sie verlegen – "ich meinte nur gestern .... und dann, wo ist mein Mantel?"
Aha, dachte Mario, Clemens hat bereits geplaudert. laut sagte er ruhig:
"Ich nahm ihn gestern Abend dem weinseligen Ernst ab, um ihn vor den Rauchwolken der Bedientenstube zu schützen; jetzt hängt er wieder auf dessen Arm." Dann erzählte er ihr, dass und wie Ernst zu dem Rausch gekommen, und sie rief:
"Mit Trunkenen hab' ich nichts zu schaffen! den einen hab' ich so eben fortgeschickt, und der andere mag auch gehen."
"Teure Gräfin, möchten Sie nicht ignoriren?"
"Nein! Clemens beharrt in einem fortwährenden Rausch, der mir ganz lästig ist, und was ich jetzt von ihm erfahren, Bestechung meines Bedienten, trägt nicht dazu bei, ihn in meiner guten Meinung herzustellen."
"Aber Ernst, der zum ersten Mal diesen Fehltritt begangen und ihn mit Tränen bereut hat...."
"Nun, so ermahnen Sie ihn, reden Sie ihm ins Gewissen, nehmen Sie ihm Schwur und Eid ab, liebster Mengen! ich verstehe mich nicht auf Strafpredigten, und behalte ganz gern einen, seit Jahren treu ergebenen Diener."
So vermittelte Mario den Frieden; und bald war es ihm auch gelungen, die Unmutswölkchen aus Faustinens Seele zu verscheuchen, denn sie hatte die reizbare Beweglichkeit eines Kindes, und jeder goldene Apfel eines Gedankens, den man auf ihren Weg warf, hemmte ihren flüchtigen Atalantenlauf. Mario erzählte ihr von einer Heirat, welche als eine schauerliche Mesalliance, nicht sowohl des Standes, als auch des Alters und aller äussern Verhältnisse, die Gemüter in Bewegung setze.
"Der Mann ist ein Künstler," sagte Faustine.
"Aber hoch in Jahren aber ohne die geringste Spur von Schönheit! was hilft es der Frau, ihn alle Abend drei Stunden lang glänzend und gefeiert zu sehen, wenn vor ihren Augen der Nimbus schwindet?"
"O wir sind capriziös! drei Stunden täglich den Liebsten bewundert zu sehen, alle Seelen beherrschend, alle Blicke fixirend – das mag eine grosse Befriedigung sein."
"Dann kommt er matt, unschön, abgespannt heim, ein in die Raupenhülle zurückgekrochener Schmetterling ...."
"Ach, Bester! die Frau bekommt den Mann sehr häufig in unschöner Gestalt zu sehen, ohne dass er zuvor die Welt entzückt! Und dann glaube' ich, dass es fast unmöglich ist, den Zauber zu ergründen, welcher über den intimen Umgang aller Kunstmenschen ausgebreitet ist, und daher auch schwer, ihm zu widerstehen, wenn man dafür empfänglich. Launen mögen sie haben, heftig, zerstreut, wild mögen sie sein – dennoch besitzen sie eine Magie, die mit dem allen versöhnt – und das ist vielleicht der höchste Triumph der Kunst."
"Es fragt sich doch, ob diese Magie fürs Leben ausreicht. Welcher junge Mann ist nicht einmal in eine Schauspielerin, Sängerin bis zum Wahnsinn verliebt gewesen, und wie selten entspringt daraus ein dauerndes verhältnis."
"Weil überhaupt ein solches nicht aus jugendlichen Aufwallungen hervorgeht."
"Nein, weil jene Erscheinungen nur im Besitz der Magie sind, welche für einen Moment blendet, ohne zu fesseln."
"Sie haben freilich die eigene Erfahrung für sich" – sagte Faustine launig – "dagegen kann ich nicht streiten. Künstler aller Art sind und bleiben aber doch meine geborenen Freunde, für die ich mich vorzugsweise interessire – nur müssen es wahre Künstler sein, schaffende, begeisterte, keine Nachahmer, keine Handwerker."
"Das Genie hat das nämliche Schicksal wie die Tugend: sie sind beide in der Minorität auf unserer mittelmässigen Erde. Ein grosser Künstler ist eben so selten, als ein grosser Mensch."
"Hört er Ihrer Meinung nach auf ein Mensch zu sein?"
"Halb und halb! es kommen Inspirationen über ihn – er weiss nicht woher! es steigen Bilder vor ihm auf – er weiss nicht von wannen! streitende und ringende Gewalten werden in ihm rege, die kein äusserer Anlass, keine innere leidenschaft geweckt! er sagt Dinge, die er noch nie gedacht! er schafft Gebilde, deren Gleichen er nicht geschaut! Allein er kann nicht der Kraft gebieten, welche sie aus dem Nichts hervorruft. Er muss warten, bis ein Gott, ein Dämon, ein Genius sie ihm einhaucht. Er besitzt höhere Gewalt, als die gewöhnlich menschlichen, sogar die allerglänzendsten Fähigkeiten; aber er wird von einer noch höheren Gewalt besessen. Er schreibt gesetz vor, er stürzt Gebräuche und Meinungen, er beginnt und endet Epochen, wie ein Gott; aber er ist zugleich ein blinder, gehorsam dienender Priester im Tempel des Gottes. Und diese wundersamen Mischungen, welche essentiel seine Wesenheit ausmachen, stellen ihn gewissermassen seitab von den selbstbewussten Menschen. Ich gestehe, dass ich immer eine Art von Scheu vor ihnen habe, die sonst meiner natur fremd. Man ist nie sicher bei ihnen, ob sie bergan oder bergab steigen – ob sie Himmelslichter in die Tiefe leuchten, oder unterirdische Flammen am Himmel strahlen lassen wollen – ob sie ihre immensen Gaben wie der Reiter bändigen, oder wie das Ross ihnen gehorchen. Ich liebe sie nur par distance – in ihren Werken."
"Das ist recht weltmenschlich kalt gesprochen! Sie fürchten nur, in eine Sphäre fortgewirbelt zu werden, der Sie nicht gewachsen sind. Bedenken Sie nur, welche unermessliche Wohltat ein einziger Künstler