und sie hatte die gewandten Menschen so gern: "die Menschen, welche ihr zartes Händchen nur mit einem weissen Glacé- Handschuh anfassen – murmelte Clemens – und davon bin ich kein Liebhaber, obgleich ich, ihr zu Gefallen, auch recht gern weisse oder himmelblaue oder maigrüne Handschuhe anziehen würde." – Mario hatte Clemens einen Augenblick mit dem unverhohlenen Erstaunen betrachtet, welches durch dessen brüskes Auftreten überall, wo man an bessere Manieren gewöhnt war, hervorgerufen werden musste. Dann aber beachtete er ihn gar nicht mehr als ein selbständiges Wesen, sondern nur dann, wenn Jener auf irgend eine Weise gegen Faustine anstiess. Sie selbst litt gar nicht durch das unvorteilhafte Licht, worin Clemens sich zeigte.
"Es ist den jungen Leuten sehr heilsam, wenn sie merken, was und wie viel ihnen fehlt, um in der Gesellschaft angenehm zu sein" – sagte sie einst. "Wenn sie von der Universität kommen, sind sie so aufgeblasen wie eine Mongolfiere, und gleich dieser, ihrer Himmelfahrt und des bewundernden Staunens des versammelten volkes gewiss. Warum so aufgeblasen? entweder haben sie sich brav herumgehauen, oder sie haben enorm getrunken, oder der Himmel hat sie mit einem pompösen Bart erfreut, oder sie haben in irgend einem Examen sich nicht verblüffen lassen –"
Clemens, der anspruchloseste Mensch unter der Sonne, war nur auf seinen Bart eitel; deshalb unterbrach er gereizt Faustine und rief, weil er doch nicht die Bart-Stolzen verteidigen konnte:
"Sie haben gut reden, spöttisch und klug! sollten Sie sich examiniren lassen, würden Sie auch vielleicht nicht bestehen."
"Das käme noch darauf an" – entgegnete sie unverzagt.
"Und" – sagte Mario – "sich nicht verblüffen zu lassen ist gewiss eine eben so wichtige als richtige Regel darüber. Wenigstens einmal hab' ich mich bei deren Befolgung mit Ruhm bedeckt. Ich wurde mit drei gefährten examinirt. Alles ging charmant, bis der Examinator nach der Tages- und Jahreszahl irgend eines obscuren Edicts fragte. Nur zufällig hätte man dies behalten und beantworten können. Meine gefährten schwiegen. Es ist aber doch allzu verdriesslich, wenn ein Mensch viermal fragt ohne eine Antwort zu bekommen: also nannte ich tapfer ein Datum, als ich gefragt wurde. Da sagte der Examinator sehr bedächtig: 'Es ist zwar nicht dieser Monatstag, sondern jener, und auch nicht diese Jahreszahl, sondern jene, welche das Edict bezeichnen; aber man sieht doch!'"
"Aber man sieht doch," rief Faustine und klatschte fröhlich in die hände, "wie leicht es ist, mit einiger Geistesgegenwart gut zu bestehen."
"Aber man sieht doch," sagte Clemens, "wie leicht es ist, den Leuten Sand in die Augen zu streuen."
"Ja," antwortete sie, "auf die Manier und die Manieren kommt freilich sehr viel an."
"Das sollten oberflächliche Menschen sagen dürfen, aber Sie nicht! Sie müssen auf das Wesen sehen."
"Sehr gern! sobald das Wesen ein goldener Apfel in silbernen Schaalen ist – wie es in der Bibel heisst. Ist aber der goldene Apfel in ein Igelfell gewickelt, so bin ich verwundet und abgeschreckt beim Anfassen, und tröste mich nur allmälig durch den Gedanken an den köstlichen Inhalt. Was soll mich aber trösten, wenn ein gemeiner, rotbäckiger, saurer Apfel im Igelfell liegt? nehme er ein Silberflor-Mäntelchen von guten Manieren um, so wird er zwar nicht sonderlich geniessbar, allein doch recht gut anzuschauen sein. Gute Manieren sind meine gebornen Freunde; wo ich sie finde, werde' ich mich – nicht immer heimisch, das liegt in einer andern Sphäre – jedoch nie unheimlich fühlen. Schlechte Manieren sind meine gebornen Tyrannen, machen mich zaghaft, machen mich bald übertrieben höflich, um auf meiner Seite doppelte Schranken zu haben, und bald so ungeduldig, dass ich rufen möchte: Geht zu Gevatter Schneider und Handschuhmacher, mit denen ihr zu verwechseln seid."
"Und was nennen Sie schlechte Manieren haben?"
"Eben verwechselbar mit Gevatter Schneider und Handschuhmacher sein" – sagte Faustine gelangweilt, und Clemens beruhigte sich; denn das passte nicht auf ihn. Feldern wollte sein Cunigunden gegebenes Wort erfüllen. Er bat Faustine um die Gnade, seiner Braut zuweilen ihre Gesellschaft zu gönnen. Er sagte:
"Ich bin des günstigsten Einflusses Ihres lichten Wesens auf das krankhaft sentimentale meiner Braut gewiss."
Faustine sah ihn scharf an und erwiderte: "Sie scheinen mir bestimmte Grenzen setzen zu wollen; aber Sie sollten wissen, dass ich mich denen nicht füge, ohne sie wenigstens im vollen Umfang zu kennen. Erwarten Sie etwas Bestimmtes von mir, wie z.B. dass ich fräulein Stein einige Anleitung in der Malerei gebe, oder dergl., so sagen Sie es nur gerade heraus; ich werde es gern tun."
"Cunigunde malt nicht," entgegnete Feldern, "und überhaupt ist es nicht ein Lehrmeister, den sie in Ihnen finden möchte, sondern eine Freundin."
"Wer das in mir sucht, dem komme ich entgegen mit vollem, offnem Herzen, und ich bin fräulein Stein im Voraus dankbar für ihr Zutrauen. Aber, mein bester Feldern, vergessen Sie nicht, dass ich nicht die person bin, welche je ihre Meinung zurückhält, und dass, wenn man mich um Rat fragt, keine Rücksichten mich hindern, ihn nach meiner überzeugung zu erteilen."
Hätte Feldern den