1840_von_Hahn_Hahn_135_61.txt

für lange zeiten und kommende Geschlechter werden kann, und Ihr Herz muss schlagen für ein Wesen, das von Gott zu einem Segen der Menschheit auserlesen ward, und das diese hohe Ehre vielleicht mit ungekannten und ungemessenen Schmerzen bezahlt hat."

"Aber durch welche Wonnen werden diese Wehen des ringenden und schaffenden Genius compensirt! ich denke mir, dass wenig Menschen eine Empfindung hatten, derjenigen gleich, womit Rafael vor seiner vollendeten Sixtinischen Madonna gestanden."

"Vor der vollendeten? kaum! – der Genius ist éminemment strebend, findet weder Genuss noch Befriedigung in dem Ueberwundenen, dem Geleisteten. Wenn die Conception in ihm aufgeht, dann glaube' ich, feiert er seine seligen Mysterien, gegen deren tiefsinnige, glühende, unirdische Trunkenheit unsere kleinen mässigen Freuden freilich sehr grau aussehen mögen. Doch jener Rausch ist ein Moment, und dann steht er plötzlich in dem nüchternen Leben."

"Wir Alle stehen in dem nüchternen Leben und ohne jenen compensirenden Rausch –"

"Es muss demjenigen schwer werden, einen Schoppen aus der Hand der schwarzaugigen Kellnerin zu nehmen, dem Hebe die Schaale kredenzt hat. Er wird unwillkürlich vergleichen, den Wein mit dem Nektar, das Mädchen mit der Göttin, und Vergleiche stören die Genussfähigkeit. Wir aber begnügen uns tout bonnement mit dem Wein und der Sterblichen, denn wir wurden nicht aus dem Olymp auf die Erde geschleudert. So wird er auch immer das, was er gewollt, mit dem vergleichen, was er geschaffen hat, und gewiss in der Erscheinung nur einen Schatten seiner ursprünglichen idee finden. Ich hab' einen Freunder ist aber nicht Maler, sondern Dichterder spricht: All meine Schöpfungen kommen mir vor wie gefallene Engel! sie haben wohl noch etwas, was an ihren Ursprung mahnt, doch die Glorie ist verschwunden, seit sie die sinnliche Form annahmen. Mich grämt's aber wenig! ich verkehre mit den ungefallenen Geistern, und schneide ihnen nach besten Kräften ein Mäntelchen von Staub zurecht, worin sie sich den Menschen offenbaren."

"Sehen Sie, Ihr Freund fühlt sich glücklich! das spricht für meine Ansicht. Wie heisst er denn? kennt man ihn als Dichter?" fragte Mario neugierig.

"Man kennt ihn wohl .... freilich nicht als Dichter, sondern –"

"Nun? sondern? Sie sagten ja eben –"

"Sondern als Dichterin."

"Also eine Frau?" sagte Mengen gedehnt.

"Ja, zum Unglück n u r eine Frau, die Ihre Ansicht teilt," sagte Faustine neckend.

"Und warum nannten Sie diese Frau Ihren Freund?"

"Weil für mich das Genie geschlechtslos ist. Mag ein Fledermäuschen oder ein Titane schaffensein Genie ist mein Freund."

"Und trauen Sie mir nicht dieselbe Unbefangenheit zu?"

Faustine lachte herzlich. "Excellent! haben Sie mir je Anlass zu diesem Vertrauen gegeben? Sie halten die Frau nicht der Begeisterung fähig und nicht der leidenschaft: ist es möglich, ohne dieses zweischneidige Schwert sich Bahn zu brechen auf dem Pfade der Kunst? Nein! – Sie glauben gar nicht, dass das Genie mit einer Frau Missheirat schliessen, sich gleichsam an sie verplempern könnte. Es braucht eine Hülle sechs Fuss lang, tiefe Bassstimme, Collier grec, – darin hat es Raum. Ein Genie, ihr wunderlichen Herren, muss genau so aussehen wie ihr selbst! Trüg' es ein Musselinkleidchen, und das Haar aufgeflochten, ihr würdet ihm für euer Leben gern einen stattlichen schwarzen Bart malen, damit es doch ein klein wenig für seine Würde befähigt wäre! – Nein, guter Mengen, wenn Ihnen das Genie eine Hand reicht, die halb so schmal ist als die Ihre, so machen Sie sicher nicht Ihren Freund daraus!"

"Möglich! weil ich, wie gesagt, diese Leute am liebsten in gehöriger Entfernung beobachte und bewundere. In der Nähe findet man schwer den richtigen Gesichtspunkt, von wo sie betrachtet und beurteilt sein wollen. Das macht und gibt Verwirrung. Ich liebe die klarheit."

"Dann lassen Sie uns in den grossen Garten gehen: da ist jetzt Alles von einer gespenstischen klarheit. Der Himmel so blau, die Erde so weiss, das Eis so hell, die Bäume so nackt – o diese klarheit, wie ist sie kalt!"

Sie schüttelte sich vor Graus und ging sich zum Spaziergang und zur Eisfahrt anzukleiden. Mengen sah ihr nach. Es war ihm, als ziehe ein Glanzstreif hinter ihren Schritten, wie Nachts im Mondschein auf dem wasser hinter dem Schwan. Ich liebe die klarheit, wiederholte er halblaut und setzte sich in tiefen Gedanken aufs Sopha. Was hält mich ab, bei ihr dahin zu gelangen? Eine einzige Frage und Alles ist entschieden! ... aber sie lacht mich aus, sprach sie gestern, wenn ich die Frage tue. Die Sonne ist auch nicht klar, doch licht, himmlisch licht, wie sie. – –

Faustine war längst wieder eingetreten und in der Tür stehen geblieben, als sie seine sinnende Stellung wahrnahm. Er bemerkte sie nicht eher, bis sie fast schüchtern seinen Namen aussprach. Dann fügte sie hinzu:

"Ich unterbreche ungern Jemand in seinen Gedanken, weil ich nicht weiss, aus welchem Eden ich ihn heimrufe."

"Fürchten Sie nichts! Sie bringen es" – sagte Mario mit tiefer Innigkeit, sehr verschieden von dem scherzenden Ton, mit welchem er sonst wohl ein huldigendes Wort zu sagen