mochte. Als aber die Woche ohne irgend ein Lebenszeichen von ihm verstrichen, da beschwor sie Feldern, Erkundigungen über ihn einzuziehen. Sie sagte ihm offen Alles, was zwischen ihm und ihr statt gefunden, und schloss damit:
"Ich kann mich nicht direct nach ihm umtun, weil er aus dem geringsten Beweis von Teilnahme gleich ganz unerhörte Folgerungen zieht, die ihm Schaden tun, weil sie sich nie realisiren, aber mich in die widerlichste Verlegenheit setzen."
Feldern versprach sein Bestes zu tun und ihr im Lauf des Tages Bericht, wenigstens über seine Anwesenheit in Dresden, abzustatten. Ein Brief von Andlau trug nicht dazu bei, Faustine zu erheitern. Er schrieb ihr über Cunigundens Angelegenheiten in dem kühlen Ton der überlegung, der ihr ganz unerträglich war, wenn sie bereits für oder wider Partie genommen. Man sollte doch nur nie in einer solchen Entfernung Dinge besprechen, die heute anders aussehen als morgen, murmelte sie, sondern nur solche, die nie wechseln und nie altern! Freilich kenne ich Cunigunden sehr wenig – freilich ist es eine missliche Sache, eine passende Stellung für sie ausfindig zu machen – freilich erntet man fast immer Verdruss und Undank aus Einmischung in Familienverhältnisse – aber ich habe mich nicht dazu gedrängt, und die Art, wie ich da hinein verflochten bin, kann gewiss keinen Schatten auf mich werfen. Und sogar wenn es ein Schatten wäre – es sollte mich nicht kränken, denn ich habe etwas Gutes gewollt; und ein Fleck ist es sicher nicht. – Andlaus Antwort war da – und nicht eben trostreich. Wenn Mario keine bessere bekam, was sollte mit Cunigunden werden? Sie grübelte sich matt und müde. Da flog die Tür auf und Mengen freudestrahlend ins Zimmer, einen offnen Brief in der Hand.
"Cunigunde ist willkommen!" rief er, "und zwar gleich auf der Stelle. Meine Mutter hat ihren alten Kammerdiener hergeschickt, um sie auf der Reise zu begleiten – daher die etwas verzögerte Antwort: er brachte mir den Brief. Sind Sie zufrieden?" – Er kniete neben ihr nieder und blickte glückselig in ihr Auge, aus welchem wieder der himmlische Strahl aufleuchtete.
"O Mengen!" sagte sie nur, und legte die Hand auf die Brust; die andre gab sie ihm, und er behielt sie in der seinen ohne sie zu küssen, lange, friedlich, andächtig, immer wie verzaubert in ihr Antlitz schauend. Spät drückte er heftig seine Lippen in die schmale zarte Hand – da stand Faustine auf und sagte:
"Lieber Mengen, sagen Sie, bitte, dem Ernst, er möge einen Boten besorgen, ich will sogleich Cunigunden schreiben, damit sie sich bereit mache; vielleicht kann sie dann schon morgen reisen. O wie wird sie sich freuen! wie dankbar Ihnen sein –"
"Das wäre ganz hors de saison! ich habe in Ihrem Dienst gehandelt, da musste ich wohl des Gelingens sicher sein."
Feldern war gradeswegs zu Clemens gegangen. Der breite Johann schien zweifelhaft, ob er ihn bei seinem Herrn einlassen solle oder nicht; da er aber bereits gesagt, er sei daheim, so musste er ihm die Tür öffnen. Der zierliche, ordnungliebende Feldern erschrak vor der Verwüstung, die in diesem grossen, vielleicht ursprünglich eleganten Zimmer herrschte. Kleidungsstücke an der Erde, Teller auf den Stühlen, Flaschen, Karten, Ueberbleibsel vom Frühstück und von Cigarren auf den Tischen, Schläger und Pistolen auf dem Bett, Gläser überall, zwei Feldbettstellen neben einander aufgeschlagen, und Clemens im Schlafrock, mit verwildertem Bart, geisterbleich, krankhaft, mitten im Zimmer stehend, den einen Arm um den Kopf geschlungen, der andere schlaff herabhängend.
"Hier sieht es ja aus wie in einem Lager," sprach Feldern eintretend; doch der scherzhafte Ton kam ihm nicht von Herzen.
"Ja," sagte Clemens gleichgültig, "wir sind zwei Tage und zwei Nächte beisammen gewesen, da muss man seine Anstalten treffen, so gut es gehen will. Wir waren unserer sieben; ein Paar schliefen zur Zeit. Wir wechselten uns ab. Es ging recht gut: Nur aber heute, am dritten Tage, da wurden die dummen Jungen stökkisch und gingen – der eine rechts, der andre links; zum Essen, zum Schlafen – was geht's mich an."
"Sie sind also wohl recht lustig gewesen?"
"Lustig? nun ja, wie man's nehmen will. Lärm gab's genug, Wein auch, Karten auch, und ich hoffe, Sie sind nicht der Meinung, dass Weiber dabei sein müssen, um die Sache ganz lustig zu machen."
"Gott bewahre!" sagte Feldern, Clemens war ihm beängstigend, schien halb im Rausch, halb geisteshalb körperkrank. "Würden Sie aber nicht auch gut tun, ein wenig frische Luft einzuatmen? die dicke, heisse Atmosphäre des Zimmers stimmt die Nerven herab, beklemmt die Brust. Sie sehen recht fatiguirt aus."
"Ich bin es," sprach Clemens und setzte sich auf einen Tisch, von dem er die Karten herabschleuderte.
"Ich glaubte Sie krank, weil ich Sie so lange nicht bei der Gräfin Faustine getroffen."
"Umgekehrt! weil ich nicht mehr zu der Gräfin Faustine gehe, bin ich krank, d.h. ich würde krank werden, wenn ich nicht vorzöge, lustig zu leben."
"Es ist ganz hübsch, lustig zu leben, so zwei,