1840_von_Hahn_Hahn_135_53.txt

Sie lehnte an dem Pfeiler mit übereinander geschlagenen Armeneine Stellung, die den meisten Frauen wegen zu enger Kleidung unmöglich sein dürfteund die Rechte tändelte mit dem Fächer, den sie sinnend an den Lippen hielt, nachdem ihre Gedanken nicht mehr durch die Umgebungen beschäftigt waren. Das meergrüne Kleid, die leichten, lang herabfallenden Locken, die stille Traurigkeit, welche sich wie ein silberner Schleier auf ihre weichen Züge legte, gaben ihr etwas so Aeterisches, dass Mario, während er sich Bahn zu ihr machte, unablässig sie im Auge behielt, um sich zu vergewissern, dass sie kein Traumgebild sei, oder um, wenn sie ein solches sei, doch wenigstens wahrzunehmen, wie sie sich in Duft auflöse.

"Welch ein allerliebst verdriessliches Gesichtchen bringen Sie auf unsern muntern Ball, Gräfin Faustine" – sagte er, als er sie endlich erreicht.

"Es ist übel, dass jede Trauer einen verdriesslichen Beischmack hat," antwortete sie gelassen.

"O keine Trauer heute!" bat er, "ich bin glücklichnoch von gestern, glaube' ich! und dann hab' ich die Nachricht bekommen, dass meine zweite Schwester dem Ziel ihrer Wünsche, der Verbindung mit einem längst Geliebten, durch unvorhergesehene günstige Umstände ganz nahe ist. Die beiden Menschen haben sich abgequält und abgezehrt, und nun ist plötzlich das Glück da."

"Sagen Sie lieber, die Qual ist aus! ob das Glück nun kommt, ist fraglich."

"Sie hoffen es doch! – Wollen Sie mit mir walzen, Gräfin Faustine?"

"Ich kann heute keine lustigen Leute leiden, Graf Mengen."

"Ich bin nicht lustig, nur heiter."

"Wenn die Heiterkeit sich auf äussere Dinge und Zeichen legt, wird sie lustig."

"Nun, wie soll ich sein, um Ihnen zu gefallen?"

"Teilnehmend" – sagte sie und eine Träne trat in ihr Auge.

Mengen erbleichte. Sie weinte und er hatte sie geneckt, in guter Absicht zwar, um sie von der Traurigkeit zu zersteuen, die er beim ersten blick in ihrem Gesicht entdeckt; aber sie weinte. Er nahm ihren Arm unter den seinen und führte sie zu einem ruhigeren Platz in einer Fensternische. Da sagte er erst:

"Was ist Ihnen widerfahren?" – Und Faustine erzählte. Zum Schluss bat sie ihn, seinerseits sich zu bemühen, damit Cunigundens Wunsch erfüllt werden möge. "Feldern selbst muss uns dafür dankbar sein," fügte sie hinzu, "wenn er nur das geringste ächte Gefühl für dies edle geschöpf hat."

Mengen hatte gespannt zugehört. Er war beglückt, weil nicht Faustine persönlich von einem Leiden heimgesucht; und zwiefach beglückt, weil er im stand war, das fremde, welches ihr so zu Herzen ging, zu heben. Er sagte:

"Tun Sie mir den Gefallen, sich recht innig über die Verlobung meiner Schwester Matilde zu freuen."

"Recht gern, mein lieber Mengen, besonders darüber, dass Sie ein so zärtlicher Bruder sind, denn ich habe Sie nun doch einmal lieber, als Ihre mir unbekannte Schwester Matilde."

"Aber diese Verlobung macht ja, dass meine jüngste Schwester, eine allerliebste person, nun ganz allein bei den Eltern sein wird, weshalb ich den Auftrag habe, eine junge und liebenswürdige Gesellschafterin für sie ausfindig zu machen."

"Mengen! lieber Bester! ist es wahr?" fragte Faustine mit innerm jubel.

"Und da könnte ich wohl keine liebenswürdigere finden, als fräulein Stein."

Die Tränen rollten rasch und heiss aus Faustinens Augen. "Dank!" sagte sie, "o tausend, tausend Dank!" Sie drückte seine hände, sie sah ganz verklärt aus.

"Sie sind ein Engel!" sagte Mario rasch und leise.

"Ich nicht," sprach sie und trocknete die Augen; "aber Sie! Sie bringen ja eine himmlische, eine rettende, trostreiche Botschaft."

"Wer sich so freuen kann, ist ein Engel! der gewöhnliche harte, kalte, engherzige Mensch hat kein solches Mitgefühl."

"Wenn Sie wüssten, wie froh Sie mich machen! dies ist der erste gute Augenblick, den ich heute gehabt. Ich konnte gar nichts für Cunigunden tun! solch Wesen passt nicht überall hin. Unter meinen nähern Bekannten konnte ich niemand ausfindig machen, mit meiner Schwester würde sie nicht harmonirt habenund nun nehmen Sie mir die schwere sorge vom Herzen. Nicht wahr, Sie schreiben gleich morgen früh an Ihre Eltern? ich werde Ihnen Cunigundens Brief senden, damit die Ihrigen sich überzeugen mögen, wie anspruchlos sie auftritt. Nicht wahr, Sie zweifeln nicht, dass es uns glücken wird, sie aus ihren trüben Verhältnissen zu erlösen? Machen Ihre Eltern, macht Ihre Schwester besondere Ansprüche an die Gesellschafterin?"

"Gar keine, als dass sie musikalisch sei."

"Das ist Cunigunde! sie singt lieblich."

"Sie hat freilich eine glockenreine stimme, aber ihr Gesang liess mich eiskalt."

"Kurz, sie singt und spielt das Pianodas ist die Hauptsache. – O ich bin froh über die Verlobung Ihrer Schwester Matilde! .... Wollen wir walzen?"

Sie tanzte selten, weil sie es übernatürlich langweilig fand, den Tanz, diesen jubelnden Ausdruck des Frohsinns, bis zur Ermüdung und Erschlaffung durch lange Stunden, gleich einer aufgegebenen Arbeit, auszudehnen. Es würde ihr