. Die Menschenherzen kamen mir vor wie versenkte Perlen, nach denen niemand fragt. Das war ein Irrtum – Taucher fragen wohl nach ihnen! darum gehören ihnen auch die Perlen."
Am Schluss des Gesprächs war Mario so glücklich, dass er ganz vergessen hatte, wie niedergeschlagen er am Anfang gewesen. Faustine aber fiel, nachdem er gegangen, die Frage aufs Herz: ob Andlau sehr mit diesem verschenkten Ringe zufrieden sein würde. In seiner Gegenwart hätte sie ihn gewiss verschenkt und seiner Einwilligung sicher sein können; allein in seiner Abwesenheit! .... Der Vorsatz, es ihm morgen zu schreiben, beruhigte sie. "Es kam ja ganz einfach" – sprach sie zu sich selbst, "ich bin nur so sehr daran gewöhnt, auch das Alltäglichste mit Anastas zu teilen, dass mir das Ungeteilte wie eine Last auf der Brust liegt. Ich kann's wirklich nicht ertragen, so einsam für mich zu existiren, und wenn Mengen nicht hier wäre! .... Gottlob, dass er es ist."
Ob diese Freude an seiner Gegenwart Andlaus Rückkehr überdauern würde, ob sie kein Unrecht an Mario tue, wenn das nicht der Fall – das kam ihr nicht in den Sinn. Sie glaubte das Recht zu haben, sich aus voller Seele dieser ansprechenden Erscheinung freuen und ihr hingeben zu dürfen; sie sah darin keine Gefahr. Wenn man dies n u r Leichtsinn nennen wollte, so würde man dennoch Faustine Unrecht tun, obgleich wohl in ihrem Wesen jene leichtblütige Mischung war, welche den Leichtsinn erzeugt. Aber das Leben war ihr eine Aufgabe, sich zur möglichsten Vollendung durchzuarbeiten, und jede Begegnung sollte ein neuer Hammerschlag sein, um das Götterbild aus der rohen Felsmasse befreien zu helfen. Sie war von einer tiefen Herzensreinheit; nicht von der des Kindes, welches überhaupt von keiner Schuld weiss. Ihr heisses Herz verstand jede Schuld, jede Schwäche – nur nicht für sich selbst. Sie mass sich nie bei, die Absicht des Schöpfers mit den Geschöpfen erkannt zu haben: nur für sich hatte sie dieselbe erkannt und sie lag in dem kleinen Wort: aufwärtsstreben. Jede Gemeinheit der Lüge, der Heuchelei, der Gefallsucht war ihr fremd – eben ihrer reinen natur nach, welche jeden Schein verachtete, und zu der hatte sie eine Zuversicht, die auf nichts begründet und durch nichts gerechtfertigt war. Was ihr begegnete, nahm sie von höherer Hand gesendet an, um es zu ihrem Besten zu verarbeiten, ohne Jemand dadurch zu beeinträchtigen. Aber wo zieht sich der Faden einer Existenz so einsam hin, dass kein fremder sich mit ihm verschlinge und verwebe? dass dieser nicht breche, wenn der Knoten in jenem zerrissen wird?
Indessen kam der Brief für Andlau am nächsten Tage nicht zu stand, wenigstens nicht so, wie es Faustinens Absicht gewesen. Sie wurde im Schreiben überraschend gestört, indem Frau von Stein sich bei ihr melden liess. Faustine empfing sie äusserst artig, aber jene nahm nicht sonderlich Rücksicht darauf, und begann sogleich damit, ihr zwar in zierlichen Phrasen, allein ganz unverhohlen Vorwürfe über den ungünstigen Einfluss zu machen, den sie auf Cunigunden geübt. Das Mädchen sie nun erst recht in seinem Eigensinn bestärkt, und sowohl Feldern, als sie selbst hätten ganz das Gegenteil erwartet. Faustine antwortete mit einiger Befremdung, dass sie Cunigunden gar keinen Rat gegeben, weil er nicht von ihr verlangt sei, und dass sie das Mädchen schon allzu entschieden gefunden habe, um glauben zu können, dass ihr oder irgend ein anderer Rat von bestimmender wirkung sein könnte. "Aber nur eine Kranke konnte ich nicht in dem schönen, edlen geschöpf erblicken," fügte sie hinzu, "und das mag allerdings sie erkräftigt haben."
"Jede Ueberspannung ist Krankheit der Seele," fiel Frau von Stein ihr ins Wort; "und Ueberspannung ist Alles, was uns durch überfeinerte Ansprüche an Glück unserer Bestimmung entfremdet, wohl gar entzieht. Cunigunde ist unbemittelt und ihre Zukunft durch nichts, als durch eine Heirat zu sichern. Für jedes Madchen ist es wünschenswert und ehrenvoll, die Gattin eines so wackern Menschen zu werden, wie Feldern. Ich aber wünsche nicht bloss Cunigundens, sondern auch ihrer Schwestern wegen, meine älteste, schönste Tochter zu verheiraten; denn die beiden jüngern werden stets durch sie in Schatten gestellt sein, wenn sie im älterlichen haus bleibt. Mir muss das Glück all meiner Kinder am Herzen liegen, und ist die Eine törig, so dürfen die Andern nicht darunter leiden."
"O Gott," seufzte Faustine, "Cunigunde leidet aber."
"Ja, gegenwärtig, weil unser Aller Missvergnügen sie drückt. Hat sie sich nur erst überwunden und den Schritt getan, welcher ihr jetzt unmöglich scheint, so wird ihr reines Herz in dem Bewusstsein erfüllter Pflicht die nötige Stärke und Erhebung finden, um sie mit ihrem Schicksal auszusöhnen. Und überdies geht sie ja keinem entsetzlichen Schicksal entgegen. Feldern ist ein Mann, den eine verständige Frau lenken kann, wie sie will –"
"Führe uns nicht in Versuchung!" sagte Faustine mit einem Ton, vor dem Frau von Stein unwillkürlich verstummte. Nach einer Pause, in welcher Beide sich scharf fixirten, sagte Faustine: "Den geliebten Mann zu beherrschen, ist ein momentaner Triumph unsres Herzens, das mit seiner Glut zuweilen den fremden Widerstand schmilzt und doch schon heimlich bereit ist, den errungenen Scepter niederzulegen. Den ungeliebten Mann zu beherrschen, ist eine Entwürdigung, weil