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Mut gehabt, Faustinen sein gespanntes verhältnis zu Cunigunden offen darzulegen, so hätte sie ihn beschworen, die widerstrebende Braut fahren zu lassen, und auf keinen Fall sie selbst mit einer person in Verbindung zu setzen, deren Ansichten sie teilte. Aber Feldern beharrte in seinem Eigensinn, Cunigundens Benehmen als eine nervöse Sentimentalität zu betrachten, welche der Zerstreuung, der freundlichen Teilnahme, der rückkehrenden Jugendkraft weichen würde. Wich siewarum sollte er vorschnell Fremde von der obwaltenden Spannung unterrichten? Wich sie nichtund diesen Fall mochte er kaum sich selbst heimlich gestehenso erfuhr das Publikum ja immer früh genug den eclatirenden Bruch. – Jetzt setzte er ihr aber nur auseinander, wie anmutig und belebend ihr Umgang für ein junges kränkelndes Mädchen sein müsse, dem in einer beschränkten Häuslichkeit, bei einer strengherrschenden Mutter und einem schwachen, geistlosen Vater, solcher Verkehr durchaus entzogen sei. Faustinens Sympatie ward rege. Cunigunde kam ihr wie ein Echo ihres eignen Wesens vor. Ungeduldig, wie sie war, rief sie endlich:

"Nun, ich sehe ihr mit derselben Teilnahme entgegen, die sie für mich geäussert hat! bringen Sie nur recht bald sie zu mir."

Cunigunde war entzückt durch diese Botschaft, welche Feldern am Nachmittag ihr hinaustrug, Frau von Stein zufrieden, dass doch irgend etwas im stand sei, die Tochter aus der unnatürlichen Gleichgültigkeit aufzurütteln, und Herr von Stein sehr gern bereit, mit ihr nach Dresden zu fahren und ihr ein kleines Amüsement zu verschaffen.

Faustine dankte in ihrer Seele dem Himmel, der ihr so gnädig von allen Seiten Menschen zusandte, mit denen sie sich gut unterhielt. Mario war da, täglich, ja, wenn sie es gewünscht hätte, stündlich; Mario, der sie so gut verstand, auf Ernst und Munterkeit einging, stets das zu sagen wusste, was, wenn es ihr auch nicht gefiel, doch sie zum Widersprechen anregte, woraus hervorgeht, dass es keine flache Aeusserungen waren; Mario, um den allmälig eine hohe leidenschaft starke Wellen schlug, die sein Herz umdrängten und ihn zu dem schönen "Stern der Meere" hintrugen, welcher alle Wogen zu einem Element des unermesslichsten Glanzes verwandelte; Mario, an den sie so oft, so gern, mehr als sie wollte, dachtenicht um ihn zu lieben, aber um sich an diesem Dasein voll seltner Kraft und seltner Gaben zu freuen und zu erquickenso wähnte sie.

Dann war auch Clemens da; doch weder erfreulich noch erquickend für siewie sie es früher wohl gewähnt. Die letzten Tage in Oberwalldorf hatten ihr die überzeugung aufgedrängt, dass er eine lebhafte Neigung für sie hege; aber sie glaubte sich auf eine Weise gegen ihn benommen zu haben, die auf immer jede Hoffnung in ihm tödten und ihm das Unstattafte seiner Empfindung dargetan haben musste. Als er in Dresden erschien, hielt sie ihn für erwacht aus seinem Traum, denn es war ihr unmöglich, an eine d a u e r n d e Liebe ohne Erwiderung zu glauben, und sie hoffte ihm vielleicht von einigem Nutzen bei seinem Eintritt in die Gesellschaft zu sein, und seine frische, unverdorbene Seele vor bösen Einflüssen zu bewahren. Doch das gestaltete sich sehr bald ganz anders. Clemens hatte keineswegs ein Gefühl aus seiner Brust verbannt, das ihn einst berührte, wie der Sonnenstrahl die eingewickelte Raupe. Faustine war ihm nun einmal zur Hieroglyphe für Schönheit und Glück geworden: bei ihr verstand er jene, durch sie verstand er dieses. Aber das Wesen, das uns in den zwiefachen Himmel der Schönheit und des Glücks erhebtlieben wir es nicht? ist Liebe etwas Andres, als Offenbarung unendlicher Schönheit und unendlichen Glücks? – So dachte Clemens in den langen öden Tagen, die auf Faustinens Abreise von Oberwalldorf folgten, und dass sie ihn nicht liebe, dachte er auch wohl zuweilen, aber nie ohne den demütigen Zusatz: wie hätte ich auch das verdient? ist's nicht meine Seligkeit, ihr mein Herz zu geben? das ihre will ich ja gar nicht. Wird nicht der Bettler von der Fürstenkrone erdrückt? aber nehmen soll sie mein Herz; nehmen muss sie eswenn sie es in den Staub träte .... nein, das kann sie nicht! s i e muss den Wert eines Herzens erkannt haben, so wie die Gotteit ihn erkennt. Mit diesen Gedanken kam er aus dem Einerlei seines beschränkten tätigen Lebens nach Dresden. Hier sah er Faustine in ganz andern Verhältnissen als zu Oberwalldorf. Sie war umringt, bewundert, gefeiert, Männer und Frauen wünschten sehnlichst ihren Umgang, ihre Bekanntschaft; wer ihr nahte, huldigte ihr, und was mehr isthuldigte ihr gern. Ihm kam es vor, als ob alle Männer sie liebten, das Herz vor ihr niederlegten; als sei das seinige dadurch im Wert nicht, aber im Preise gesunken. Wodurch sollte er denn ihre Augen, die verwöhnten, auf sich ziehen? Er verlief sich unter der Menge. Er wurde eifersüchtig, wie ein Kind, ohne Gegenstand, ohne Grund. Dies Aufpassen, dies Haschen, dies Lauern machte ihn unzufrieden mit sich selbst, und deshalb wurde er verdriesslich und Faustine zur Last, die gar nicht wusste, was mit diesem Menschen anfangen, alsihn wegzuschicken, und dazu hatte sie kein Recht. Bisweilen, wenn er allein mit ihr war, rührte seine Andacht sie, und sie war freundlich und herzlich nach ihrer Weise; wie sie selbst sie