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. In solchem verhältnis ist es nur seine, niemals ihre Schuld, wenn er ein Lächeln, einen holden blick, ein süsses Wort als ein Versprechen künftiger grösserer Gaben betrachtet. Die Frau ist gleich dem kind, heftig, glühend, leichtgerührt; hernach vergisst sie das, und das macht ihr der Mann zum Verbrechen. Es ist aber ihre natur, so wie die seine Barbarei ist. Nur nie Mitleid mit dem mann geäussert! er missbraucht es alle Mal.

Clemens jubelte heimlich: "ich wusste wohl, dass ich sie rühren würde!" Anfänglich war sein brennendster Wunsch nicht weiter gegangen, als seine Liebe geduldetnun wünschte er schon, sie erwidert zu wissen. Er gestand es sich freilich nicht ein, aber im Herzen rechnete er schon darauf; denn was wär' es für eine wunderliche Liebe, die keine Erwiderung begehrt? ich denke, es wäre gar keine Liebe. – Mengen gehtso lautete Walldorfs Rechnungsie wird ihn vermissen, weil er ihr eine angenehme Gesellschaft ist, doch von einer Neigung kann nicht zwischen ihnen die Rede sein, da diese Trennung statt findet. Hingegen wird Andlau kommenaber ist denn da noch die alte Liebe? fast sechs monat hat er sie verlassen, und sie lebte während der Zeit ruhig und heiter. Wo ist der Mensch, der, wie ich, ohne ihren blick in Verzweiflung untergeht? Nein, mir, meinem lodernden Herzen gehört sie einzig an. – Bisweilen sass er ihr viertelstundenlang schweigend gegenüber und sie schwieg auch. Sie malte oder zeichnete. Clemens kam gern in den frühen Morgenstunden, wo er gewiss war, sie allein zu treffen; spätern Besuchen räumte er das Feld, und war am glücklichsten, wenn er sie ungenirt bei ihren gewohnten Beschäftigungen, die sie seinetwegen nicht unterbrach, häuslich und traulich fand. Darum begehrte er auch keine Conversation von ihr. Sie durfte sich in ihre Arbeit, ihre Gedanken vertiefen. Das tat sie auch. Fiel es ihr dazwischen ein, es sei doch sehr unfreundlich, sich gar nicht um des armen Clemens Anwesenheit zu kümmern, so sah sie lieblich zu ihm auf, oder nickte ihm einen holden Gruss, gleichsam seine Nachsicht erbittend, zu. Er aber meinte dann, sie freue sich über seine Anwesenheit; und sagte sie, um doch einigermassen für seine Unterhaltung zu sorgen:

"Da liegt ein hübsches Buch, lieber Clemens, lesen Sie doch ein oder das andere Capitel;" – so war er glückselig, weil er dachte: sie wünscht, dass ich bleibesonst könnte sie mich ja gehen heissen. – Faustine wünschte aber hinsichtlich seiner gar nichts, als ihn vor Ausartung der Torheit in Verwilderung geschützt zu wissen.

Am Vorabend von Mengens Abreise waren mehre Personen bei ihr. Er selbst kam spät. Sie hatte sich in eine grosse Lebhaftigkeit hinein gesprochen, um damit ihre Trauer zu umschleiern. Gleichgültige werden stets dadurch getäuscht. Jemand fragte: wie sie zu ihrem seltsamen Namen gekommen, und sie sagte:

"Mein Vater hatte eine solche Liebe zu dem Göteschen Faust, dass er, um in jedem Augenblick seines Lebens an dies Meisterwerk erinnert zu werden, seinen beiden ersten Kindern den Namen Faust und Faustine beizulegen beschloss. Meine Mutter bebte vor diesen barbarischen Namen, sie hatte ganz andere Lieblinge. Als der Zeitpunkt kam, wo ein Kindlein geboren werden sollte, gab es manche kleine Debatte, und unsäglich war die Freude der Eltern, als nicht Eines, sondern zwei zugleich das Licht dieser Welt erblickten, und nun Jeder einen Lieblingsnamen auf der Stelle anbringen konnte. So ward ich Faustine, meine Schwester Adele getauft. Meine arme Mutter starb im Wochenbett, und mein Vater hatte auch nicht lange die Freude, durch mich an sein geliebtes Gedicht erinnert zu werden: er blieb im feld. Für mich hat aber mein Taufpate, Faust, stets ein ganz besonderes Interesse gehabt, unabhängig von dem Zauber seiner Poesie und seiner grandiosen Weltanschauung. Ich wollte immer mein eigenes Schicksal in diesem rastlosen Fortstreben, in diesem Dursten und Schmachten nach Befriedigung findenaber der zweite teil hat mir das unmöglich gemacht. Ich denke, es schreibt wohl jeder von uns seinen eigenen zweiten teil zum Faust, der Götesche ist allzu individuel."

Graf Kirchberg sagte: "Das find' ich nicht! es ist das treue Bild aller Menschen, die wie die alten Titanen mit grosser Kraft den Ossa auf den Pelion türmen, Studien, Forschungen, Leistungen auf ihre Gaben, um damit dem Himmel abzutrotzen und abzuringen, was er diesem Streben nicht gewähren kann: Befriedigung. Der Strom der Sinnenlust hat im Entstehen noch Nerv, weil der Quellpunkt, die Liebe, ihm Nahrung gibt, aber breit, und dürftig dennoch, zerfliesst er in der Steppe des Ueberdrusses und des unbestimmten, auf kein hohes, festes Ziel gerichteten Verlangens. Dann versucht Faust dem Ehrgeiz, dem Weltglanz, der Welteitelkeit einiges Vergnügen abzugewinnen; aber es bleibt ein schaaler Spass für ihn, ohne Saft und Kraft, und dasselbe bleibt ihm die Kunst, der er sich darauf in die arme wirft. Das in ihr und mit ihr Erzeugte, Euphorion, verschwindet, weil es nicht aus der Begeisterung geboren ist, und somit hat auch die Kunst ihren Reiz für ihn verloren. Endlich probirt er es gar mit der Wohltätigkeit, mit der allgemeinen Menschenliebe, doch die Lauheit, das vage Missvergnügen bleiben ihm zur Seite, und dieser ununterbrochene Seelenregen macht ihn so matt, dass