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doch wenn die Früchte zwölf Stunden im Zimmer gestanden, so ist dies liebliche Nichts verschwunden, und dann, wenn man es vermisst, wird es erst erkannt. Trotz ernster Lebenserfahrung, die oft mutlostrotz herben Kummers, der oft trübe machttrotz der Verhältnisse, die sie beengtenwar Faustine an Körper und Geist, an Sinn und Seele jung und frisch, als hätte sie nichts erfahren, nichts gelitten; und fremd in den Verhältnissen des Lebens, als bewohne sie den Regenbogen etwa, oder den Orion, und komme nur zufällig bisweilen auf die Erde herab. Sie war ganz und ungeteilt Eins, nicht zerstückelt, nicht zersplittert; das gab ihr klarheit. Sie blickte weder rechts noch links auf Wege, wo Andere gingen; sie wandelte unbekümmert auf dem ihren: das gab ihr Sicherheit. Sie griff nicht hier und dort nach Haltung umher, nach Liebe und Freundschaft suchend: sie war begnügt im tiefsten Wesen; doch wenn man ihr entgegentrat und ihr die Hand bot, oder wenn sie erkannte, dass sie die Hand bieten durfte, so tat sie es gern, nahm und gab dem fremden wie dem eignen Bedürfniss und Wunsch. Aber wer nicht mit ihr Schritt hielt, wer ihr kein Stab war, woran sie sich heraufranken konnte ans Licht, kein Fels, woran sie empor klettern konnte zur Luftden liess sie los, gleichgültig, unbefangen, wie man eine welke Blume nicht wegwirft, aber fallen lässt. Menschen, Zustände, Welterscheinungen, eigene FehltritteAlles war ihr Mittel, um sich daran fort- und auszubilden. Sie sagte oft:

"Helden, Künstler, grosse Herrscher, was tun sie Anderes, als dass sie in ihrem Wirkungskreise, der freilich nicht kleiner als die Welt ist, sich selbst zur Vollkommenheit durchzuarbeiten suchen. Das ungemessene Streben, Dursten und Ringen nach Vollendung kennt Jeder, aber nicht Jeder kann zu seiner Bildung in die Zeit hineingreifen und sich einen Tron in ihr errichten, oder in den Stein hauen und sich ein Monument daraus bauen. Es ist eine grosse Erleichterung für den Menschen, ein Genie in irgend einer Kunst, d.h. in irgend einem Zweige des geistigen Lebens zu sein: er hat, woran er sich üben kann. In seine Schöpfungen legt er den Ueberfluss des Daseins nieder und taucht frischgewaschen aus diesem Bade hervor, wie die grossen Bergströme erst dann klares wasser bekommen, wenn sie durch einen See geflossen sind. Wir Nicht-Genies müssen uns helfen, wie wir eben können, und ich bilde mir ein: Alles kann uns dienen, ohne dass wir deshalb geistige Blutsauger werden müssten."

Aber unter d i e n e n verstand sie eine Behülflichkeit zur Erlangung kleiner Absichten und Zwecke. Niemand besass weniger Geschick als sie, die Menschen zu gewinnen und zu lenken für ihre Plane; schon deshalb, weil sie schwerlich je einen andern Plan als den einer Reise oder einer Spazierfahrt gehabt. Die Menschen dienten ihr wie anatomische Präparate oder wie seltene Pflanzenals Studien, nicht einer Wissenschaft oder einer Kunst, sondern des Lebens, das sie nach allen Richtungen, in allen Aeusserungen verfolgen und verstehen wollte. "Ein Vogel singt, der andere fängt Mücken, jedes Ding hat seine Art," sagte sie, und jede Art war ihr interessant: mitunter freilich nur auf zwei Minuten. "Ist das meine Schuld?" fragte sie unbefangen, wenn Andlau oder andere Freunde ihr vorwarfen, dass sie leicht der Dinge überdrüssig werde, und heute gähne, wo sie gestern Beifall geklatscht: – "ich habe wirklich noch nie Ueberdruss an meinem Gott und meiner Liebe empfunden."

Fast alle Frauen ohne Ausnahme hatten Faustine lieb, denn in keinem Stück rivalisirte sie mit ihnen. Sie gönnte ihnen ihre Triumphe, ihre schönen Kleider, ihre Anbeter, ihre Verdienste, und begnügte sichdas Alles nicht zu haben. Zwar stellte sie die schönsten und glänzendsten Frauen in Schatten, doch so, dass beide Teile keine Ahnung davon hatten. Die schönen sagten: "Sie hat sehr viel Verstand, aber schön ist sie durchaus nicht." Die klugen: "Verstand hat sie nicht viel, aber sie ist allerliebst." Keine verglich sich mit ihr, so wie prächtige Gartenblumen sich vielleicht nicht mit einer Alpenpflanze vergleichen möchten. Ein Wilder sagte einst, als er das Gemälde eines Engels sah. "Er ist meines Geschlechts." Civilisirte Leute haben nicht mehr diesen sublimen Instinct.

Männer interessirten sich im Allgemeinen weniger für Faustine, sie war zu unduldsam gegen Fadaisen, und, Gott sei es geklagt! sie machen den Lichtpunkt in der Unterhaltung der Männer aus. Damit hatte sie gar keine Nachsicht, d.h. die Langeweile malte sich unwillkürlich, aber so deutlich auf ihr durchsichtiges Antlitz, dass mehr als Verwegenheit dazu gehört hätte, eine Unterhaltung fortzusetzen, die solche wirkung hervorbrachte. Folglich hatte die Masse der Männer ihr nichts zu sagen, und nichts drückt einen Mann mehr, als sich einer Frau gegenüber unwichtig zu fühlen. Daher kommt es, dass das eigene Geschlecht ziemlich willig einer eminenten Frau geistige Bedeutung und Uebergewicht verzeiht; das fremde hingegen nur dann, wenn sie von den Grazien in höchst eigener person zur Gefährtin geweiht istwas natürlich nie der Fall. – älteren Leuten gefiel sie besser, als jungen; vermutlich deshalb, weil sie freundlicher gegen jene war, teils aus achtung für das Alter, teils weil sie behauptete, man liefe bei ihnen