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Lippen ihre Stirn und sah auf sie herab mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Zärtlichkeit, Andacht und Freude. Er hatte ein Gesicht mit scharfgezeichneten Zügen, mit Spuren von starker leidenschaft, von ernsten Gedanken; aber wenn der blick seines grossen blauen Auges auf Faustine fiel, so verklärte sich dies strenge Auge und die schneeweisse Stirn, welche es überwölbte, auf eine Weise, die Keiner ahnte, der ihn nicht mit ihr gesehen; denn seine breiten, dunkeln Augenbraunen und sein glänzend schwarzes, feines Haar, das sich schlicht um seine Stirn legte, verbunden mit einem durchdringenden, klaren blick, gaben ihm einen Ausdruck von ungewöhnlicher Strenge. Nur Faustine hatte ihn aus innerer Freudigkeit lächeln gesehen; denn für sie war er Alles, w a s sie bedurfte, und in jedem Augenblick, w o sie es bedurfte: Vater oder Freund, Lehrer oder Geliebter, lächelnd oder warnend, ermahnend oder scherzend, sorgend oder liebend, und wie an ihre sichtbare Vorsehung lehnte sie sich an ihn. Ihre fliegende Phantasie ward in Schranken gehalten durch seine klarheit, ihre reizbare Beweglichkeit durch seine Ruhe. Bisweilen fühlte sie sich beängstigt durch das Uebergewicht, welches besonnene Charactere immer über phantastische haben, und sagte scherzhaft:

"Wie jene Sclavinnen des Orients als Zeichen ihrer Knechtschaft nur eine kleine goldene Fessel in der Hand tragen, die wie ein Schmuck aussieht, so ist auch Deine Liebe wohl ein Schmuck, aber doch eine Fessel."

"Die du notwendig brauchst, um nicht in alle vier Winde zu verflattern" – entgegnete Andlau.

"Und dann verdien' ich es auch nicht besser," sagte sie, "habe eine ächte Sclavennatur, und liebe da am meisten, wo ich am meisten tyrannisirt werde; und zwar so sehr, dass ich die Menschen gar nicht begreife, welche extraordinär genug lieben, um sich gar nicht um das Liebste zu kümmern, ihm sein Glück gönnen, ohne es teilen, seine Freude ohne sie geniessen, seine Wege ohne sie verfolgen zu wollen. Aus lauter Liebe lassen sie das Liebste laufen; was bleibt da der Gleichgültigkeit übrig? Ich halt' es mit der exclusiven Liebe!"

Da ihr Geist immer Nahrung und Anregung bei Andlau fand, und seine Seele für sie der Inbegriff aller Vollkommenheit war, so drückte seine Ueberlegenheit sie auch nur in den seltenen Fällen, wo ihr Wille sich durch den seinen beeinträchtigt glaubte. Aber wenn sie sich die Mühe nahm zu überlegen, so sagte sie immer:

"Du hast wirklich Recht."

Indessen kam es selten bei ihr zur überlegung. Sie tat wie und was Andlau wünschte, sobald seine Meinung die ihre überwog. Ausserdem handelte sie nach Laune, aus leidenschaft, aus Eingebung, was immer eine missliche Sache ist, und wenn die natur auch die allerreinste. Faustine hatte eine solche; Grundsätze jedoch hatte sie nicht.

"Wenn ich die Grundsätze nur begreifen könnte," sagte sie oft, "so wollte ich sie mir ja sehr gern zu eigen machen. Allein Jeder hat seine ganz besonderen und ganz possirlichen. Der Eine spricht: ich stehe alle Morgen um sechs Uhr auf, das ist mein Grundsatz. Der Andere: ich erziehe meine Kinder durch Prügel, das ist mein Grundsatz. Der Dritte: ich lasse die Leute schwatzen, was sie mögen, bekümmere mich um nichts und tue, was ich willdas ist mein Grundsatz. Mit Letzterem bin ich gewiss ganz einverstanden; nur sehe ich nicht ein, weshalb eine so natürliche denke- und Handlungsweise mit dem pomphaften Wort Grundsatz belegt werden solle."

"Die Grundsätze sollen uns ja keineswegs eine unnatürliche, sondern eine edle, unserm Wesen entsprechende Richtung geben," sagte Andlau, "und uns helfen diese Richtung zu verfolgen, soviel es in menschlicher Kraft steht, wenn es uns auch schwer wirdeben weil wir sie als die erforderliche und notwendige zu unserer entwicklung erkannt haben."

"Sie machen starr und unbeugsam!" rief Faustine.

"Wo sie fehlen, gibt's Leichtsinn und Flatterhaftigkeit" – sagte Andlau lächelnd.

"Wenn ich mir nun auch vorgenommen habe, auf der Chaussee zu gehen, warum soll ich nicht aus dem dicken Staube oder von den harten Steinen auf die Wiese nebenbei, und zu meinem Ziel spazieren? ich komme ja angenehmer hin."

"Aber Du kannst Dir im Tau nasse Füsse und den Schnupfen holen; oder ein breiter Graben sperrt Deinen Pfad und Du musst umkehren; oder ein Schmetterling lockt Dich seitab; oder Du kommst eine Minute später an, und diese eine ist zu spät."

"Ich hab' auch einen Grundsatz," sprach Faustine ernstaft.

"Und der wäre?"

"Nie mit Dir zu disputiren, weil ich immer den Kürzern ziehe, was gewiss sehr demütigend ist."

Doch auch dieser war nur ein momentaner Einfall. In ihrem Charakter waren viele Anomalien und manche Schatten; doch der vorherrschende Zug ihres ganzen Wesens war eine Liebenswürdigkeit, die jene ausglich und diese überstrahlte. Worin ihre Liebenswürdigkeit bestand, konnte man nicht definirenvielleicht bloss darin, dass sie natürlich und ohne Ansprüche war, und von Niemand weder Lob, noch Beifall, noch Huldigung verlangte. Die tiefe Sorglosigkeit über den Erfolg ihrer Erscheinung oder ihres Gesprächs gab ihr eine solche Frische, dass um alltägliche Handlungen, um gewöhnliche Worte ein reizender Schmelz gehaucht war, wie er auf frischgepflückten Früchten liegt. Es ist ein Hauch, ein Duft, eben Nichts! –