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eben so unmöglich gewesen sein, einen ganzen Abend hindurch zu tanzen, als zu lachen. Was sie auch tates geschah nie ohne eine innere notwendigkeit. Darum tanzte sie auch wie Niemand sonst, obschon ihre Bewegungen so regelrecht waren, wie vom Tanzmeister eingeübt.

Faustine wollte Mario eine Freude machen, darum tanzte sie mit ihm. Als mehre andre Herren sie um gleiche Gunst baten, sagte sie lachend:

"Sie kommen zu spät!" – und war zu keinem Schritt zu bewegen; was man denn freilich wunderlich genug fand.

"Ich musste heute doch einen Spass haben," sagte Faustine zu Mengen, "nachdem ich einen sehr hübschen versäumteine Fahrt auf dem Eise im grossen Garten mit Walldorf; Alles wegen der bewussten Angelegenheit. Auch mein Diner hab' ich darüber versäumt! um vier Uhr war ich in Schreiberei vertieft, und hernach, als meine gewohnte Speisestunde vorüberhatte ich keinen Hunger mehr."

"Es muss immer Jemand Ihnen zur Seite stehen, der für Sie sorgt: sonst begreife ich nicht, wie Sie durch das Leben kommen sollen, Gräfin Faustine."

"Es ist mir auch unbehaglich genug."

"Für das verlorne Diner kann ich Ihnen freilich keinen Ersatz bieten. Wollen Sie sich aber morgen von mir im Eisschlitten fahren lassen, so sind Sie wohl sicher, dass Sie mich erfreuen."

"Ich bin heute in gnädiger Stimmung für Siedann tue ich Alles, was man wünscht, und sage gewiss nicht Nein."

"Tun Sie das je, wenn ein Anderer Ja sagt?"

"Wenn ich nicht diesem Andern gegenüber meine Selbständigkeit dadurch verloren, dass ich ihn liebeso muss ich allerdings für mich selbst denken und handeln, und dann kann es kommen, dass ein sehr dezidirtes Nein seinem Ja begegnet. Uebrigens hasse ich Nein und Ja, und all diese trocknen, scharfen Worte, die plötzlich den sanften Lauf der Dinge hemmen, wie die Schleuse den Bach. Bei Menschen, die überhaupt sich verstehen, folgt die ganze entwicklung des Charakters, des Verhältnisses so unumgänglich klar aus dem ersten Verständnisswelches nichts ist, als die erste Begegnung in ihrer primitiven Frischedass eine Frage, auf welche Ja oder Nein folgt, mir ganz possierlich vorkommen würde. Fragte mich Jemand: lieben Sie mich? so könnte ich doch gewiss nichts Besseres tun, als dem Tropf den rücken zukehren, der das Ja oder Nein nicht längst gemerkt hat."

"Die Frauen lassen uns so häufig in Zweifel über ihre eigentlichen Gefühle, und treiben so häufig allerliebste Koketterie mit fremden, dass solche unschuldige Frage uns armen, schlichten Männern erlaubt sein dürfte."

"O die Männer sind rührend in ihrer Einfachheit!" rief Faustine höchst belustigt. "Wesen, die immer sich arrangiren, berechnen, auf ihrer Hut sind, sollen sich plötzlich zu einer Simplizität erheben, welche die Gefährtin der Kindesunschuld ist oderder weltgrossen leidenschaft, denn diese wirft allen den Flitterkram der Eitelkeit und der Mode von der brennenden Stirn und dem mächtig schlagenden Herzen."

"Gräfin Faustine," sagte Mario ganz ernst, "Sie werden mich von Vorurteil für mein Geschlecht befangen nennendennoch ist es meine tiefste überzeugung, dass ein Mann leichter als das Weib eine weltgrosse leidenschaft fasst."

"Für das Spiel, zum Exempel, für's Gold, für den Ruhmja, das glaube' ich."

"Nein, grade die leidenschaft, welche Sie im Sinn hatten."

"Gut! auch für die Frauen."

"Nicht für die Frauen, Gräfin Faustine, für e i n e Frau."

"Richtig! ich besinne mich, dass Sie auch nur den Mann der Begeisterung fähig halten. Sie sind consequent, lieber Mengen, consequent in der Verblendung und Parteilichkeit. Nicht wahr, nur die Männer sind consequent?"

"Der Ausgleichung wegen sind die Frauen eigensinnig."

"Das kommt auf eins heraus."

"Nicht ganz; der Eigensinn beharrt bei Grillen und Launen. Zur Consequenz gehört das Fundament einer bestimmten Ansicht, welche zur Richtschnur wird beim Aufbau des Gebäudes."

"Aber diese Richtschnur kann eben so falsch wie eine Grille sein."

"Falsch allerdingsdann muss der Baumeister sein Gebäude niederreissen. Aber es ist doch kein solcher Wirrwarr in seinem, als in demjenigen Kopf, der ohne Plan baut, der heute für eine corintische Säulenhalle schwärmt, morgen eine gotische Tür dahinter wölbt, und übermorgen das Ganze mit einem chinesischen Dach krönt."

"So geschmacklos sind die Frauen nicht!" rief Faustine entsetzt.

"Ihr Künstlerauge stösst sich an den falschen Proportionen –"

"Und sollte das nicht auch die Seele tun?"

"Ja, wenn sie unverwirrt ist, wenn sie sich nicht von ihrem ersten Plan abbringen lässt, sobald sie den Grundstein dazu gelegt. Aber sagen Sie selbst, sagen Sie die Hand auf dem Herzen: kann man zu einer Frau diese Zuversicht haben? Sind sie nicht immer schwankend, weil sie schwebendzerbrechlich, weil sie zartlenksam, weil sie beweglich sind? Gräfin Faustine, sind Sie sicher, dass diese Cunigunde, welche jetzt vor unser Aller Augen einen dorischen Tempel aufführt, in dem nur ernste Götter wohnen könnenin diesem strengen Styl beharren werde?"

"Nein!" rief sie fast ängstlich; "aber schön wird er immer bleiben. Und überhauptwo