ihn zum Dank verpflichtet habe. Mengen war noch nicht aufgestanden, doch Clemens liess sich nicht abweisen. Jener befahl die Vorhänge aufzumachen, Clemens setzte sich vor sein Bett – und starrte ihn sprachlos an, denn der ihm wolbekannte Mantel Faustinens lag auf Marios Bett. Dieser hatte, plötzlich erweckt, den unseligen Mantel vergessen, er wusste nicht Walldorfs ungemessenes Staunen zu deuten, und wartete ruhig auf eine Erklärung desselben und des frühen Besuchs. Als aber Walldorfs Zähne hörbar zusammenschlugen, wähnte er, Clemens werde durch die Erinnerung an sein gestriges Betragen gedrückt, und deshalb sprach er freundlich:
"Das kann wohl einmal passiren, lieber Walldorf, und –"
"O zum Teufel!" rief Clemens ausser sich, "der Mantel gehört –"
"Der Gräfin Faustine!" sagte Mario eiskalt, aber innerlich durchzuckte ihn ein gewaltiger Schreck über seine Unbesonnenheit.
"Und das läugnen Sie nicht einmal?" stammelte Clemens.
"Warum sollte ich?" fragte Mario unbewegt.
"O, Faustine! Faustine! in welche hände bist Du gefallen!" jammerte Clemens und rannte durch das Zimmer.
"Herr von Walldorf, Ihr gestriges Benehmen war zu begreifen und daher zu entschuldigen, Ihr gegenwärtiges ist aber weder das eine noch das andre. Haben Sie die Güte, mir Ihr Anliegen so kurz wie möglich vorzutragen, damit ich es so bald wie möglich erfüllen könne."
"Graf Mengen, wie kommt dieser Mantel hieher?"
"Auf diese Frage bin ich nicht Ihnen, sondern der Gräfin Faustine die Antwort schuldig; dass ich ihr diese Rechenschaft nicht schuldig bleiben werde, davon mögen Sie später Zeuge sein. Uebrigens, Herr von Walldorf, bitte ich Sie, meine Verehrung für diese liebenswürdige, schutzlose Frau niemals nach der Ihren zu beurteilen, welche für diese letzte Eigenschaft einen empörenden Mangel an Rücksicht an den Tag gelegt."
Clemens wusste genug – für seine person. Und das, was er weiter wissen wollte, erfuhr er jetzt doch nicht. Also lief er fort, auf die Promenade, hin und her vor Faustinens Fenster. Vielleicht würde sie ihn sehen, ihn rufen – allein durch Faustinens purpurrote Vorhänge schimmerte der Tag so dämmernd, dass er ihre Augenlieder überstreifte, ohne sie zu heben. Sie schlief nicht mehr, sie träumte nur noch halb und halb, es war ihr lieblich zu Sinn – sie wusste selbst kaum warum. Cunigundens freundliche Zukunft wird es sein! meinte sie.
Nachdem Clemens vergeblich einige Zeit auf und ab gerannt, entschloss er sich nach einigen Stunden, Faustinen seinen Besuch zu machen, unbefangen, gleichmütig, als sei nichts vorgefallen, und es darauf ankommen zu lassen, wie sie ihn empfangen würde. "Gott," dachte er, "wenn sie nur diesen Mengen nicht liebte! der macht sie gleichgültig gegen mich! in Oberwalldorf war sie anders .... nicht anders gegen mich, nicht freundlicher .... aber dort konnte' ich nicht glauben, dass sie für irgend einen Mann – Andlau etwa ausgenommen – lieblicher sein könne; ja sogar ihre Empfindungsweise für Andlau kränkte mich nicht so – nicht so tief, nicht so bitter. Zeit, Treue, Gewohnheit, gaben ihm Rechte – ich weiss ja Alles, ich mache mir ja keine Chimären! ich verlange ja nichts, als dass sie mir erlaube mein Herz vor ihr niederzulegen, als dass sie freundlich meine Liebe anlächle, sie dulde! statt dessen weist sie sie ab, drängt mir das Wort in den Busen zurück oder verdreht es mir auf der Lippe, während sie an diesen Mengen ihre Liebe verschwendet. – Der Teufel mag wissen, in welchem Grad!
Durch solche und ähnliche Vorstellungen regte er seinen Zorn und seine leidenschaft dermassen auf, dass er halb vernichtet bei Faustinen eintrat und keines Wortes mächtig neben ihr auf das Sopha sank. Sie wähnte, wie Mario vorhin, die Erinnerung an seine Ungezogenheit quäle ihn, und dadurch ward sie in ihrem Vorsatz, den gestrigen Vorfall gänzlich zu ignoriren, noch mehr bestärkt. Sie frühstückte, denn Clemens, dem die Secunden zu Ewigkeiten wurden, hatte sich in den Stunden verirrt.
"Brav, dass Sie so früh kommen! ich fürchtete schon, Sie würden mir meine gestrige Abtrünnigkeit nicht ganz verziehen haben. Das kam aber so." Sie erzählte ihm, wodurch sie gestört worden sei, und dann vom Ball, der elegant und amüsant gewesen, und dann, dass Mengen sie heute im Eisschlitten fahren wolle – Alles so schlicht, so natürlich, wie die Unbefangenheit, und freundlich, wie die Güte tut, die einen Andern aus peinlicher Lage befreien mögte. Doch Clemens in seinem aufgeregten Zustand war nicht dafür empfänglich. Er sah nur eine geschickte Heuchelei. Das überwältigte ihn, er schlug verzweiflungsvoll beide hände vors Gesicht. Die erste Bewegung Faustinens war, misstrauisch von ihm wegzurükken. Doch sie besann sich, dass er unmöglich Morgens um zehn Uhr im Rausch sein könne, und seine Desperation auf Rechnung seiner Beschämung schreibend, fasste sie sich, blieb neben ihm sitzen, zog seine Rechte von seinem Gesicht herab, und sagte:
"Guter Clemens, beruhigen Sie sich."
Da blickte er sie an, schüttelte den Kopf und rief:
"Aber Sie strafen ja den lieben Gott Lügen! .... Ja ja!" fuhr er fort, als Faustine tödtlich erschreckt ihn sprachlos ansah – "jetzt fällt die Maske! doch, wenn man nichts ahnt, nichts weiss