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keine Gefahr, nichtsich zu verlieben, sondernin diesen Verdacht zu kommen: was sehr unbequem und störend sei. – Ohne Vermögen, ohne Ansehen, ohne Verbindungen, ohne Intriguen, nur durch die Macht ihrer Persönlichkeit hatte sie es dahin gebracht, dass die Welt ihr verhältnis zum Baron Andlau stillschweigend als ein legales anerkannte und, um sich gleichsam für diese Nachsicht zu entschuldigen, eine heimliche Ehe voraussetzte.

Faustine und ihre Schwester Adele, als Kinder schon verwaist und ganz arm, wurden von einer Schwester ihres verstorbenen Vaters erzogen, d.h. diese bezahlte die Pension beider Mädchen für ihre Erziehung in einer grossen Kostschule, und bekümmerte sich nicht eher um sie, als bis sie erwachsen waren. Da nahm sie sie in ihr Haus, und hatte keinen sehnlicheren Wunsch, als sie so bald wie möglich zu verheiratennicht aus Interesse für die hülflose Lage der Mädchen, sondern weil sie selbst noch sehr gern Huldigungen entgegennahm, und ihrer vierzigjährigen Schönheit nicht mehr die Kraft zutraute, siegreich neben siebzehnjähriger zu bestehen. Zwei junge Männer, die öfters ihr Haus besuchten, schienen ihr so wünschenswerte Neffen, dass sie beschloss: sie müssten es werden. Und sie wurden es. Graf Obernau, ein wilder, brutaler Militär, dem nichts über sein Pferd, seinen Schoppen Wein und seine Pfeife ging, war der eine; Maximilian von Walldorf, Gutsbesitzer, derb und vierschrötig, ohne Manieren, aber brav und ehrlich, war der andere; dieser von geringem, jener von bedeutendem Vermögen, was aber ziemlich auf eins herauskam, da Walldorf sehr guter Wirt "ein äusserst solider Mensch" war, – wie die Tante zu Adele sagte, und Obernau ein Tollkopf und Verschwender "den Du zum schönen und nützlichen Gebrauch seines Vermögens anleiten wirst" – wie sie zu Faustine sprach.

Adele, emsig und tätig, von Kindheit auf mit hausmütterlichen Neigungen, froh der Kostschule entronnen zu sein, dachte sich keine lieblichere Zukunft, als ein eigenes Haus zu haben, und darin vom Morgen bis in die Nacht wirtschaftliche Geschäfte zu treiben. Ein Mann musste sie freilich in dies Eldorado führen, denn auf dem Schloss der Tante hatte sie nicht so freie Hand, wie sie es wünschte, weil die Tante der Meinung war, Wirtschaftlichkeit und Fleiss sei ein Netz wie jedes andere, um den Mann darin zu fangen, welcher diese Eigenschaften suche; übrigens aber brauche man sie nicht gründlich zu treiben, nicht die hände am Feuer zu verderben, und nicht die Haut in der Sonnenhitze auf dem Bleichplatz, oder an der Ofenglut beim Plätten. Adele aber kannte kein grösseres Vergnügen, als die schöne, reinliche, weisse, feine Wäsche durch das Plätten zu ihrer Vollkommenheit zu bringen; und kein blick auf ein Gemälde von Rafael oder auf eine italienische Gegend hätte sie so innerlich befriedigt, als der in einen grossen, weitgeöffneten Schrank voll glatter, silberweisser Leinwand.

"Das Mädchen ist wirklich gar nicht im Salon zu brauchen," sagte die Tante einst verdriesslich zu Walldorf, als Adele Abends dunkelrot im Gesicht und ganz schläfrig erschien. "Wenn ich sie wollte gewähren lassen, könnte ich zwei Mägde abschaffen und sie ersetzte deren Stelle. Heute früh um vier Uhr ist sie aufgestanden und hat Käse gemacht .... – essen Sie gern Käse?"

"Wenn er gut istmein Leibessen! aber die Butter muss auch gut sein."

"O die Butter! das versteht Adele gründlich! – Dann hat sie beim Buttern die Oberaufsicht geführt .... –"

"Bei mir wird früher gebuttert, als Käse gemacht."

"Das ist ja einerlei, wenn es nur tüchtig gemacht wird."

"Nicht so ganz, freilich! doch fräulein Adele ist noch so jung, kann lernen."

"Ach, mein guter Walldorf, Sie müssen es nicht so genau mit mir nehmen; ich erzähle nur, was Adele heute Alles getan hat: die Reihenfolge weiss ich nicht; aber gelungen ist Allesdas weiss ich."

"Nun, was hat sie noch weiter getan?"

"Sie hat Kirschen mit Zucker eingekocht; sie hat sich ein Kleid zugeschnitten, und zuletzt hat sie geplättetdarum ist sie so erhitzt."

"Ein capitales Mädchen, das! wenn ich mir erlauben darf, es zu sagen."

"Und so anspruchlos, so einfach, so genügsam, so freundlichdas wäre eine Frau für jeden verständigen Mann."

"Gnädige Frauauf Ehre, das hab' ich auch eben gedacht." Und mit grossen Schritten ging er durch den Saal zu Adele, die im letzten Fenster bei ihrer Arbeit sass, während Faustine und einige andere Personen um den Flügel versammelt waren.

"Was nähen Sie so emsig, gnädiges fräulein?" fragte er, um die Unterhaltung anzuknüpfen, was ihm stets sehr schwierig vorkam.

"Taschentücher," – entgegnete sie ohne aufzusehen. Daran liess sich nicht fortweben. Er nahm einen neuen Anlauf:

"Essen Sie gern Kirschen, gnädiges fräulein?"

"Ausserordentlich gern" – antwortete sie und sah ihn freundlich an.

"In Oberwalldorf sind herrliche Kirschen, alle mögliche Arten."

"Das hat mir meine Tante erzählt."

"Hat sie das? das freut mich. Sagen Siemöchten Sie die Kirschen essen?"

"Hier sind auch recht gute Sorten" – sprach sie ausweichend nach Mädchenart.

Er dachte im Stillen: Blitz