; von dem geistigen bleibt immer eine Narbe, oft eine Wunde zurück. Körperliche Ermüdung – was ist denn das? man hat ein paar Nächte durchschwärmt – dann schläft man aus! ein sehr angenehmes Mittel gegen Ermüdung! – Aber gegen geistige Müdigkeit, die auf Ueberanstrengung folgt, und Flug und Schwung lähmt, gibt's keine angenehme Mittel, sondern Sturzbäder von Widerwärtigkeiten etwa, und Moxa der leidenschaft, und ähnliche Kuren, welche der geschickte Arzt Schicksal zu verhängen weiss."
"Daher hat aber auch der Geist seine Freude, seinen Spass, sein Glück, sein Fortkommen – und der arme, arme Leib nichts von dem Allen! Wie muss das Blut rennen, die Nerve hüpfen, die Muskel ringen, wie müssen die Sinne, diese faulen Knechte und stummen Diener der Seele, sich abarbeiten, danaidenmässig! denn wenn nun der Leib meint, er habe sich ein Vergnügen arrangirt, so tritt plötzlich sein Tyrann auf, Geist, Seele, wie er heissen mag! und spricht: 'Mit nichten, mein Guter, der Abhub der Tafel kommt dir zu!' – Dann schmaust der Tyrann die besten Bissen, und trinkt vom Champagner nur den Schaum, und der arme Leib steht demütig hinterm Stuhl und freut sich, dass es seinem Herrn so gut schmeckt. Man kann sich gar nicht wundern, wenn er manchmal zur Unzeit verdriesslich wird, sich lang ausstreckt und sagt: 'Suche Dir einen andern Knecht! ich hab's satt.'"
"Die Emanzipation des Fleisches, wie das Modewort heisst, welches jetzt gepredigt wird – entspricht also wohl ganz Ihren Wünschen?"
"Unsinn, lieber Graf, kläglicher Unsinn, wie er von Leuten mit fixen Ideen nicht anders zu erwarten ist. All diese Prediger sind mit der Monomanie der Gleichheit behaftet, die sich durch eine Art von Berserkerwut gegen Alles, was bisher dominirt und primirt hat, äussert. Die aristokratische Institution, dass Vernunft, Verstand, Wille den Plebs der Sinne beherrsche, soll nicht mehr gelten, nicht – weil sie nicht gut und nützlich wäre; sondern tout bonnement, weil etwas Hochadliges darin liegt, rohes, ungebildetes Volk – gehorchen zu lassen. Im Mittelalter verliehen die Städte an Ritter und Herren das Bürgerrecht, und das war eine grosse Ehre, denn sie traten dadurch in eine ehrenwerte Verbindung. Jetzt, wo alles Zünftige, als der Gleichheit und Freiheit widersprechend – abgeschafft wird, taucht plötzlich eine Zunft von Literaten auf, welche das Bestialitätsrecht verleihen möchte. Aber ich denke, sie werden es wohl für sich behalten dürfen. – So. Nun bin ich mit der Anlage fertig. Jetzt sollen Sie die bewussten Bäume sehen."
Sie erhob sich, stellte ein Gemälde auf die Staffelei, und sprach zu Mario:
"Setzen Sie sich davor hin."
Es war ein schroffer Felsenabhang über dem Meer. Eine Tanne und eine Birke, mit seltsam verschlungenen Zweigen, standen am äussersten rand dieses Abhangs und bildeten den Vorgrund. Die Birke war ganz unbelaubt; ihr weisser Stamm, die schlanken Zweige schienen zu zittern und zu frieren im Sturm. Die Tanne breitete ihre Aeste, worauf einzelne Schneeflocken gestreut waren, schützend aus, gleich starken Armen. Der Himmel war winterlich hart, eisgrau, im Westen kupferrot. Tief unten dämmerte das Meer.
Nach einiger Zeit stellte Faustine ein zweites Gemälde auf die Staffelei: ganz derselbe Gegenstand, aber im Frühling und im Morgenlicht. Die Birke, frisch und sonnenglänzend, schmückte die Tanne mit ihrem wehenden, schwebenden Laube, wie mit festlichen Guirlanden.
"Gefallen Ihnen die Bäume?" unterbrach Faustine endlich das Schweigen.
"Sie verstehen zu malen!" entgegnete Mario. "Sie verstehen die Dinge aufzufassen, und ihnen mit dem Pinsel ein poetischwahres Gewand umzuhängen. Aber wundern dürfen Sie sich nicht, dass Feldern, und vielleicht hundert Andere, nur eine schöne Landschaft in diesem Bilde sehen. Bilderschrift ist ein tiefsinniges Studium, wozu mehr gehört als des Kunstkenners Geschmack und Urteil. Sie ist ein Sanskrit, nur von Wenigen verstanden."
In demselben Augenblick trat Clemens ein und sagte:
"Verzeihung! ich bin vom Diener hergewiesen." Dann rasch hinter Mario tretend und das Gemälde betrachtend, rief er hocherfreut: "Die Tanne kenne ich! Sie haben sie einmal auf einem Spaziergang in Oberwalldorf flüchtig gezeichnet: dabei habe ich sie mir eingeprägt. Es freut mich, dass Sie an etwas aus jener Zeit gedacht, wenn nicht an Menschen, doch an den Baum!"
"Ich denke an Alles, was der Erinnerung wert ist," sagte Faustine.
"Oder der Hoffnung!" rief Clemens.
"Ja; und lieber noch!" entgegnete sie, und machte eine Bewegung, welche die Herren einlud, mit ihr das Atelier zu verlassen. Schürze und Häubchen blieben darin zurück.
Mario und Clemens missfielen sich ungemein – gegenseitig, wie das gewöhnlich der Fall ist. Seltsam, dass nichts auf der Welt zwei Menschen, die sich einander völlig fremd sind, herzlicher verbindet oder feindlicher entzweit, als die Liebe für eine dritte person – je nach der Beschaffenheit, dem Colorit, der Temperatur dieser Liebe. Der Freund, der Bruder der Geliebten wird unser Bruder, unser Freund; wer aber Miene macht, sie auf unsere Weise anzubeten, ist unser Erzfeind. Clemens hasste Mario, weil er eifersüchtig auf ihn war. Er fühlte, dass Mario Faustinen besser als er gefallen könne, denn er war unbeholfen