als was sie in ihren Fingerspitzen zusammenfassen, hätte ich gewiss den Phaëtons-gang und Sturz erlitten. – Von Liebe wusste ich nichts weiter, als was in den Dichtern steht, und das ist, so lange man es nicht auf einen bestimmten Gegenstand überträgt, etwas so Farbloses wie das Prisma, ehe man es zwischen Auge und Sonne hält. Ich liebte meine Bilder, meine Bücher, die Blumen, die Vögel, die ganze natur, die ganze Menschheit, den guten Gott, der dies samt und sonders geschaffen hat, – Alles en bloc. Meine Tante am wenigsten; denn sie war intriguant, und solche Charactere stossen mich von Grund aus ab, weil ich ohne Waffen gegen sie bin, mögen sie mich gewinnen oder mir schaden wollen. Ich fühle mich bei ihnen beklemmt wie irgend ein scheues Tierlein des Waldes, das die fangende Schlinge ahnt. Ich hatte Scheu vor meiner Tante. D i e Männer waren mir am liebsten, welche am besten tanzten