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dass ihre Locken wie Bäche die hände überrieselten. Dann warf sie Kopf und Haar zurück, ihr Anblick tauchte beruhigt aus der Flut der Erinnerungen auf und sie strich lächelnd, träumerisch über die Stirn, als hätten Gespenster sie geneckt.

"Erschrecken Sie nur nicht über mein rasches, heftiges Wesen," bat sie lieblich. "Ich habe nun einmal eine Seele, deren Normalzustand ein fiebernder ist. Damit hat man goldenselige Phantasien oder grausige Phantasmagorien; aber letztere kommen mir selten und immer seltner. Von Ihnen wollen wir sprechen. Sagen Sie mir, wie sich Ihr Schicksal in Ihrer Familie gestalten würde, wenn sie entschieden mit Herrn von Feldern brächen?"

"Ich glaube fast, dass ich zu gleicher Zeit mit meiner Familie brechen würde, denn meine Mutter ist nicht daran gewöhnt, dass wir ihren Wünschen entgegen handeln und sie wünscht meine Verheiratung."

"Nun?" fragte Faustine gespannt, als Cunigunde nach diesen Worten schwieg.

"Ich habe keine Aussichten, keinen Trost, keine Hoffnung. Meine Zukunft ist eine undurchdringliche Nacht. Was ich auch tun mögeSchmerz und Kampf sind mir auf jedem Wege gewiss! doch Elend nur in der Verbindung mit Feldern."

"Gott!" sagte Faustine, "welch unglaubliches Leid verzweigt sich durch anscheinend friedliche, einfach glückliche, harmlose Verhältnisse. Ueberall nagt und schleicht und brennt ein Gift, und Keiner kann den Andern retten, nicht einmal den Geliebtesten. Jeder muss seinen Kampf selbst durchfechten, und mit seinem Blut bezahlen, und für Jeden ist er immer so, als wäre noch nie etwas Aehnliches dagewesen; denn immer sind die Umstände so verschieden, dass Niemand sein eigenes Beispiel als einen Rat darbieten darf."

Sie sprachen viel miteinander, wie alte Freundinnen, und das erleichterte Cunigundens zusammengepresstes Herz wenigstens von der beschämenden Qual, mit ihren tiefsten, heiligsten Empfindungen als eine beklagenswerte Kranke dazustehn. Sie blieb den ganzen Tag bei Faustinen. Sie sang ihr vorund nicht mit der kalten, seelenlosen stimme, wie sie einst in Mengens Gegenwart auf Felderns Wunsch gesungen, sondern wie man eben singt, wenn das Herz überfliesst. Faustine hörte ihr mit wahrer Andacht zu, denn sie war immer andächtig, sobald sie einen Herzschlag vernahm, und sann nach, ob sie nichts für Cunigunde tun könne, ihr einen Zufluchtsort schaffen, ihr Mittel zu einer selbständigen Existenz an die Hand geben; und dazwischen fiel ihr ein, ob Andlau nicht unzufrieden sein würde über ihre Einmischung in so zarte Verhältnisse, und ob sie kein Unrecht gegen Feldern beginge, der ihre Vermittelung zur Vereinigung, nicht zur Trennung gesucht. Sie hatte ihn zwar gleich auf ihre Handlungsweise vorbereitet – – da kam Feldern. "Ich werde ihm gleich reinen Wein einschenken," sagte sich Faustine heimlich. So wie er gemeldet war, veränderte Cunigunde sich augenscheinlich, wurde gezwungen, scheu und befangen. Sie verliess das Piano, die Kehle hatte keinen Ton, die Brust keinen Atem mehr, und als er eben in den Salon getreten war, sagte sie ängstlich:

"Ich begreife nicht, warum mein Vater nicht kommt mich abzuholen; es muss schon recht spät sein."

Zum Glück langte Herr von Stein bald darauf an, und hätte er auch recht gern Faustinens Einladung, den Abend bei ihr zuzubringen, angenommen, so kam ihm doch Cunigunde ablehnend zuvor. Sie bat Faustine um erlaubnis, sie in ihren einsamen Stunden einmal wieder besuchen zu dürfen, erhielt sie gern, und schied dankbar.

"Wie finden Sie Cunigunde, gnädige Gräfin?" fragte Feldern erwartungsvoll.

"Eben so schön als liebenswürdigund verständig."

"Und verständig? – dann hat sie nicht ehrlich zu Ihnen gesprochen."

"Sie hat! warum sollte sie nicht?"

"Weil sie sich ihrer Torheit schämt."

"Feldern!" rief Faustine heftig, "die Torheit dieses Mädchens ist tiefsinnige Weisheit."

"Hüten Sie sich, in der nebulösen Schwärmerei, in der vagen Exaltation wahren und kräftigen Schwung des Gefühls wahrnehmen zu wollen."

"Cunigunde ist ruhig und klar in sich, so weit es ein zwanzigjähriges Mädchen sein kann: sie will nicht einen Mann heiraten, den sie nicht liebt, und das nenne ich vernünftig."

"Aber während vier langer Jahre hat sie ihn heiraten wollen."

"Sagen Sie lieber, dass während dieser Jahre die Einsicht ihres Irrtums sich in ihr entwickelt hat."

"Wie oft soll es den Frauen erlaubt sein, solchen Irrtum zu begehen?" fragte Feldern gereizt und bitter.

"Erlaubtnie; zu vergebenimmer;" sprach sie sehr sanft.

Feldern schwieg eine Weile; dann fragte er wieder: "Und was wird das Schicksal Cunigundens sein, wenn sie bei ihrem Willen beharrt? Wird sie einen Mann finden, der ihren exaltirten Ansprüchen genügt? wird sie ihr herrliches Wesen an einen Unwürdigen verschleudern?"

"Cunigunde sieht so ernst und fest aus, als brauche sie nicht die Stütze, welche ein Mann geben kann, um ihren Weg durch das Leben zu machen. Gewiss ist's, dass sie keine solche wünscht, da ist die Gefahr nicht gross, an einen Unwürdigen zu geraten."

So begann Feldern allmälig die Möglichkeit einer Trennung zu fassen, und er war mit Faustine in ernste überlegung dieses wichtigen Gegenstandes vertieft, als Clemens höchst unwillkommen Beide störte. Eintretend warf Clemens einen zornfunkelnden blick auf Feldern und einen vorwurfsvollen auf Faustine, zog einen Lehnstuhl