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nur zwei niedrige Mittel diese herrschaft geben können: die Heuchelei der Frau, die Sinnlichkeit des Mannes; – und sie anwenden zu müssen wäre kein entsetzliches Schicksal? Wenn alle Welt sagt, der Mann ist glücklich dadurch! und wenn er selbst sich vollkommen glücklich fühlt! und wenn es die höchste Ehre einer Frau ausmacht, den Gatten zu beglückenso sage ich dennoch, durch diese Mittel ist die Frau entwürdigtnicht vor der Welt, denn was weiss die Welt von einem reinen Herzen? und das allein gibt Adel und Würde; – aber vor sich selbst. Haben Sie doch Mitleid mit Ihrer Tochter, führen Sie nicht sie in Versuchung."

Aber Faustinens Ansichten konnten keinen Eindruck auf Frau von Stein machen, welche ihr Leben lang nach den entgegengesetzten gehandelt hatte. Sie sagte daher:

"Bei der schneidenden Verschiedenheit unserer Meinungen werden Sie sich gewiss nicht wundern, Frau Gräfin, wenn ich wünsche, dass meine Tochter keinen fernern Gebrauch von Ihrer erlaubnis macht, Ihren Umgang fortzusetzen."

Faustine sagte traurig: "Also nicht einmal mich sehen soll die arme Cunigunde? .... Wenn es ihr nun aber eine Freude wäre?" setzte sie bittend hinzu.

"Ich begreife nicht," entgegnete Frau von Stein scharf, "welch seltsames Interesse Sie an meiner Tochter nehmen."

"Ich liebe das Liebenswürdige" – sprach Faustine sanft.

"Doch hat es einen gehässigen Anstrich, störende Verhältnisse zu begünstigen."

"Der Vorwurf trifft mich nicht" – sprach sie noch sanfter, und sogar Frau von Stein wurde entwaffnet durch ihre Anmut, und schied freundlicher, als sie gekommen, aber unerschütterlich in Betreff Cunigundens.

Kaum war Faustine allein, als sie einen Brief erhielt. Die Aufschrift von unbekannter Hand machte ihr Herz ängstlich schlagen. Das Fremde ist so selten etwas Gutes. Sie erbrach atemlos den Umschlag und fühlte sich wahrhaft erleichtert, als sie die Unterschrift: Cunigundelas. Diese schrieb:

"Meine Mutter wird Ihnen so eben sagen, dass ich Sie nicht mehr sehen soll, Holdselige! Das betrübt mich tief; denn nicht nur, dass ich Sie immer sehen möchte: ich habe auch eine dringende Bitte, die ich jetzt schriftlich an Ihr Herz legen muss. Mein guter Vater ist mit mir einverstanden, er billigt meinen Schritt, er unterstützt meine Bitte. – Unter den gegenwärtigen Verhältnissen bin ich arme leider dem älterlichen haus eine Last geworden. Es ist bitter für ein Kind, das zu erkennen; doppelt bitter mir, weil ich selbst daran schuld bin und es doch nicht auf d i e Weise ändern kann, welche man von mir wünscht. Aber das Haus verlassen, wo ich Allen, nur nicht meinem armen lieben Vater, im Wege bindas kann ich allerdings und das will ich. Dazu müssen Sie, Sie wahrhaft Gnädige, mir behülflich sein. Sie haben Verwandte und Freunde in der Ferne, die Ihrem Wort, Ihrer Bitte gern Gehör geben werden. Ach, für sich selbst haben Sie wohl nie gebeten, Ihrem unausgesprochenen Wunsch sind gewiss Alle zuvorgekommen. Nun denn, so bitten Sie für mich, dass man mich aus Menschenliebe aufnehme, eine Freistatt mir gönne, einen Wirkungskreis mir anweise, den meine geringen Fähigkeiten ausfüllen können. Einen andern Anspruch an diese grosse Barmherzigkeit, als den, dass ich sie bedarf, habe ich freilich nicht, denn ich bin ein unbedeutendes, unentwickeltes Wesen, das denen, die sich meiner annehmen wollen, nichts verheissen kann, als Dankbarkeit. Aber wenn Sie das Gewicht Ihrer Bitte für mich in die Schaale legen, so sinkt sie gewiss herab. Zürnen Sie mir, weil ich diese Zuversicht zu Ihnen habe? – Mein letztes Wort ist: möchte ich so bald wie möglich so fern wie möglich sein."

Nachdem Faustine mit tiefer Rührung diesen Brief gelesen, schrieb sie ihn ab, erzählte Andlau ausführlich Cunigundens geschichte und auf welche Weise sie darin verflochten sei, beschwor ihn, bei seinen Schwägerinnen und wo man Vertrauen zu ihm habe, nach einer Freistatt für Cunigunden zu suchen, schloss die Copie in ihren Brief, und dachte erst, nachdem er gesiegelt, dass kein Wort von der gestrigen Begebenheit darin stehe. Aber dies ist auch wichtigerfügte sie hinzu und schickte den Brief augenblicklich zur Post. – Dass sie dem armen Clemens versprochen hatte, sich heute auf dem Bassin des grossen Gartens im kleinen Eisschlitten von ihm fahren zu lassenwar ebenfalls gänzlich ihrem Gedächtniss entschwunden, und fiel ihr erst dann ein, als er in später Abendstunde sich bei ihr anmelden liess. Sie war eben an ihre Toilette gegangen, um sich auf einen glänzenden Ball zu begeben, wo sie mit Mengen über die Vorfälle des heutigen Tages plaudern wollte, also konnte sie Clemens nicht annehmen. Eine halbe Stunde später trat sie in den geschmückten Saal.

Mengen stand mit Feldern so, dass er den Eingang im Auge hatte, und obgleich er lebhaft mit dem Freunde sprach, so flog doch sein zerstreuter blick unablässig dortin. Feldern war sehr niedergeschlagen, weil der Bruch mit Cunigunden unwiderruflich, und seine achtung vor ihrem festen Willen seine Neigung nicht verminderte.

"A revoir!" sprach Mengen plötzlich; "hernach reden wir weiter darüber."

"Heute nicht mehr," sagte Feldern lächelnd, denn er folgte Marios Augen und sah Faustine. Sie stand an der Tür, die Unmöglichkeit einsehend, durch den Kreis der Tänzer und das Gedränge der Zuschauer zu brechen.