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heftiger um die Finger wickelt, ist sie anbetungswürdig. Einmal lachte sie, aber im Zorn, das war prächtig –"

Und wieder ging er auf Faustine über, und wie ein Monomane vertiefte er sich in Extravaganzen bei seiner fixen idee, indessen er über andre Gegenstände klar und verständig urteilte. Trotz seines Missfallens an der guten Gesellschaft versprach er denn doch, seine gar so lustigen Kumpane etwas fern zu halten und Feldern kam ganz abgespannt bei Faustine an, die in heiterster Laune sehr gern auf seinen Wunsch einging, Clemens wieder zu Gnaden aufzunehmen. Dessen Bedingungen teilte er ihr aber nicht mit, auch nicht ganz genau den Zustand, in welchem er ihn gefunden; er fürchtete, Faustine möchte dadurch etwas aus ihrer versöhnlichen Stimmung gebracht werden, und er hielt es für ganz notwendig, dass sie nicht ihre Hand von Clemens abziehe, wenn aus ihm etwas Tüchtiges werden solle. Aber dass morgen sein Geburtstag sei, sagte er Faustine.

Als Clemens in der Frühe des nächsten Tages zu ihr kam, rief sie freundlich:

"Nun, mein verlorner Sohn, dies Kränzchen soll zugleich Ihre Heimkehr und Ihr Wiegenfest feiern" – und warf ihm einen Kranz der ersten Frühlingsblumen entgegen. "Schönere Sinnbilder der Hoffnung, als diese unter Schnee und Eis gekeimten Blumen, weiss ich nicht Ihnen zu geben, und die Hoffnung ist doch das, womit wir uns am liebsten beschäftigen."

"Ich halte nicht viel von der Hoffnung," entgegnete Clemens.

"Genügen Ihnen die Realitäten so ganz?"

"Sie genügen mir so wenig, dass es mir nicht der Mühe wert vorkommt, Träume von ihnen in die Zukunft hineinzuschiebenund das tut die Hoffnung."

"Aber unwillkürlich blickt der Mensch in die Zukunft, wie er, wenn er am Fenster steht, zum Himmel blickt, und wie an d e m Wölkchen oder Gestirne auftauchen und dahin ziehen, so dämmern in ihr Bilder der Hoffnung auf. Haben Sie schon Ihre Abreise nach Oberwalldorf festgesetzt?"

"Ich habe noch nicht daran gedacht."

"Und was sagt Ihr Bruder dazu?"

"Nichtsvermute ich. Er sagt überhaupt so wenig, wenn er auch ziemlich viel spricht. Da wir aber nicht correspondiren, so weiss ich gar nichts von ihm."

"Ich wundre mich, dass Ihr Aufentalt hier Ihnen so zusagt."

"Sie sind ja hier! – ich meine .... Sie leben ja auch in Dresden."

"Ich habe nirgends eine andre Bestimmung."

"Weshalb wollen Sie mich ins Exil des Landlebens schicken, das doch in der Tat erdrückend ist, wenn nicht Interessen und Pflichten des Herzens dies Kleben an der Scholle und Sorgen um die Scholle adeln."

"Und was hält Sie ab diesen höhern Interessen nachzugehen? In schöner, kräftiger Jugend stehen Sie brav und unabhängig da, nicht eben reichdas ist sehr gut, da wird man zur Tätigkeit angespornt. Also kaufen Sie ein Landgut Ihrem Vermögen angemessen, suchen Sie eine liebenswürdige Lebensgefährtin und werden Sie recht, recht glücklich, lieber Clemensdas ist mein Wunsch zu Ihrem Geburtstage."

"Wünschen Sie aufrichtig, mich glücklich zu sehen?"

"Wenn ich Nein sagte, würden Sie es glauben? – Ich lüge nicht, weil ich die Wahrheit bequemer finde, als die Lüge. Das sollten Sie doch wissen."

"In der Welt macht man aus Gewohnheit, nicht um zu lügen, viel schöne Worte."

"Ich auch! wenn mir nichts Besseres einfällt! – Doch Freunden gegenüber nenne ich leere schöne Worte Lüge, weil sie etwas Anderes dahinter erwarten; die Welt aber nicht: die empfängt die Münze, womit sie zahltein redlicher Handel."

"Gut denn! so müssen Sie mein Glück nicht bloss wünschen, sondern auch etwas dafür tun."

"Tun? ach, meine gebrechliche Hand webt leichter die fliegenden Sommerfädchen der Teorie, als das derbe Schiffstau der Praxis. Was kann ich für Sie tun? .... ein hübsches Bild für Sie malen –"

"Ihr eigenes?"

"Nein, daran mögen Andere ihre Kunstfertigkeit üben! ich habe zu viel mit mir selbst zu schaffen, um mich auch noch zu malen! – Und Sie besuchen kann ich –"

"Wann? wo?"

"Nun, wenn Sie verheiratet sind und ein hübsches Haus haben."

"Das liegt Alles zu fern."

"So will ich mich besinnen! mit der Zeit fällt mir vielleicht noch etwas ein."

Aber Faustine war so gelangweilt durch die ungewohnte Anstrengung, jedes Wort so einzurichten, dass es eine Barriere vor Clemens schob: dass sie nicht zu ihrer gewöhnlichen Freiheit gelangte und herzlich froh war, als die Ankunft Cunigundens und ihres Vaters das Zwiegespräch unterbrach.

Frau von Stein hatte ihre Tochter kalt entlassen mit der Weisung, die grosse Selbständigkeit, welche sie in so jungen Jahren ihren Eltern gegenüber behauptet, auch nun für ihr ganzes Leben und unter allen Verhältnissen zu bewahren, damit sie nicht in den Verdacht kindischen Trotzes gerate. Da indessen Jeder, der überhaupt einen Willen habe, berechtigt sei ihn geltend zu machen, so billige sie, dass die Tochter auf eigenem, wenn auch überraschendem Wege, zum Glück zu gelangen suche. Cunigundens Schwestern weintenund trösteten sich. Nur der Vater war sehr betrübt und Cunigunde voll tiefen Schmerzes, ihn verlassen zu müssen. Sie liebte den beschränkten, lenksamen, geduldigen