er ganz froh ist, endlich mit guter Manier in die elysäischen Gefilde des himmels einpassiren zu dürfen."
"Gut, das ist eben e i n e Richtung!" rief Faustine; "ich sehe aber nicht ein, warum der Faust seelenmatt werden muss. Hat die Liebe ihm keine Befriedigung gegeben, so werfe er sich lodernd, wie in ihren Schooss, in die arme des Ehrgeizes, der Welterrlichkeit, der Kunst! so ringe er nach ihnen und um sie, statt mit ihnen zu spielen! so strenge er all' seine Kräfte und sporne all' seine Gaben an, damit er doch Etwas zu Tage fördere – und sei es nur gerade Etwas, woran Mephistopheles seine Weltironie üben könne, der jetzt in dieser beängstigenden Atmosphäre nur noch zu armseligen Spässen gelegenheit findet, mit Gauklerkunststücken sich helfen muss, und aus seiner grandiosen Lucifer-Region in die Kategorie der kläglichen, dummen Teufel fällt. Die Kräfte eines Faust dürfen brechen – nicht erlahmen. Sind sie gebrochen im rastlosen Kampf: so gehe er heim nach Gretchens öder Hütte, und suche dort im tod, was er im Leben umsonst gesucht: ein Haus für die Ewigkeit. Der göttlichen Barmherzigkeit und der reinen Liebe sind keine Grenzen gesetzt; heben sie die matte Seele in den Himmel – warum nicht die ringende Feuerseele?"
"Schreiben Sie doch einen zweiten teil zum Faust" – sprach Feldern scherzend.
"Nein, ich lebe ihn lieber," entgegnete sie. "Schreiben ist nur ein Surrogat für leben."
"Oder ein Widerhall des Lebens, der an jedem Busen sich bricht und zu einem neuen, klingenden Ton wird" – sagte Feldern.
"Ach!" rief Faustine, "unsre Brust ist gar nicht mehr im stand, die Millionen von Widerhallen aufzufangen, die wie Bienenschwärme gegen sie losgelassen werden. Seit das Bombardement der Menschheit durch Kugeln so ziemlich aus der Mode gekommen, ist dafür das durch Bücher eingetreten, welches, wie eine Influenza, seine Zeit durchgrassiren muss. Ich regrettire im grund das Kanonen-Bombardement! man riskirte zwar in einem solchen den Geist aufzugeben, allein der Kopf wurde dann doch mit fortgeschossen. Die Bücher hingegen lassen die physischen Köpfe friedlich zwischen den Schultern sitzen, und nur der geistige wird von ihrem Bombardement betäubt und verdummt. Ich hoffe, noch vor Ende dieses Jahrhunderts wird jeder auftauchende Schriftsteller nach irgend einem Botany-Bay gesendet."
"Welch' ein vandalischer Hass gegen die armen, liebenswürdigen Schriftsteller, die Ihnen doch gewiss von Robinson an bis zur heutigen Stunde unsägliches Vergnügen gemacht haben."
"So so! Sie leben mir vor, sie denken mir vor – ich lebe und denke aber lieber auf meine eigene Hand, schlecht und recht, wie ich's eben verstehe, als einem Andern nach."
Als Mengen kam, bemerkte er sogleich Faustinens innere Aufregung. Sie sprach; aber dann und wann hielt sie mitten im Satz inne, weil sie keinen Atem mehr hatte. Ihre Augen glänzten; aber dann und wann sanken die Augenlieder tief und müde herab.
"Sie sind fatiguirt, Gräfin," sagte Mario sanft, und setzte sich zu ihr.
"O, zum Sterben!" entgegnete sie, sich im Fauteuil zurücklehnend.
"Man muss nicht so viel reden, wenn einem nicht danach ums Herz ist."
"Dann schweigen Sie nur, Mengen! Sie tun ja nie danach, wie es Ihnen ums Herz ist." – Er sah sie fragend an. – "Nun ja," fuhr sie fort, "Sie reisen und würden doch viel lieber, trotz Hochzeit und Freudenfesten, hier bleiben."
Er antwortete ihr nicht, aber er verwickelte die Anwesenden in gespräche, womit die Zeit hinging ohne Faustinens Bemühen. Als man aufbrach, wünschte man ihm eine glückliche Reise, und all' die freundlich banalen Phrasen erklangen, welche denen so weh tun, über die der Schmerz des Abschieds einbrechen wird. Faustine sass regungslos auf ihrem Platz. Sie grüsste mit den Augen die Scheidenden. Nun war sie mit Mario allein. Schweigend, mit untergeschlagenen Armen, stand er eine Weile vor ihr, denn die Gefühle wogten in seiner Brust und erstickten die Worte. Da stand sie auf, legte beide hände gefaltet auf seinen Arm und sagte bebend:
"Auf Wiedersehen, Freund!"
"Kann ich denn so von Ihnen scheiden?" fragte er eben so leise und fasste ihre hände in die seine; – "o Faustine, ich kann nicht!" rief er dann mit überströmender Heftigkeit und drückte sie an sein Herz, als wolle er dies brausende Herz oder die geliebte Gestalt zerbrechen. –
"O, das ist nicht recht!" sagte sie, immer mit demselben Ausdruck von Trauer im blick und Ton.
"Vergebung, Faustine," sprach Mario sanfter und seine Hand glitt leise über ihr Haar, ihre Wange hinab – "siehst Du, ich liebe Dich –"
Da stand sie auf einmal frei, seinem Arm entwunden, vor ihm. Sie bog den Kopf zurück, der plötzlich in einer Verklärung stand, welche nur überirdischer Triumph verschmolzen mit bacchantischem jubel auf das Menschenantlitz giessen; sie breitete die arme aus, doch nicht zu ihm, sondern empor zum Himmel, und mit der nämlichen Extase im Ton sagte sie: "Er liebt mich!" –
"Wohin denn mit dieser wehenden Glut, Faustine, wenn nicht zu mir?" rief Mario