bezeichnete: "Ich bin freundlich gegen alle Menschen – die mir gefallen," – aber sobald sie freundlich war, geriet Clemens in Entzücken, und sie musste spotten und lachen, um dadurch seine Freudenflammen ein wenig zu dämpfen. Kamen nun gar andre Menschen hinzu, gegen welche sie gleichmässig freundlich war, weil sie ihr keine Veranlassung gaben, ihr Benehmen zu ändern; kam vollens der gehasste Mario, von dem Clemens sehr schnell erkannte, dass er für Faustine in einer andern Reihe, als ihre gewöhnlichen guten Freunde stehe, nämlich in gar keiner und ganz abgeschieden – so tobten Wogen von Groll und Bitterkeit durch seinen sonst so sanften Sinn, und sein Mangel an Erziehung veranlasste ihn zu einem Benehmen, welches ihn bald lächerlich, bald unerträglich machte. Faustine hatte gehofft, die Furcht, lächerlich zu erscheinen, würde ihn, der nicht ohne Schüchternheit war, in seinen Grenzen halten, aber die leidenschaft übersprang und überwog jede Rücksicht. Jetzt war Faustine ganz gleichmässig ernst gegen ihn und er kam seltner. Sie fragte ihn einmal, wo und mit wem er seine Zeit hinbringe, und er antwortete:
"Mit jungen Künstlern! ich will auch Maler werden."
Sie lachte, aber sie freute sich, dass er doch irgend eine Beschäftigung habe, da das nichtstuerische Leben ihm, dem Arbeitgewohnten, leicht gefährlich werden konnte.
Cunigunde kam. Faustine empfing sie mit der ganzen Holdseligkeit, die sie bezaubernd machte, und die immer, wenn ihr Herz berührt wurde, wie eine Glorie sie umfloss. Sie waren lieblich anzusehen, die beiden schönen Gestalten! Cunigunde glich der Nacht mit ihrem dunkeln Haar, das sich in schweren Locken um ihr vornehm feines, regelmässig edles, mehr schmerzens- als krankheitsblasses Gesicht ringelte; die schmalen Lippen waren fest geschlossen, sie hatten selten gelächelt, nie geküsst; die länglichen Augen fast immer gesenkt, doch wenn die Wimpern sich hoben, so brach hinter ihrem schwarzen Gitter ein geheimnissvoller Strahl an, der gleich einem feuchten, zitternden Mondlichtstreif zum Himmel stieg, oder vom Himmel kam. Faustine dagegen war wie der Tag hell, durchsichtig, ein Krystall, worin Purpur, Gold, Azur und Rosenrot sich schmolzen. Ihren Kopf konnte nur ein Dichter erfinden, Cunigundens – ein Bildhauer. Sie war die in Frauenform verhüllte Essenz einer halbromantischen, halborientalischen Poesie – leidenschaft und Phantasie vorherrschend, zwei Dinge, die sich gewöhnlich einander ausschliessen, und in ihr sich vereinigten, wie der Lucifer ins Morgenrot hineinstrahlt. Aber nicht die Nacht allein – auch der Tag hat seine Geheimnisse. Wer kann am hohen Sommermittag den blick aufwärts kehren und in den Himmel hinein sehen, der wie polirter Stahl leuchtet und funkelt? es wird stets ein zitternder Schleier, wie von durchsichtigen Goldflittern, vor den Augen hängen; und diese Atmosphäre umgab Faustine, diese Atmosphäre war es, welche sie schied von der Masse der nüchternen Menschen und sie für Einzelne unwiderstehlich machte. Sie stand darin, wie die Palme in der tropisch blühenden Oase, wie die Peri in ihrem feenhaften Reich. Und diese Atmosphäre zerschmolz alle Fesseln an Cunigundens eingekerkerter Seele eben so plötzlich, wie sie die Schwingen von Marios freier Seele versengt hatte. Sie erzählte Faustinen ihre einfache, kurze, traurige geschichte: wie sie vor vier Jahren mit Feldern sich willig und gern verlobt habe, wie es ihr aber trotz dessen jetzt eine Unmöglichkeit sei, seine Gattin zu werden, und wie sie als eine Kranke behandelt werde, weil sie keinen Grund für diese Umwandlung anzugeben wisse. Sie sagte mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Melancholie:
"Hypochonder und nervenschwach nennt man mich! Ach, nicht die Nerven – die Seele ist schwach! die fürchtet eine Last auf sich zu laden, der sie nicht gewachsen ist."
"nennen Sie Ihre Seele nicht schwach, sondern klar!" rief Faustine. "Allen Zügeln, allen Lenkungen zum Trotz, lässt sie sich nicht durch die Verhältnisse bestechen, sondern erkennt den Weg, auf welchen ihr Heil n i c h t liegt. Haben Sie je so verständig, so überlegt mit Herrn von Feldern gesprochen?"
"Wie oft! aber er versteht mich nicht. Ich denke, dass Männer nicht gleich uns Fühlfäden an ihren Seelen haben."
"In gewöhnlichen Zuständen mögen wir ihnen an Takt und Feinheit überlegen sein," sagte Faustine, Andlaus eingedenk, mit tiefer Innigkeit; "aber w e n n ein Mann liebt – und das geschieht öfter, als die Frauen es eingestehen wollen – so umfängt er wie eine Sensitive das Geliebte, und fühlt früher, stärker jede dämmernde Regung, jede Wolke der Empfindung, jeden keimenden Dorn der Missstimmung, jede schwellende Knospe des Glücks. Aber freilich – lieben muss er. Liebe ist ewig der Ring des Djemschid, welcher das Verständniss der Dinge verleiht."
"Feldern liebt mich .... sagt er" –
"Ja ja," sprach Faustine und ein Schatten von Cunigundens Melancholie legte sich auf ihre blütenweisse Stirn, Erinnerungen zogen wie finstre Träume ihrem inneren Auge vorüber – "die Männer lieben auf allerlei Weise, und es gibt freilich eine, die uns elender macht, als je ihr Hass uns machen könnte. Von der rede ich nicht; denn wenn ich von ihr redete – fügte sie mit dem leisesten, bebenden Ton hinzu, aber ihr Auge flammte und ihre Wange glühte – so könnte ich nicht anders als sie verfluchen."
Sie presste krampfig beide hände vors Gesicht und schüttelte den Kopf,