Mann, nicht mit kindlicher Zärtlichkeit, nicht mit Verehrung, aber mit jenem tiefen Mitleid, das vielleicht Antigone für den blinden Vater empfand. Ach, auch der ihre war ja blind, konnte nicht allein stehen in dem verwirrten Leben, weil er nicht fähig war, es zu überschauen, und bedurfte einer Führerin, einer mildern, als die despotische Gattin war. Das war sein frommes Kind – wie er Cunigunde nannte – ihm stets gewesen und er bedauerte ihren unersetzlichen Verlust, aber vollkommen resignirt.
"Sie ist jung, ich bin alt'," sagte er, "da muss man an ihre Zukunft denken. Alte Leute haben keine! Und verloren hätte ich sie ja doch, sobald sie sich verheiratet hätte. Und dann wäre sie unglücklich geworden, sagt sie; das würde mir das Herz abstossen. Nun kann ja der liebe Gott es so fügen, dass sie noch einmal sehr glücklich wird, sogar, dass ich es noch erlebe."
Cunigunde sass immer neben ihm und hielt seine Hand in der ihren. Ihre Lippen zitterten, aber sie weinte nicht und sprach fast gar nicht. Es war eine herbe Wehmut in ihr, über die Art, wie sie aus dem Vaterhause einsam in die Fremde ging. Ehedem hatte sie sich dies Scheiden wohl anders gedacht, an der Hand des Gatten, einer schönen Bestimmung zu – doch das war lange her, war noch ein Bild aus ihrer ersten Jugendzeit, wo sie noch nicht ihre eigenen Ansprüche an den künftigen Gatten kannte. Seitdem war es anders in ihr worden; wie und wodurch – wusste sie nicht. Es kam ihr eben nur vor, als habe sie ausgeschlafen. Doch der Tag, zu welchem sie erwacht war, lag kühl und farblos da, und sie fröstelte bei dem Gedanken, da hinein zu müssen.
Mengen kam, erneuerte die früher gemachte Bekanntschaft mit Herrn von Stein und Cunigunden, und erzählte so viel und so herzlich von seiner Familie, besonders von seinem Vater, dass Allen ganz traulich und heimisch dabei zu Sinn ward. Matildens Hochzeit sollte nächstens sein. Faustine sagte:
"Das freut mich für die Liebenden und noch mehr für Sie, teure Cunigunde. Es bringt uns den Menschen näher, wenn wir ein Familienfest mit ihnen gefeiert haben. Wir sind nicht fremd in dem Kreise, wo wir einmal teilnehmend gelächelt oder geweint."
"Und ich werde Ihnen bald folgen, mein fräulein, und Ihnen Briefe und Nachricht von den Ihren bringen," sagte Mario; "denn ich bin sehr entschlossen, etwas so Frohes, wie eine Hochzeit, nicht bei den Meinen ohne mich vorübergehen zu lassen."
"Etwas so Frohes?" fragte Faustine; aber Mario hörte es nicht, weil Herr von Stein ganz vergnügt sprach:
"Es freut mich recht, Herr Graf, dass Ihnen eine Hochzeit wie eine Fröhlichkeit vorkommt. Sonst war es Mode, dass es lustig und hoch dabei herging. Es gab Feste und Schmausereien Tage, ja Wochen lang. Zum Hochzeitstage selbst gebrauchte man einen ganzen Tag, wie sich das gehört, damit aller Putz, alle Ehren, alle Lustbarkeit, aller Scherz sein Recht bekomme, und nicht ein Ehrentag mit zwei oder drei kümmerlichen Stunden abgefertigt werde, wie es jetzt wohl geschieht, wo man sich am Morgen oder am Abend trauen lässt, einen Bonbon isst, in den Wagen steigt und in die weite Welt fährt."
"Das gefällt mir doch sehr gut, lieber Herr von Stein," sagte Faustine.
"Ja, meine gnädige Gräfin, das glaube' ich gern! die schöne junge Frau ist wohl am liebsten mit dem Gemahl allein. Aber du grundgütiger Gott! sie werden beide noch so lange beisammen sein, dass es sehr gut ist, wenn sie in der ersten Zeit ein wenig gestört werden, damit sie nicht nach drei Monaten einander überdrüssig sind. Und dann die Uebrigen! warum sollen die leer dabei ausgehen? an einer Hochzeit nimmt die ganze Welt teil, mit Fug und Recht, denn zwei Menschen, die losbändig in ihr umherirrten, erbauen sich plötzlich ein Hüttchen und schmücken die Welt mit Menschen und mit Glück. Das ist für jedermann wichtig. Drum erhielten sonst alle Hochzeitsgäste ein Stückchen vom Strumpfband der Braut zum Andenken. Freilich jetzt sind die Leute gewaltig steif geworden. Der harmlose Scherz macht ihnen keinen Spass mehr, und sie zucken die Achseln über den veralteten, plumpen Gebrauch, worin doch wahrhaftig Andacht war. So unterstützt denn jetzt die Gleichgültigkeit der Uebrigen den Wunsch des Liebespaars, und die wichtigste Angelegenheit des Lebens wird mit einer ganz unstattaften Heimlichkeit vollzogen, als ob man sich ihrer schäme. Hätte meine Cunigunde geheiratet" – Der blick der Tochter begegnete bittend dem seinigen, darum fügte er hinzu: "Aber sie will nicht! Es ist kurios, dass heutzutage, wo ein Bräutigam rarer ist als ein Nordlicht, gerade mein Mädchen keinen will. Nun, wir wollen nicht weiter davon reden. Es wird ja wohl Alles am Besten sein, wie der liebe Gott es fügt."
Der Tag ging recht gut hin. Mengen war fast immer da. Cunigunde schöpfte Zuversicht aus seinen Worten. Feldern kam in der Absicht, ihr Lebewohl zu sagen; doch er kehrte im Vorzimmer wieder um. Ihm war, als spiele er in der Scene nur eine Nebenrolle. Am nächsten Morgen wollte Cunigunde reisen, es war Alles für sie in Bereitschaft gesetzt. Sie nahm einen kurzen, heftigen Abschied