1840_von_Hahn_Hahn_135_42.txt

gefasst hat, sondern nur überhaupt ruhigen, kühlen Temperaments ist. Das werden die besten FrauenFrauen, auf die man sich verlassen kann, ohne Schwankungen, ohne besorgnisserregende AllürenFrauen, die den Mann nie hinreissen und ihm stets gefallen. Solche Faustine entzückt, aber wer hat den Mut, sie zu heiraten? nicht einmal Andlau. Weibern gegenüber, die immer wie in einem Regen von Brillantfeuer stehen, kommt man sich so dunkel, so inferieur, so dumm vor, dass enorme Selbstverleugnung dazu gehört, um sie zu lieben. Vielleicht liegt aber in ihrer Liebe Lohn für diese Demütigung.

Der starke Mann fürchtet nicht zu der Geliebten emporzublicken; er fühlt die Kraft in sich, mit einem Schwung ihr zur Seite zu stehen. Der eitle und schwache Mann hält sie gern in seinem Niveau; er fürchtet die Ueberstrahlung, und fühlt nicht die Kraft, ein G e g e n g e w i c h t in die Schaale zu werfen. Mengen fehlte nicht am nächsten Morgen bei Faustine. Der Bediente öffnete ihm den Salon. Er war leer. Mario ging hindurch und betrat das zweite Zimmer, welches er gestern nur durch die Tür gesehen. Heute sah er sich darin um; denn dies war augenscheinlich das Gemach, worin Faustine sich am meisten aufhielt. An dem einen Fenster stand ihr Schreibtisch, nichts frappirte ihn auf demselben, als Andlaus Portrait in Aquarel sehr schön und sehr ähnlich gemalt; ein denkender, ernster, melancholischer Kopf. Sieht man ihr gegenüber nicht heiterer aus? dachte Mario. Am andern Fenster stand ein Tisch mit Lesepult und verschiedenen Büchern, und ein tiefer Lehnstuhl davor. An der einen Wand eine breite, niedrige, aus einzelnen Polstern zusammengesetzte Ottomane. Ihr gegenüber ein grosser Toilettenspiegel, an dem nachlässig eine Echarpe und eine kleine Tafftschürze hingen. An der Hinterwand schlossen dunkelrote Vorhänge den Alkoven. – Ein Zimmer ist das weitere Ueberkleid eines Menschen: es verrät dessen Formen und etwas von dem Wesen bleibt darin zurück. Darum sieht man so gern das Zimmer eines berühmten oder eines geliebten Menschen; man wird darin die Seele gewahr. Mario hatte sich friedlich auf die Armlehne des grossen Fauteuils gesetzt, und sah sich um. Er wartete nicht auf Faustine; sie schien ihm gegenwärtig.

"Tappt nicht Jemand da herum?" rief ihre goldene stimme durch eine Tür, die nur angelehnt war.

"Ich harre Ihres Befehls," sagte Mario, öffnete die Tür und stand in einem kleinen Cabinet, das man Atelier nennen konnte, denn es war ganz für die Malerei eingerichtet: nur ein Fenster, bis zur Mitte von unten auf zugesetzt; Bilder, Zeichnungen, Kupferstiche, Skizzen von oben bis unten an den nackten Wänden, kein Ameublement als einige Staffeleien, ein paar Tische, worauf Mappen, Zeichengerät, ein Todtenkopf, Gypsabgüsse von Armen und Beinenund zwei Strohstühle, worauf auch allerlei Utensilien lagen.

"Setzen Sie sich," sagte Faustine. Sie sass vor einer Staffelei und arbeitete.

"Das hat hier seine Schwierigkeiten," sagte Mario und sah sich lachend um.

"Ist es Ihnen unbehaglich hier, so erwarten Sie mich im Salon. In zehn Minuten bin ich mit dieser Anlage fertig."

"Ich muss mich nur arrangiren dürfen" – sagte Mario und kniete neben ihr nieder.

"Das geht auch" – antwortete sie und malte gelassen weiter.

Er betrachtete sie. Ihr Anzug war der unvorteilhafteste von der Welt: ein weisses Linonhäubchen, welches so dicht ihr Gesicht umschloss, dass kein Haar zu sehen war, eine grosse graue Schürze und graue Vorärmel. Für jede andre Frau würde es eine völlige Abwesenheit aller Eitelkeit verraten haben, in diesem Anzug Besuch zu empfangen. Bei Faustine aber bedeutete es nichts, als dass sie mehr an ihr Bild, als an ihre graue Schürze dachte. Sie sass stumm da, die Lippen ein wenig geöffnet, als lausche sie auf etwas; mit den breiten Augenliedern zuweilen ganz rasch die Augen zudeckend, wie um sie auszuruhen: die Lachtauben haben diese Bewegung. Endlich wendete Mario seinen blick ihrer Arbeit zu.

"Warum den finsteren Todtenkopf malen?" fragte er; "was wissen denn Sie vom tod, Sie, bei der Licht und Wärmeund das ist Leben! – zu haus sind?"

"Ich wollte auch das Leben malen," antwortete sie, "aber dazu fiel mir eben nichts Anderes ein, als eine Fülle von Blumen und der Todtenkopf dazwischen, halb versteckt, und doch Alles überragend. Sie haben ganz Recht! mit dem tod hab' ich nichts zu schaffen, so gar nichts, dass ich ihn nicht einmal verstehe. Aus einer Form der Existenz zu einer andern übergehen, heisst bei mir nicht Tod, sondern eine neue Lebensentwickelung. Leben muss man, wie man liebt: durch Ewigkeiten hindurch. Wer nicht diese überzeugung hegt, weiss nichts vom Leben, nichts von der Liebe. Wer nicht das Weltall zu einem Quell macht, aus dem er Leben und Liebe stets neu und frisch schöpft, sollte nur gar nicht dazu Miene machen. Sie sehen, ich bin eine entschiedene Gegnerin des Todes; aber dem Körper gönne ich gern sein Ausruhen im grab, obgleich er dabei so garstig wird, wie mein alter Todtenkopf hier."

"Warum verdient der Leib dies Ausruhen, der sich doch nicht halb so viel anstrengt, als der Geist? einen körperlichen Schmerz haben wir nach vierundzwanzig Stunden total vergessen