den seinigen suchen. "Der Mensch muss krank geworden sein," sagte sie, "das ist ihm nie begegnet .... oder was kann ihm sonst widerfahren sein?" Sie beunruhigte sich heftig; sie wollte nach haus und fürchtete sich. "Könnte er nicht auch meinen Schrank erbrochen, Geld genommen und entflohen sein? es war freilich nicht sehr viel da –" Mengen lachte, aber er sagte:
"Mein Wagen ist zu Ihrem Befehl; ich werde Sie begleiten und dann sogleich nach dem Abtrünnigen forschen."
"Ach, guter Mengen, wie freundlich von Ihnen!" seufzte Faustine.
Er gab ihr seinen Mantel um, führte sie herab und fuhr mit ihr fort. Sie sagte:
"Nun kann ich Ihnen Cunigundens Brief gleich mitgeben! und morgen schreiben Sie Ihren Eltern und fügen ihn bei. Wann können wir Antwort haben?"
"Spätestens in acht Tagen."
"Wenn sie günstig lautet, aber erst dann, teil' ich sie Cunigunden mit."
Faustinens wohnung war bald erreicht. Im Vorzimmer kam ihre Kammerjungfer ihr wie gewöhnlich entgegen. Faustine fragte:
"Wo ist Ernst?"
"Vor einer Stunde ist er gegangen, die gnädige Gräfin abzuholen. Aber Herr von Walldorf ist noch hier."
"Welcher Einfall, Jeannette, um diese Stunde Besuch anzunehmen!" rief Faustine heftig.
"Ernst hat es getan, gnädige Gräfin, ich nicht."
Faustine öffnete rasch die Tür des Salons und trat ein; Mengen mit ihr. Eine Lampe brannte ziemlich dunkel in dem grossen Gemach, in dessen entferntestem Winkel Clemens sass, im Lehnstuhl vergraben, die arme auf den Knien, das Gesicht mit beiden Händen bedeckt.
"Herr von Walldorf!" sagte Faustine zürnend.
Er fuhr auf und sah sie bestürzt an.
"Ich glaube, er hat geschlafen!" sprach sie halb unmutig, halb lachend zu Mario.
"Ich glaube, das tut ihm not" – antwortete Mario, schüttelte Walldorfs Arm und sagte: "Wollen Sie mich begleiten? die Gräfin kommt ermüdet vom Ball und ist unser ganz überdrüssig."
"Ihrer vielleicht" – warf Clemens über die Schulter ihm zu und sprach dann zu Faustine: "Sie kommen zu dieser Stunde, in dieser Verkleidung – was soll das bedeuten?"
War Faustine erstaunt gewesen über die Ruhe, womit Mengen Walldorfs Antwort hingenommen, s o wuchs dies Staunen, als er ihr jetzt gelassen seinen Mantel abnahm, der noch um ihre Schultern hing, und ihr das Wort abschnitt, das auf ihren Lippen schwebte, indem er sagte:
"Die Gräfin gibt Ihnen sicher morgen die interessantesten Notizen über den Ball, doch heute ist es wirklich zu spät. Kommen Sie mit mir, bester Walldorf."
"Aber Mengen, ich begreife Sie gar nicht! lassen Sie sich doch nicht mit dem Unbescheidenen ein!" rief sie.
"Sie müssen Nachsicht mit ihm haben – er hat stark getrunken."
Faustine unterdrückte nur halb einen ängstlichen Ausruf und ergriff Marios Hand. Das erregte Walldorfs Zorn. Er nahte ihr, leichenblass, und fragte mit starker stimme:
"Warum fürchten Sie mich?"
"Gar nicht," sprach sie hastig. Aber ihr Arm lehnte auf Marios, und der fühlte, wie ihre ganze Gestalt zitterte. Er wollte diese peinliche Scene für sie beenden und sprach:
"Wenn Sie mir den Brief geben könnten? und dann, gute Nacht!"
Faustine ging rasch in ihr Zimmer, er folgte ihr bis zur Tür. Auf der Schwelle empfing er den Brief, ihren dankbaren Händedruck, den freundlichsten blick – dann schloss sich diese Tür .... auch vor ihm. Er empfand das, wie einen leisen Schmerz, ganz heimlich und ganz tief in der Seele; doch er hatte nicht Zeit, dieser Empfindung nachzuhängen. Clemens hatte sich auf ein Sopha gesetzt, die Beine über ein Tabouret gelegt, ein kleines Polster unter den Kopf geschoben, sich so bequem wie möglich etablirt. Mario nahm seinen Mantel um, setzte den Hut auf und fragte:
"Ist's Ihnen gefällig, Herr von Walldorf?"
"Nein, ich warte auf die Gräfin Faustine! sie soll mir Rede stehen, weshalb sie mir heute Mittag ihr Wort gebrochen, und heute Abend mich fortgeschickt hat."
"Aber sie hat sich in ihr Zimmer begeben: ein Zeichen, dass wir gehen können."
"Oder, dass ich ihr folgen darf." Er stand auf, doch etwas schwankend. Mario kochte innerlich vor Wut, dennoch wollte er glimpflich mit Clemens umgehen, um Faustine nicht noch mehr zu ängstigen. Darum entgegnete er:
"Dann müssen Sie doch auf ihren Befehl warten."
"Richtig!" sagte Clemens, und ganz vergnügt über dies Argument, welches ihm erlaubte sich zu setzen, nahm er seine bequeme Stellung wieder ein.
Mengen warf Hut und Mantel ab, und etablirte sich neben Clemens ganz auf die nämliche Weise. Als der Anstalten sah, welche ein dezidirtes Postofassen verkündeten, fragte er verdriesslich:
"Mit welchem Recht lassen denn Sie sich hier nieder?"
"Da Sie vor dem Zimmer der Gräfin Wache halten, so darf ich mir wohl auch dies Vergnügen machen."
"Die ganze Nacht hindurch?"
"Die ganze Nacht."
"Es wird hier aber recht kalt werden."
"Ich habe meinen Mantel."
"Zwei Wachen stehen doch nie auf