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, setzte sich bequem zurecht und fragte hämisch:

"Störe ich etwa?"

"Ja," sagte Faustine sehr unmutig.

"Behüte der Himmel!" rief der rücksichtvolle Feldern, "dies Gespräch kann ja in jeder Minute unterbrochen und wieder angeknüpft werden."

"Das ist schön!" sagte Clemens. "Ich war heute zweimal vergeblich vor Ihrer Tür, Gräfin Faustine, Mittags um zwölf, Nachmittags um vier Uhr: beide Mal sagte mir der Diener, Sie wären nicht zu haus. Jetzt ging ich wieder vorbei, und da ich Licht in Ihrem Salon sah, kam ich herauf, in der festen überzeugung, dieselbe Antwort zu bekommen" –

"Aber Sie täuschten sich, wie Ihnen das schon Millionen Mal passirt ist", sagte Faustine kaltblütig, ohne seine Impertinenz zu beachten, für welche Feldern ihn sprachlos mit strafenden Augen ansah. Dann wendete sie ihm den rücken und unterhielt sich mit Feldern über Vorfälle in der Gesellschaft und Erscheinungen in der Kunst und Literatur. Eine momentane Pause benutzte Clemens, um im veränderten, demütigen Ton die Frage zu tun:

"Sie waren doch nicht etwa krank heute, Gräfin Faustine?"

"Nein, ich war sehr wohl," antwortete sie kühl und kehrte sich wieder zu Feldern mit einer gleichgültigen Bemerkung über die bodenlose Gesprächigkeit irgend einer Dame. "Es tut mir immer leid um all' die schönen Worte, die sie so kreuz und quer und mit vollen Händen ausstreut. Man kann viel durch ein Wort ausrichten, wenn man nur nicht sich und andre daran gewöhnt hat, dass man die Worte missbraucht. In ihrer Zusammenstellung kann eben sowohl als in ihrer Betonung eine deutliche Nüancirung veränderter Zustände liegen. Wenn Jemand an mich schreibt: "meine teure Faustine!" – der sonst schrieb: "liebe Ini," oder kurzweg: "Ini" – denn in der blossen Nennung des Namens ohne verherrlichende Adjectiva liegt die tiefste, koncentrirteste Innigkeitso weiss ich, dass seine Zärtlichkeit eine retrogade Bewegung gemacht, welche sich im nächsten Brief, den ich vielleicht nach einem halben Jahr erhalten werde, in Hochachtung umgesetzt hat, was mir die: "verehrte Gräfin!" ankündigt."

"Ist Ihnen das wirklich schon begegnet?" fragte Clemens neugierig. Er suchte an der Conversation teil zu nehmen, von der Faustine ihn so absichtlich ausschloss. Aber wenn sie auch erwiderte:

"Ich spreche nur beispielsweise von mir" – so würdigte sie ihn doch keines Blicks, und Clemens verzweifelte innerlich, dass er sich von seiner kindischen Eifersucht hatte hinreissen lassen, die ihm jetzt so törig und unpassend wie möglich erschien.

Nachdem Feldern gegangen, sagte Faustine zu Clemens, der noch immer ganz unbeweglich in seinem Lehnstuhl verharrte:

"Gute Nacht, Herr von Walldorf."

Er fuhr zusammen. "Herr von Walldorf?" fragte er verwirrt.

"Ja, ich meine Sie."

"Und was habe ich Ihnen getan, dass Sie mich plötzlich so fremd behandeln, mich fortschicken, obgleich ich Sie heute den ganzen Tag nicht gesehen?" –

"Mir haben Sie nichts getan! merken Sie sich das ein für alle Mal: eine Unart trifft nicht mich, sondern den, der sie begeht. Ihr schlechter Ton verletzt mich noch mehr in Ihrer, als in meiner Seele, weil er von einer ausserordentlich starken Indelicatesse zeugt. Ich müsste Sie wie ein Kind behandeln und Ihnen jedes unpassende Wort verweisen, wenn es mir nicht zu langweilig wäre als Bonne aufzutreten, einem vernünftigen Menschen gegenüber. Da ich das nicht mag, werde ich Sie fremd und förmlich behandeln, um Sie auf diese Weise an die Schranken zu erinnern, welche Sie stets geneigt sind zu überspringen. Aber ein Mann, der mich dazu zwingt, wird mir über kurz oder lang unausstehlich. Die Männer sind von natur täppische Gesellen! ward das nicht durch Erziehung und Sitte gesänftigt, so behüte mich der Himmel vor ihrem Umgang."

Clemens rang die hände. "Wie kann ein scherzhaftes Wort –"

"Niemand versteht besser den Scherz als ich," unterbrach Faustine; "darum habe ich auch sehr gut verstanden, dass Sie nicht scherzen, sondern sehr ernstaft sein wollten, was wirklich bei dieser gelegenheit nicht bloss ins Gebiet des Scherzes, sondern in das der Lächerlichkeit fällt."

Sie lachte, und Clemens rief erleichtert "Gottlob!"

Faustine sagte mit ihrem gewöhnlichen sanften Ton und hellen blick: "Ich bin ja so gern die Freundin meiner Freunde! zwingen Sie mich doch nicht, Ihr Zuchtmeister zu sein. Dazu sind ja die Feinde gut."

"O, Sie sind eine Himmlische!" rief Clemens beseligt und ergriff ihre Hand; setzte aber langsam hinzu, als Faustine die Hand losmachte: "Nur aber grausam."

"Sehen Sie je, dass ein andrer Mann alle augenblicke meine Hand anpackt?" fragte sie ein wenig gelangweilt.

"Nein; aber es liebt Sie auch Keiner wie ich."

"Irrtum! Alle haben mich lieber, als Sie. Alle vermeiden mir lästig zu werden und mir zu missfallen."

"Aber für Einen könnten Sie doch eine Ausnahme machen?"

"Und warum das?"

"Eben weil er Sie liebt."

"Das genügt nicht! ich muss ihn wieder lieben."

Er sah sie an. Sie sass auf dem Sopha, in die Ecke zurückgelehnt, das feine goldene Kettchen, woran ihre Lorgnette hing, nach ihrer Gewohnheit