pflegte. Und so blieb er auch in den Stunden, die er mit ihr verbrachte. Beim Scheiden rief er:
"Und nun vergehen fast vierundzwanzig Stunden, bis ich Sie wiedersehe?"
"Warum? kommen Sie heute Abend zu Frau von Eilau – da werde' ich sein."
"Ich kann nicht – ich habe notwendig –"
"So jammern Sie nicht!" rief Faustine ungeduldig.
"Ich werde kommen," sagte Mario froh, denn er sah wohl, dass seine Weigerung, nicht seine Klage sie verdross, und Faustine lächelte eben so froh als er.
Am Abend jedoch verging eine Viertelstunde nach der andern und Mario kam nicht zu Frau von Eilau. Anfangs war Faustine unmutig, dann unruhig, endlich geängstigt. Zuerst schob sie dies unbebegreifliche Ausbleiben den Geschäften zu, darauf unvorhergesehenen Störungen, zuletzt irgend einem Unglücksfall. Sie dachte an Clemens, ob der sich nicht zu weiss Gott welcher Torheit Mario gegenüber habe hinreissen lassen. Schauerliche Möglichkeiten tauchten vor ihr auf und umflorten ihren blick. Sie sank im Sopha, und ihr Kopf auf die Lehne zurück. Seit einer Stunde wurde Musik gemacht, und zwar so gute, dass Niemand daran dachte, Conversation zu machen, welche durch mittelmässige hervorgelockt wird, wie die Maus aus ihrem Versteck. So blieb Faustine ungestört und kaum beachtet. Aber die Musik schwirrte wie Mükkengesumm in ihr Ohr. Sie war auf dem Punkte, die Gesellschaft zu verlassen, um wenigstens der Qual des Wartens in ihrem einsamen Zimmer überhoben zu sein. Da, ganz leise, um nicht zu stören, ging die Tür auf. Es war Mengen; Faustine hatte aber schon so oft umsonst nach dieser Tür geschaut, dass sie entmutigt nicht mehr die Augen aufschlagen mochte, und so sass sie ihm gegenüber, ganz blass, die Wimpern so tief gesenkt, als wären sie geschlossen, um den Mund mühsam verhaltene Trauer – er konnte nicht anders als glauben, ein grosser Unfall habe sie betroffen, und um ihr ein Zeichen zu geben, dass eine Freundesseele gegenwärtig, fiel ihm nichts Anderes ein, um die Störung unbekümmert, als seinen Stock fallen zu lassen. Alle Blicke kehrten sich vorwurfsvoll gegen ihn, doch er beachtete sie nicht, denn die seinen waren auf Faustine gerichtet, und sie sah jetzt auf, sah und erkannte ihn, und augenblicklich war sie verwandelt, strahlend, heiter, glücklich. Mengen verging vor Ungeduld über den Virtuosen. Mit dessen Schlussakkord stand er neben Faustine und fragte:
"Was war denn das – vorhin?"
"Ich fürchtete, Sie würden nicht kommen. Da langweilte ich mich."
"Sonst nichts ist Ihnen geschehen?"
"ist es nicht genug, andertalb oder zwei Stunden zu warten? und gar für mich, die ich nie Jemand warten lasse? Ich mag über keinen Menschen diese Folter verhängen."
"Wir hatten keine Stunde verabredet! konnte ich ahnen? –"
"O nein, nein! Sie konnten nicht ahnen! aber nun wissen Sie ein für alle Mal." Feldern kam täglich zu Faustinen. Sie hatte ihm die Schritte mitgeteilt, welche sie für Cunigunde getan. Auch er fand es am Besten für sie und für sich, sie aus dem Elternhause zu entfernen.
"Wenn mir die Möglichkeit abgeschnitten ist, sie wiederzusehen," sprach er, "so werde' ich leichter an die Unmöglichkeit unserer Verbindung glauben. Kann ich zu ihr, so will ich sie sehen, und sehe ich sie, so will ich sie besitzen."
"Sie sind recht aufrichtig, mein bester Feldern," entgegnete Faustine überrascht, "ich habe Sie niemals so offen reden hören."
"Wenn man nichts zu hoffen noch zu verlieren hat, entweder weil man Alles oder weil man Nichts besitzt, so wird man höchst aufrichtig. Der Bräutigam beim Hochzeitsschmaus sagt unbefangen: ich bin sehr glücklich! und der Bettler an der Strassenecke sagt eben so unbefangen: ich bin sehr elend. Lust und Leid haben Kinder, die sich frappant ähnlich sehen – sie müssen also wohl aus derselben Familie stammen."
Faustine erkannte in diesen und ähnlichen Aeusserungen Felderns Marios Einfluss, der sich treu bemühte, ihm eine Unabhängigkeit von den überraschenden Schicksalswendungen zu geben, wie er selbst sie bisher bewahrt, und sehnlichst wünschte sie, es möchte doch auch für Clemens ein solcher Notelfer sich finden, denn sie – das fühlte sie lebhaft – konnte keinen Einfluss mehr auf ihn wünschen, und deshalb ihn auch nicht haben. Er war für sie wie von der Erde vertilgt, spurlos verschwunden, liess sich weder bei ihr noch irgendwo bei ihren Bekannten sehen, und sie hätte glauben dürfen, er sei abgereist, wenn nicht eine bange Ahnung ihr zugeflüstert, dass er sich schwerlich ohne Abschied, ohne Versöhnung von ihr trennen würde. Wo war er also? umkreiste er ihre wohnung? bewachte er ihre Schritte? liess sich von seiner rasenden leidenschaft nicht das Wahnsinnigste fürchten? – Die Bestechung ihres Bedienten fiel ihr zuweilen ein, wenn sie allein war. Sie geriet in eine höchst unbehagliche Spannung, und fuhr zusammen, wenn sie Stimmen und Tritte im Vorzimmer nicht sogleich unterscheiden konnte. War Mengen bei ihr, so erschien diese Angst ihr so kindisch, dass sie sich nicht entschliessen konnte, sie ihm anzuvertrauen. Auch war es ihr peinlich, Mario auf Walldorfs Spur auszusenden. Sie wusste zu gut, wie rücksichtslos Clemens war, wie leicht er gerade diesen Gehassten absichtlich kränken und verletzen