, und nur Ihr Gesicht sieht, so würde Jeder meinen, der liebe Gott habe seinen Lieblingsengel auf die Welt geschickt, um die Menschen von ihm zu grüssen, und vielleicht ist das auch seine Absicht mit Ihnen gewesen. Aber dies himmlische Antlitz lügt! es wohnt nichts dahinter – als ein lügenhaftes Weib."
Faustine erhob sich. Sie stand vor Clemens so hoch, so gross, als sei sie plötzlich um einen Fuss gewachsen. Kalt und befehlend zeigte sie mit der ausgestreckten Rechten nach der Eingangstür, und ohne Clemens eines Blickes zu würdigen, ging sie königlich stolz aus dem Salon in ihr Zimmer und verschmähete es die Tür hinter sich zu schliessen. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch, legte den Kopf in beide hände, um sich zu besinnen, ob Clemens verrückt oder betrunken, krank oder unverschämt sein möge, brachte es nicht heraus, und schrieb, um sich zu zerstreuen, ein Paar herzliche Zeilen an Cunigunde, als Antwort auf ihren gestrigen Brief. So war eine Viertelstunde verflossen. Clemens sass noch immer regungslos auf dem Sopha. Er bereute sein Benehmen – besonders deshalb, weil er, mit der Tür ins Haus fallend, Faustinen Waffen in die Hand gegeben. Darum hob er ganz demütig an:
"Ich bin noch hier, Gräfin Faustine."
"Wider meinen Willen, Herr von Walldorf," sprach sie eisig von ihrem Schreibtisch herüber.
Er stand auf, ging bis zur Schwelle ihres Zimmers und bat: "Wenn ich ein Verbrecher bin, so geben Sie mir durch die Beantwortung einiger fragen dreist den Todesstoss." "Sie sind ein Wahnsinniger," sagte sie gelassen und legte die Feder hin. "Kamen Sie nicht heute Nacht in Graf Mengens Begleitung nach haus?" "Ja." "In seinen Mantel gehüllt?" "Ja." "Warum das?" "Weil der meine samt meinem Bedienten verschwunden war und noch ist." "Ich bitte um Vergebung! der Mantel ist da, ich habe ihn vor zwei Stunden gesehen." "Wo denn?" "Wo? Sie fragen? .... Gräfin, haben Sie in der Tat den Mut, zu fragen?" "Himmel!" rief sie sehr ungeduldig, "hing er als Wetterfahne an der katolischen Kirche, oder fuhr ein neuer Faust auf ihm durch die Luft, oder was sonst!" "Er lag in Graf Mengens Zimmer – auf dessen Bett." "Nun das ist mir lieb! der gute Mengen! so hat er den Ernst aufgefunden – ich war schon ganz verzagt. – Weiter im Examen, Herr von Walldorf! Sie sehen, ich bleibe keine Antwort schuldig."
"Ich bin zu Ende."
"Das tut mir leid."
"Warum?"
"Weil es mir nicht geglückt ist, Ihnen den Todesstreich zu geben, d.h. Ihren wahnsinnigen Hirngespinnsten, denn Sie sehen zwar ganz petrifizirt aus, aber gar nicht klar und verständig."
"Faustine!" rief Clemens und warf sich ihr zu Füssen, "haben Sie Mitleid mit mir. Wie kann ich klar sein, wenn die rasendste leidenschaft, Eifersucht, meine Besinnung, mein Urteil verstümmelt, und wenn alle äussern Zeichen mich grässlich in dem Verdacht bestärken, dass – Mengen glücklicher ist als ich."
"Das wünsch' ich ihm aus tiefster Seele," sprach Faustine finster.
Clemens fuhr auf und sagte mit hämischer Bitterkeit: "Daran hab' ich nie gezweifelt! ich wusste es – als ich den Mantel bei ihm sah."
"Verschonen Sie mich mit diesem ewigen Mantel!" rief sie ungeduldig.
"Er muss doch sein, wo die Besitzerin ist – oder war."
Der tiefe Unmut in Faustinens Zügen ging plötzlich in eine so tiefe Trauer über, dass Clemens wie niedergedonnert abermals zu ihren Füssen hinsank. Sie sagte nur: "Clemens!" – aber es lag ein herzzerschneidender Vorwurf in ihrem leisen, zitternden, melancholischen Ton.
"Vergebung!" stammelte er mit gerungenen Händen.
"O," sagte sie, "nicht mich haben Sie am tödtlichsten gekränkt: Sich selbst – die reine Blüte Ihres Gefühls! .... Stehen Sie auf, Herr von Walldorf, gehen Sie! Sie können doch künftig nicht mehr den Mut haben, mir fest ins Auge zu sehen, unwillkürlich würden Sie es niederschlagen, und einen solchen Menschen kann ich nicht in meiner Nähe dulden – gehen Sie!"
"Sei gnädig, Faustine!" seufzte Clemens, und drückte seine Stirn auf ihre Füsse. Doch mit unsäglichem Widerwillen machte Sie mit dem Fuss eine abwehrende Bewegung und wiederholte:
"Gehen Sie." – Und er ging. – Grosse Tränen quollen aus ihren Augen. Sie blickte mit tiefer sehnsucht Andlaus Bild an und sagte: "Anastas, mein Freund! kommst Du denn nie wieder mit Schutz und Schirm für Deine Ini?"
Da hörte sie im Vorzimmer Marios Schritt. Schnell trocknete sie die Augen. Es war vielleicht ihr grösster Schmerz, dass sie ihm den Grund ihrer Betrübniss nicht sagen durfte. Das machte sie verdriesslich. Sie empfing ihn nicht eben freundlich, als er mit den Worten eintrat:
"Darf ich für den Sünder Ernst um Gnade bitten?"
"Der ist an Allem schuld!" rief sie unmutig.
"Ist Ihnen Unangenehmes widerfahren?" fragte Mario sehr besorgt.
"Nein, gar nichts," sagte