drei Tage – doch dann, Bester, wird man des Spasses überdrüssig –"
"Wie aller Dinge auf dieser sublunarischen Welt und des Lebens zuerst."
"Sie sind noch sehr jung, Herr von Walldorf –"
"Ich werde morgen zweiundzwanzig Jahr, und das nennt man jung. Allein ich bin zu meinem Unglück in diesen letzten Monaten alt geworden, uralt, wie die Steine –"
"Indessen sind Sie doch noch auf Vergnügungen bedacht –"
"Nein! auf Zeittödtung."
"Wollen Sie einen Spaziergang mit mir machen?"
"Da müsste ich mich erst ankleiden."
"Freilich! von Kopf bis zu Fuss.
"Und das ist doch nicht der Mühe wert! Sagen Sie mir, Herr von Feldern, ist denn etwas der Mühe wert, dass ich darum meinen kleinen Finger rege?"
"Ja, die Pflichterfüllung."
"Aber wenn man gegen Niemand auf der Welt Pflichten hat?"
"Sie fragen wunderlich! haben wir nicht die ganze Menschheit?"
"Bah!" rief Clemens, liess den Kopf auf die Brust sinken, und hob nach einer Pause an, ohne ihn zu erheben: "Kommen Sie aus eignem Antriebe zu mir?"
Feldern mochte keine Unwahrheit sagen; überdies war etwas so Trostloses in Walldorfs Zustand, dass er ihm die kleine Freude gönnte und die Frage verneinte.
"S i e schickt Sie also? sie denkt an mich?" rief Clemens mit schwermütiger Freude. "Aber wie könnte es auch anders sein, da ich stets an sie – nicht doch! n u r sie denke! Solche Gedanken müssen zu einem Netz werden, das allmälig ihre Seele umspinnt und zu mir hinüber zieht."
Feldern dachte an das, was ihm Faustine über Walldorfs übertriebene Folgerungen gesagt; deshalb sprach er halb scherzend, doch mit einem Anflug von Bitterkeit:
"Darauf sollten wir es nie anlegen. Frauenseelen sind so subtil, dass unsere plumpen Gedanken sie nicht fangen, und so capriciös, dass sie sich oft ohne unser Zutun fangen lassen."
"Meinen Sie? ohne unser Zutun? Also auch Ihnen haben die Frauen weh getan! O das Leid, welches dies Geschlecht über die ganze herrliche Schöpfung verbreitet, ist namenlos, und der Mann verloren, der von einem weib Heil begehrt! Und gerade, dass die engelhaften so dämonisch sind! Die Menge? o die schaut man an, ohne dass die Brust sich hebt, das Herz klopft, das Blut siedet, die arme sich ausbreiten! das Alles ist für Eine, die zwischen den Uebrigen sich ausnimmt wie ein Mährchen zwischen Tagesgeschichten .... sagen Sie mir, fallen Ihnen nicht immer Mährchen ein, wenn Sie – diese Frau sehen, z.B. das von der Prinzessin, von deren Lippen Rosen fallen, wenn sie lächelt, und von deren Wimpern Perlen, wenn sie weint. Diese Frau hat Augen! –"
"Alle Frauen haben Augen!" unterbrach Feldern, etwas überdrüssig der Rhapsodie – und es ist gut, dass man sich dessen zuweilen erinnert, um nicht in Monomanie zu verfallen, denn die Frau, die kein Auge für uns hat, sollte für uns auch keine Augen haben."
"Sehr richtig! sehr philosophisch! O wie bedaure ich, auf der Universität das Studium der Philosophie so gänzlich verabsäumt zu haben. Die Weisheit in eine Wissenschaft gebracht, kam mir so spasshaft zugestutzt vor, wie der Baum, dem der Gärtner eine Tierform gibt, damit man doch wisse, was so ein dummer Baum bedeute. Aber es ist wirklich so übel nicht erfunden! Bei einem Löwen, einem Adler, weiss Jeder genau, was er zu denken hat, die ganze Geographie, die ganze Naturgeschichte, Millionen Reisebeschreibungen – kurz, die vernünftigsten und zweckmässigsten Gedanken knüpfen sich daran. Aber bei einem simpeln Baum schweifen sie ins Blaue. Man kann denken an den Baum im Paradiese, von dem Eva den famösen Apfel speiste – oder an den Upasbaum auf Java, der wie die Regierungen zur Pestzeit in dem falschen Verdacht einer allgemeinen Landesvergiftung steht – oder an die Linde auf dem Schlosshof von Nürnberg, welche die Kaiserin Cunigunde pflanzte, Zweige nach unten, Wurzel nach oben, um ihrem Gemahl ihre schneeweisse Unschuld zu beweisen. Kaiser Heinrich II., zubenamt der Heilige, war ihr Gemahl, und es muss doch ein prekäres Ding mit der Unschuld der Weiber sein, da sogar ein Heiliger ihr misstraut. Ferner an den Lorbeerbaum auf Isola bella, worin Napoleon vor der Schlacht von Marengo das Wort bataille schnitt – oder an die Eiche bei Pleischwitz in der Nähe von Breslau, in deren hohlem Stamm ein Schuster und ein Schneider ein Paar Hosen und ein Paar Schuh machten, welche noch gezeigt werden – vielleicht hatten sie eine Wette gemacht, sonst begreife ich nicht, weshalb sie diese Werkstatt sich wählten – oder an die "sieben Schwestern" hier im grossen Garten – oder an die Tanne von Oberwalldorf, welche Gräfin Faustine in ein schönes Bild gebracht .... da bin ich wieder bei ihr, und fing doch an bei der Philosophie."
Er stand auf, schlang wieder den Arm um den Kopf und schwieg. Feldern sprach besorgt:
"Sie sind wirklich krank, lieber Walldorf; das wüste Treiben dieser Tage hat Ihre Nerven fürchterlich aufgeregt und Ihr Blut verbrannt. Sie müssen hier heraus, die Unordnung um Sie her macht Sie konfus. Kleiden Sie sich an.