einem Posten. Zwei sind überall zu viel und Einer ist genug."
"Diesmal ist auch Einer überflüssig."
Clemens gab allmälig dem Einfluss nach, den die behagliche Stellung auf ihn übte: er wurde immer schläfriger. Nach fünf Minuten murmelte er:
"Ich wollt', es wäre Schlafenszeit und Alles stände wohl."
"Oho, alter Falstaff!" rief Mario lachend und klopfte ihn auf die Achsel, "dazu kann Rat werden, komm nur mit mir."
"Du bist ein braver Junge, Heinz, nur etwas leichtfertig," stammelte Clemens. Und bald hatte Mengen ihn den Händen seines Dieners übergeben. Dann fuhr er auf den Ball zurück – im grund nur, um von dem verschollenen Ernst Nachricht einzuziehn; denn als ihm sein Jäger nach einer halben Stunde meldete, Ernst sei da, fürchterlich betrunken, so befahl er jenem, ihn mit sich zu führen und begab sich dann selbst nach haus. Dort liess er Ernst hereinkommen, der weinselig, Faustinens Mantel über dem Arm, erschien, und mächtig erschrak, als statt der Gebieterin ein ernster Mann vor ihm stand, der drohend fragte:
"Wer hat Dich dazu verführt, Dich so schmählich zu betrinken?"
"Der Herr von Walldorf," stammelte Ernst, halb ernüchtert.
"Lüge nicht!" sagte Mengen streng.
"Der Herr von Walldorf, auf meine Ehre! wenn der Herr Graf mir erlauben wollen, mich so vornehm auszudrücken. Er kam und sprach: er habe den Befehl von meiner gnädigen Gräfin, sie zu erwarten, und er könne es mir durch einen Doppel-Friedrichsd'or beweisen. Das war klar. Ich ging. Auf dem Ball hiess es, der würde noch lange dauern. Es war kalt, eine Weinstube nah – ich trank ein Paar Gläser Champagner – vielleicht sind's auch Flaschen gewesen – man berechnet das nicht! die Zeit vergeht so schnell –"
"Die Frau Gräfin will heute nichts von Dir wissen. Geh mit meinem Jäger und schlaf Deinen Rausch aus .... aber den Mantel sollst Du nicht mit Dir herum schleppen."
Ernst hing den Mantel über einen Stuhl und ging niedergeschlagen ab. Mario nahm den Mantel und betrachtete ihn so aufmerksam, als ob er ihn hätte taxiren sollen, und so erfreut, als ob ihm ein Wunder der Welt in die hände gefallen. Er war von dunkelrotem Atlas, mit weissem Tafft gefüttert, warm und leicht, um die Toilette nicht zu chiffonniren; weich, um sich dennoch fest darein wickeln zu können. Vor Marios Phantasie schwebte Faustinens lieblicher Kopf über dem Purpurstoff, wie ein Stern über der Abendröte, und ihre graziöse Gestalt hüllte sich in die reichen Falten, und ihre schneeweissen hände blitzten draus hervor. Er drückte sein glühendes Antlitz fest in den Mantel, der weiche schmiegsame Atlas legte sich sanft wie ein Kuss an seine Wangen, an seine Lippen – mit einer heftigen Bewegung schleuderte Mario den armen Mantel weit von sich, holte tief Atem, strich ganz erschöpft die Locken aus der Stirn und schellte. Der Jäger kam. Er liess sich entkleiden, doch unfähig schlafen zu gehen, setzte er sich an den Schreibtisch, um einen Brief an den Vater zu beginnen. Kaum sass er, so fiel sein blick auf den Mantel, der an der Erde lag. Das ist aber kein Platz für etwas, was sie trägt – dachte Mario, stand auf, nahm den Mantel, küsste ihn, als wolle er ihn wegen der schlechten Behandlung um Verzeihung bitten, setzte sich zum Schreiben, behielt ihn dabei auf seinen Knieen, und schrieb nun wirklich so eindringlich und herzlich über Cunigunde, dass er der günstigsten Antwort gewiss sein durfte. "Das war ein guter Tag!" sprach er halblaut nach Beendigung des Briefes; ich habe den Engel in seiner Glorie gesehen, und ich habe ihm dienen dürfen.
Er suchte die Ruhe, indem er sein Haupt auf den geliebten Mantel bettete, und durch seine Träume gaukelte, weinte und lächelte Faustine.
Clemens erwachte früh, unbehaglich, wüst im Kopf, öde in der Seele. Der ganze gestrige Abend war ihm wie Geld unter den Händen weggekommen. Er konnte sich auf nichts besinnen. Er rief seinen Diener, einen stämmigen, untersetzten Burschen, den er aus Oberwalldorf mitgebracht.
"Johann," sagte er, "wer hat mich über Nacht hierher begleitet?"
"Das weiss ich nicht, gnädiger Herr."
"Kam ich allein?"
"Nein, gnädiger Herr! ein sehr grosser, blasser Herr, gewiss so gross wie Ew. Gnaden, aber viel dünner – und ein Jäger, kamen mit herauf."
"War ich denn krank, Johann?"
"Ne, gnäd'ger Herr, das eben nicht," sagte Johann mit stupidem lachen.
"Jesus Maria!" rief Clemens entsetzt, "und ich war bei ihr gewesen! unmöglich! bin ich denn an Körper und Seele umgewandelt? kann ich nicht mehr einen erbärmlichen Tropfen Weins vertragen!"
"Na, gnäd'ger Herr," sagte Johann begütigend, "ich sollte meinen, es wäre wohl mehr als ein Tropfen gewesen."
"Ich will mich ankleiden!" rief Clemens. Er tat's im Fluge und stürmte eben so zu Mengen. Er hasste Mengen; aber er wollte doch wissen, ob er Faustine auf irgend eine Weise gekränkt, und ob der Gehasste