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ist denn der Mann, der so endet, wie er begonnen hat? erfüllt er alle Erwartungen, entspricht er allen Wünschen, überwindet er alle Versuchungen? reisst nie der Faden, aus welchem er das Gewebe seines Lebens bildet?"

"Er reisst, allein einen andersfarbigen knüpft er nicht an."

"So denken wenig Männer! dass Sie zu den Ausnahmen gehören, glaube ich gern."

"Die Frauen klagen über den Wankelmut der Männer, die Dichter singen davon, dicke Bücher sind damit voll geschriebenund wer mag ergründen, ob der erste Zweifel an Treue, und somit der erste Schritt zum Wankelmut, nicht zuerst durch die erste Geliebte in die Brust des Mannes gehaucht ward!"

"Was ist Ihnen denn begegnet, dass Sie die Frauen so sehr hassen oder gering achten?" fragte Faustine mild und traurig.

"Welch eines Frevels beschuldigen Sie mich, weil ich zu äussern wage, dass mit der unsäglichen Grazie des Weibes selten jene Kraft sich paart, welche unser Erbteil worden ist, und welche notwendig dazu gehört, nicht um eine weltgrosse leidenschaft zu fassenwohl aber um sie festzuhalten. Mich hat nie eine Frau verletzt, vielleicht deshalbsagte er lächelndweil ich Keiner mein ganzes Herz hingegeben; und wenn ich sage, dass sie schwach sei, so hindert mich das keineswegs, sie zu lieben, ja, die am innigsten zu lieben, deren fliegende Seele ewig eines Schutzes, einer Zuflucht, eines unwandelbaren Haltpunktes bedürfte."

"So muss es auch sein," sagte Faustine. Beide schwiegen, ernst, in tiefen Gedanken. Unbegreiflich, dass ein Mann auf der Welt ausser Anastas so gesinnt istsprach Faustine heimlich zu sich selbst. Unbegreiflich! wiederholte sie und sah Mengen tief und forschend an. Aber das letzte: Unbegreiflich! hatte sie, ohne es zu wollen, laut ausgesprochen.

"Mir scheint es sehr natürlich" – antwortete er, und nach einer Weile, da sie schwieg, rief er: "Wollen Sie mich beurlauben, Gräfin? ich habe nicht umhin können, der Lady Geraldin eine ihrer ewigen Schachpartien zu versprechen."

"Tun Sie, was Sie tun müssen," sagte Faustine boshaft.

"Nur wenn Sie mir Urlaub geben."

"Sie sind nicht in meinem Dienst, wie in dem der Lady Geraldin: wie könnte ich Ihnen Urlaub geben."

"Wünschen Sie wirklich, dass ich nicht zur Schachpartie gehe?"

"Warum soll ich es nicht wünschen?" fragte sie unbefangen, und sah ihn gross an.

"Dann bleibe ich gewiss auf diesem platz an Ihrer Seite."

"Das habe ich ja nur gewollt! erzählen Sie mir von Ihrer jüngsten Schwester, deren Gefährtin Cunigunde nun bald sein wird."

"Meine Schwester Marie ist achtzehn Jahr alt, ziemlich gescheut und sehr hübsch mit blondem Haar und braunen Augen."

"Das ist eine äusserst trockne Beschreibung," sagte Faustine belustigt.

"Ach," rief Mario, "was kann ich Ihnen von Andern erzählen! Immer und ewig möchte ich Sie reden hören und, wenn ich sprechen müsste, von Ihnen selbst zu Ihnen sprechen."

"Himmel, das wäre langweilig für mich!"

"Das glaube ich nicht! gibt es ein Wesen, für das Sie sich lebhafter interessiren, als für Sich selbst?"

"Schlimm genug, wenn das der Fallund ich kann es nicht leugnen. Denn wie soll ich Respect haben vor irgend einer Wesenheit, wenn ich nicht bei meiner eigenen anfange? und habe ich überhaupt erst diese achtung für menschliche entwicklung und menschliches Streben gefasst, wie sollt' ich nicht suchen, zuerst mich selbst durchzuarbeiten? Das ist unser Ziel, das ist unsere Seligkeit. Muss der Mensch nicht stets diesen letzten Zweck alles Seins im Auge behalten?"

"Und nebenbei den unerschütterlichen Stützpunkt der ewigen Moral: dass diese Seligkeit durch kein Unrecht zu erringen ist! Wer sich mit seinem raffinirten Egoismus im Weltall isolirt, indem er alles Leben nur als den Born betrachtet, welcher ihm frische Nahrung zuströmt, der wird bald genug vogelfrei zwischen seines Gleichen sein, aber nicht freinicht geschützt in seiner Eigentümlichkeit und durch sie, weil er keinen Respect vor der fremden hat."

"O, ich mag nicht vogelfrei sein! Ich will ja nur das Bächlein sein, welches in das grosse Meer des Alls zurückströmt und spurlos verschwindetwie gern! wenn nur mein Lauf klar und meine Welle rein gewesen."

Marios blick hing unverwandt an ihr; aber der Strahl ihres Auges glitt bei diesen Worten an ihm vorbei und stieg leuchtend wie eine Girandola gegen Himmel. In diesem leuchtenden Strahl zerschmolz ihr Herz und wallte empor, wie das Opfer von der Altarflamme verzehrt als Weihrauch aufsteigt. Es war etwas in dieser Frau, was sie befähigt hätte, eine grosse Heilige zu werden: der schmachtende, unauslöschliche Durst nach dem Ewigen.

Mario dachte heimlich wie einst Clemens: und kann sie denn überhaupt lieben? länger lieben, als den Augenblick, wo die Sonne der Liebe ihre jungen Strahlen in die Welt hineinwirft? fester lieben, als das Lüftchen, welches süss und schmeichelnd meine Stirn umweht und versäuselt? tiefer lieben, als eine Fee, welche drei Minuten lang den Geliebten beseligt und dann ihn verlässt? – –

So war es zwei Uhr Nachts geworden. Faustine wollte fahren. Ihr Bediente war nicht da; Mario liess ihn umsonst durch