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entzückt und schlang den Arm um sie, als wolle er sie an seine Seite fesseln.

"Er liebt mich!" wiederholte sie mit derselben schwärmerischen Innigkeit. Sie umfasste seinen Kopf mit ihren beiden Händen, sah ihn an, schüttelte dann langsam den ihren und sagte träumerisch: "Das ist aber doch wohl nicht wahr."

"Nicht wahr! o Faustine, hast Du nicht gefühlt, wie mein Wesen allmälig mit dem Deinen verschmolzen ist, wie mein Herz gelernt hat in Deiner Brust zu schlagen, mein Geist in Deiner Richtung zu fliegen, mein ganzes Sein mit Dir Schritt zu halten. Ist das nicht Liebe, Faustine?"

Wie die rosenroten Gletscher immer blasser und blasser werden, wenn die Nacht heraufsteigt und zuletzt in schattengleichem Grau dastehen, so erbleichte sie; sie hing zerbrochen in Marios Armen und sagte tonlos:

"O, das ist aber entsetzlich!"

"Warum, Faustine? Engel, Du liebst mich –"

"Ich!" rief sie und fuhr mit der flachen Hand über die Stirn; – "ich .... Sie? – Sie irren sich seltsam, Graf Mengen."

Entsetzen, als habe der Blitz zu seinen Füssen die Geliebte erschlagen, zerwühlte plötzlich Marios glückstrahlendes Antlitz. Er stiess Faustine von sich und sagte mit einer vernichtenden Drohung im Ton: "Faustine!"

Sie sank in den Lehnstuhl wie eine welke Blume, die das Haupt unter dem rollenden Donner beugt. Dicke Tränen quollen langsam unter den Wimpern vor, die Locken hingen aufgelöst an den entfärbten zarten Wangen herab. Sie war jetzt bezaubernd durch den unaussprechlichen Gram ihres ganzen Wesens, wie sie es drei Minuten vorher durch dessen unaussprechliche Glut gewesen war. Mario hatte nicht die Kraft sie zu verlassen, obgleich er im ersten Augenblick schon eine Bewegung nach der Tür gemacht. Er kniete vor ihr nieder und sprach:

"Faustine, wie können Sie lügen?"

"Ich lüge nicht!" flüsterte sie ohne aufzublicken.

Er legte seine hände gefaltet auf ihre Kniee und sprach: "Sehen Sie mich an, fest und ruhig, und nun antworten Sie mir: "liebst Du mich nicht, Faustine?"

"Nein!" sagte sie fast unhörbar, aber unwillkürlich ruhte ihr Auge mit so himmlischer Zärtlichkeit auf ihm, dass er entzückt ausrief:

"Deine falschen, lieblichen Lippen lügen! Dein Auge spricht Ja! ich glaube ihm."

"Nein, nein!" rief sie in heftiger Angst und hielt beide hände vor den Augen; "kehren Sie sich nicht an die verräterischen Augen, der Mund spricht die Wahrheit."

"Faustine," sagte Mengen und stand auf, und seine zürnende stimme wurde noch schauerlicher durch die Bebungen, welche die gewaltigste Aufregung ihr gab – "wenn Du mich wirklich nicht liebst, wenn Alles nur ein Spiel, die Belustigung für einen leeren Augenblick gewesen, wenn Du die ganze Grazie Deiner Wesenheit nur als eine gemeine Koketterie verschwendet, wenn Du solche Nichtachtung fremder Gefühle hegst, dass Du lebende, schlagende, blutende Herzen anatomirst zu Deiner Belehrung oder Deinem grausamen Vergnügen: so habe ich keinen Ausdruck für meine Verachtung."

"Mario!" schrie Faustine und glitt auf ihre Kniee zur Erde herab – "ich liebe Dich."

Er hob sie auf, zog sie stürmisch an seine hochschlagende Brust und drängte in einem Kuss die Seligkeit und die sehnsucht zusammen, welche dies Wort in ihm auflodern liess. Aber Faustine begegnete nur scheu dieser Glut. Sie machte eine ganz kleine Bewegung, so leise, jedoch so unwiderstehlich, dass die Liebe ihr gehorchen muss, und dass doch nur die Liebe sie erraten kann; – und seine arme umstrickten nicht mehr wie ein Netz ihre Gestalt, und er fragte gepresst:

"Warum drängst Du mir das übervolle Herz in den Busen zurück, Faustine? O lass es an dem Deinen ruhen, mein geliebter Engel! jetzt weiss ich ja die Wahrheit."

"Noch nicht ganz, Mario," antwortete sie dumpf.

"Aber das Wesentliche: Du liebst mich. Und morgen fährst Du mit mir zu meinen Eltern, als meine Braut, als mein Weibwie du willst! aber mit mir, denn Du liebst mich, Faustine!" Er schlang ihre Lokken um seine Finger.

Sie sagte melancholisch: "Lass mich los! es hilft doch nichts! wir müssen scheiden."

Da schrie er plötzlich heftig auf: "Andlau?" – Faustine neigte bejahend das Haupt und Mengen sank wie zerschmettert in einen Stuhl.

"Siehst Du wohl, wie viel schwerer Dir jetzt als vor fünf Minuten die Trennung wird?" sagte sie gelassen; "O hätte ich das Liebeswort verschwiegen!"

"Rede, Unglückselige, rede!" rief Mengen; "warum denn Trennung? wer hat ein heiligeres Recht an Dir, als ich? und wenn ein Anderer es gehabt hat, geht es nicht auf mich über von dem Moment an, wo Du mich liebst? Ich will Dich haben, Faustine, ohne Teilung, ganz und gar" –

"Das begreif' ich," unterbrach sie ihn. "Aber kann ich denn einen Tag glücklich sein, wenn ich das ganze Schicksal eines Andern, eines geliebten Menschen, zertrümmere? Kannst du es dann noch durch mich, bei mir, sein? unmöglich, Mario, unmöglich, wie die Sonne unmöglich zur Mitternacht über unserm Haupt stehen kann! Und das sollst Du selbst entscheiden