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Ich warte gern. Dann gehen wir, und während der Zeit wird hier Ordnung gemacht."

"Meinetwegen!" sagte Clemens, und rief Johann. Unter Johanns löblichen Eigenschaften glänzte nicht die eines gewandten Kammerdieners hervor, und da sein Herr nicht in der Stimmung war, diesem Mangel durch eigene Teilnahme abzuhelfen, so dauerte die Toilette ziemlich lange, und Feldern hatte Musse, zwischen den Trümmern dieses Schiffbruchs der Ausgelassenheit sich auf allerlei Histörchen zu besinnen, die er Clemens erzählte, um ihn aus seinem Hinbrüten aufzurütteln. Doch das war verlorne Mühe. Clemens blieb unempfänglich für Alles, was nicht Faustine war, und hätte Feldern ihn gefragt, was er von dem Mann im mond denke, so würde' er geantwortet haben:

"Ich sterbe aber, wenn ich sie nicht wiedersehe."

"Und wenn Sie sie wiedersehen, betragen Sie sich soseltsam, dass eine Frau, die leicht mit aller Welt zu leben versteht, nicht mit Ihnen fertig werden kann."

"Das ist es eben! sie muss nicht mit mir umgehen, wie mit aller Welt."

"Wenn Sie bei diesem Verlangen beharren, kann ich Ihnen freilich nicht meine Vermittelung anbieten."

"O Gott, machen Sie, dass ich sie wiedersehen darf, und sie soll mich behandeln wie sie wolle, ich lasse mir Alles gefallen, Alles! nur keine Verachtung und auch keinen Widerwillen, aber auch keine Kälte und hauptsächlich keine Gleichgültigkeit. Und dann soll sie mich nennen "lieber Clemens," nicht "Herr von Walldorf." Es hat Niemand ausser ihr mich "lieber Clemens" genannt, vielleicht meine Eltern, das weiss ich nicht mehr, sie starben früh! Mein Bruder hat eine andere Art sich auszudrücken, und für die übrigen Leute bin ich "Walldorf." Sie sagt bisweilen "lieber Clemens!" das ist, wie wenn die Nachtigall im Winter schlüge, und wollte sich Jemand unterfangen, mich nach ihr so zu nennen, ich würde ihm den verwegenen Mund mit einer Kugel stopfen. Endlich soll sie mir die Hand geben. Das tut sie nie! Ich habe gesehen, dass sie Mengens grossen Windhund auf den spitzigen Schlangenkopf gestreicheltaber mir gibt sie die Hand nicht! Und welche Grazie liegt in ihren Handbewegungen! nur sie zu sehen, ist, als regne es Blüten. Also die Hand –"

"Ich erstaune, dass Sie Bedingungen machen, und noch dazu solche, welche kaum die Liebe erfüllen würde. Was soll Gräfin Faustine veranlassen, sie anzunehmen?"

"Die Barmherzigkeit."

Sie waren ein Paar Stunden umhergegangen. Feldern fühlte sich erdrückt von dieser dem Wahnsinn ähnlichen leidenschaft, deren Hoffnung auf nichts basirte und deren Verlangen Alles umschloss. Er sagte, er wolle Faustine erzählen, wie unglücklich Clemens sich fühle, ihr missfallen zu haben, und dann müsse er das Weitere ruhig erwarten und vor allen Dingen keine schlechte Gesellschaft an sich heranziehen, die ihn für jeden Verkehr mit der guten unfähig mache.

"Tut nur nicht preziös mit eurer guten Gesellschaft!" rief Clemens ärgerlich; "in ihr fallen Dinge vor, deren keine schlechte sich schämen dürfte. Ist die Gesellschaft schlecht, d.h. gemein und roh, nun, so ist auch das rohe Wort und der gemeine Scherz am rechten Platz, und Niemand wird dadurch beleidigt. Aber in der guten, der feinen, der gebildeten, der eleganten, was wird da geredet! zierlich immer und mit pikanten Wendungendie gröbsten Unanständigkeiten: Asa foetida aux confitures. Besonders die alten Männer haben recht ihr höllisches Behagen dran, und das macht auch den jüngern Courage. Was man untereinander schwatztnun, das hat nicht viel zu bedeuten, aber mit Frauen sollte man doch das lose Maul beherrschen. Wär' ich eine Frau, mir würden bei solchen Gesprächen die Finger jucken, um rechts und links eine Ohrfeige zu geben. Das schickt sich aber beileibe nicht! Sie sitzen da und tun, als hörten sie nicht recht hin. Aber sie hören dochmögen sie ärgerlich, mögen sie verlegen seinhören müssen sie. Manche mögen sich auch wohl sehr amüsiren; dahin kommt's! Und dazwischen wachsen Mädchen auf, stehen einsam junge Frauen, jung und schön, wie Faustine. Wenn ein gewisser alter Mann, dessen Namen ich vergessen habe, bei ihr eintritt, so möchte ich ihn gleich wieder zum Fenster hinaus spediren. Da legt er sich auf einen Lehnstuhl hintenüber, damit der Bauch Raum habe, der Stock steht zwischen seinen Knieen und die hände ruhen auf dessen Knopf. Von dem roten, fetten Gesicht ist nichts zu sehen, als ein gallertartiges Unterkinn, Hängebacken und Wurstlippen. Die Nase zählt nicht, die Augen sind von den Runzeln der Augenlieder verschüttet, wie ruinirte Teiche vom zusammenfallenden Erdreichund diese Maschine hebt an zu erzählen .... weiss der Teufel was. Und man mag dazwischen redener wartet auf eine Pause! man mag ihm geradezu Schweigen gebietener schweigt und hängt an die nächste Bemerkung eine Anekdote im verbotnen Styl! Wo solche Menschen reden dürfen, sieht man nicht den Nutzen der Censur ein. Nein, mit eurer guten Gesellschaft bleibt mir nur vom Halse. Wer ein Paar Jahr darin gelebt, ist hiebund schussfest und weiss Bescheid! Hinge es von mir ab, nicht drei Tage liesse ich Faustine dazwischen. Wenn sie dem alten Molch gegenüber sitzt und das Goldkettchen immer hastiger, immer