von Faustine; sie wollte nicht weich werden, vielleicht ihres Vaters wegen. Der alte Mann erbat sich Faustinens erlaubnis, sie zuweilen besuchen und mit ihr von Cunigunden reden zu dürfen. Diese sagte zu Mario auf Faustine deutend:
"Sie bringen mir also bald Nachricht von meinem Liebesengel!" – dann ging sie mit Herrn von Stein in einen Gastof, und am andern Morgen, als die Sonne aufging, waren Vater und Tochter schon getrennt, und Cunigunde ging gefasst ihrer Bestimmung entgegen.
"Und Sie gehen nun auch?" fragte Faustine niedergeschlagen Mengen; "ich werde recht einsam sein. Wenn doch Clemens lieber ginge statt Ihrer."
"Ich komme bald wieder," sagte Mario; "meine Eltern wünschen es, wollen mich sehen –"
"Das begreife ich! wenn wir uns aber nur wiedersehen."
"Warum sollten wir nicht? wir sind jung."
"O, das ist kein Grund! im Gegenteil, junge Menschen werden häufiger getrennt, als alte." – Faustine blieb so niedergeschlagen, dass auch Mario davon angesteckt wurde, und wenigstens an dem Abend in keine leichtere Stimmung kam. Doch gerade dieser mächtige, unleugbare Einfluss Faustinens bestimmte ihn, eine Entscheidung herbeizuführen. Gehöre ich ihr so ganz an, sprach er zu sich selbst, so werde sie denn auch mein eigen! und was fürchte ich denn? sie ist ja frei, ich bin es! aber wird sie wollen? sie muss wollen, wenn sie mich liebt .... Wenn! – o verdammter Zweifel, den nur der Kopf ausbrütet, und das Herz nicht hegt!" –
Acht Tage vergingen bis zu Mengens Abreise, und Faustine blieb in einer Nebelwolke von Traurigkeit. In der Region der Gefühle ist dieser Zustand der unbehaglichste, weil er keinen Kampf zulässt, weil man warten muss, bis Sonne oder Wind den Nebel zerstreuen; und oft der gefährlichste, weil man mit umdämmerten Blicken häufig bis an den Rand des Abgrunds tappt, zuweilen in ihn hinabstürzt. "Wie kann er gehen!" dachte Faustine; "sieht er, fühlt er nicht, wie notwendig er mir ist? notwendig, wie die frische Luft, wie der Frühling! – Ach, der Frühling kommt und er geht!" – Bisweilen machte sie sich selbst Vorwürfe, wiederholte sich, dass einige Wochen schnell verstrichen, dass er heimkehren würde, dass auch Andlau, nach seinem letzten Brief zu schliessen, bald kommen müsse, und dass alsdann für sie Alle eine Erhöhung des Reizes im lebendigen Verkehr eintreten könne. Aber das lag so fern, gleichsam hinter den Nebelwolken ihrer Traurigkeit. Sie sah es nicht klar. Der Schmerz der Entbehrung lag ihr näher, als der Trost des Genusses einer zweifelhaften Zukunft. Sie wusste nicht, ob Mengen und Andlau an einander Behagen finden würden: Beide waren schroff und scharf, dieser eisig, wenn er unangenehm berührt sich fühlte, und jener in demselben Maass schneidend – zwei Naturen, die mit gezogenem Schwert sich gegenüberstehen mussten, sobald sie nicht Hand in Hand gingen.
Faustine war in ihrer tiefsten Seele beklemmt und unheimlich. Hätte sie den Mut, die Stärke und die Besonnenheit gehabt, den Verhältnissen fest ins Auge zu sehen, so wäre ihr bald genug klar geworden, dass in Marios Entfernung ihrer Aller Heil liege, und sie hätte durch ein gefasstes: "Fahre hin," dem Schicksal vorbeugen können, das sie zerbrach, als es in seiner vollen Macht über sie herbrauste; sie hätte durch eine ruhige Darlegung ihrer innersten Seelenverbindung mit Andlau Mengen auf einmal, ehe er ein Wort gesagt, durch einen einzigen kurzen Schmerz, in sein altes Gleichgewicht, wenigstens äusserlich, zurückgestellt, und in dem seinen das ihre gefunden; sie hätte Alles das tun können, was sie n i c h t tat, eben weil ihr Mut, Stärke und Besonnenheit fehlten.
Gegen Clemens war sie während dieser Zeit viel freundlicher, oder eigentlich sanfter als sonst, wo sie ihm nicht leicht irgend ein Wort hingehen liess, ohne es zu rügen, sobald es über seine Grenze sprang. Jetzt hörte sie nicht so scharf hin, oder sie hatte Mitleid mit seiner Torheit. Was den Frauen ihr Mitleid für Schaden tut – das ist nicht zu beschreiben und nicht zu begreifen! wenigstens nicht von den Männern zu begreifen, welche für die Frauen alle mögliche Empfindungen, nur kein Mitleid hegen. Im Hass und in der Liebe als Ueberwinder, vernichtend, grausam, vor den Frauen zu stehen, ist ihre Wonne, ihre Lust, ihr Triumph, – ihre natur! und die Frau, die darüber klagt, ist falsch: es hat noch jeder Simson seine Delila gefunden! – Aber daran tut der Mann unrecht, in jeder Mitleidsäusserung ein Liebeszeichen zu sehen. So weit müsste er aus seiner natur heraustreten und die fremde Eigentümlichkeit erkennen. Mitleid ist eine Tochter des allgemeinen Wohlwollens, und die Frau hat viel mehr Wohlwollen für den Mann, in welchem sie von haus aus eine Stütze und den Begründer ihres Glückkes sieht, als er für sie hat, die er doch nur à tout prendre, als eine sichre Beute betrachtet. Daher wird die Frau durch eines Mannes Neigung zwar nicht immer zur Erwiderung, doch gewiss immer zum Mitleid gestimmt – vorausgesetzt, dass ihr keine Verbindung mit ihm droht, wie es bei Cunigunden und Feldern war – und sie wird Dinge tun und sagen, die ihm ja nur den Mangel an Liebe freundlich verbergen sollen