"Wen wollen Sie heiraten?"
"Niemand" – sagte Cunigunde und sah ihn befremdet an; "das wissen Sie ja. Wollte ich heiraten, so könnte ich gewiss am leichtesten Sie heiraten, den ich achte, den ich kenne, der brav, treu und rechtschaffen ist, der mich herzlich lieb hat...." –
"Cunigunde!" rief Feldern zärtlich, legte den Arm um ihre Schulter und bog sich zu ihr herab. Doch sein Kuss streifte nur ihre Wange, denn sie wendete den Kopf, schloss die Augen und sagte mit zitternder Angst:
"Erbarmen!"
Tief gekränkt liess Feldern den Arm sinken. Er sagte verletzt und hart:
"In Ihrem Benehmen liegt Lüge oder Wahnsinn."
"Keine Lüge! jedes Wort ist reine Wahrheit. Ich heuchle keine achtung, kein Vertrauen zu Ihnen – ich hege es wirklich. Darum habe ich den Mut gefasst, Sie zu bitten, mein Wort zu lösen."
"Das ist aber – wenn nicht Wahnsinn, doch Verschrobenheit, Ueberspannung, Sentimentalität! Was wollen Sie denn? etwa katolisch und Nonne werden? die religiöse Schwärmerei verrückt zuweilen die klarsten Köpfe."
"Ich mag nicht Nonne werden – niemals!" rief Cunigunde, und ein frischer, rosiger Hauch des Lebens überstreifte ihr Antlitz und machte es so schön, dass Feldern trotz seines Unmutes bewundernd und lächelnd sagte:
"Es wäre auch schade, wenn Sie den Klosterberuf hätten! – Aber was soll denn eigentlich aus Ihnen werden, Cunigunde?"
"Was Gott will!" – sie faltete die hände, legte sie auf die Bibel und neigte das Haupt.
"Aber wie soll sein Wille sich Ihnen offenbaren, wenn Sie verstockt sind, und auf Wunsch, Rat, Bitte Ihrer besten Freunde nicht hören?"
"Meiner besten Freunde? ja, das ist es eben – ich habe gar keine Freunde!"
"Ihre Eltern – mich ...." –
"Ja, Sie, mein lieber Feldern, Sie sind wirklich mein Freund, und es ist nur gar zu traurig, dass diese Angelegenheit Sie selbst zu nah betrifft, um ganz unbefangen zu sein. Und meine Eltern? ach mein armer, harmloser Vater, der grämt sich um mich, der möchte alle Welt fröhlich wissen, seine Lieben zuerst; drum tut er ja Alles, was die Mutter will. Und meine Mutter ist eine kluge Frau, und auch eine gute Frau! sie meint es gewiss gut mit uns Allen, auch mit mir. Sie spricht: ich sei arm und was ich denn weiter wolle, als einen braven Mann; und so lange ich im Elternhause, hindere ich die Versorgung meiner Schwestern, da ich die schönste von ihnen, und deshalb die begehrteste sei. – Sonst aber hab' ich keine Freunde und weiss auch Niemand, den ich mir zum Freunde wünschte, als ...." –
"Nun, als?" fragte Feldern gespannt. Und da sie schwieg: "Graf Mengen etwa?"
"Wen?" sagte Cunigunde zerstreut.
"Graf Mengen, der im Spätsommer mit mir einmal hier war."
"Ach nein! keinen Mann. Eine Frau, eine himmlische, wunderbare Frau, der Sie mich im vorigen Winter auf dem Maskenball vorgestellt haben: die Gräfin Obernau. Ich habe sie nur das einzige Mal gesehen, aber ich kann sie gar nicht vergessen! wie sie ansah und aussah, wie sie ging und stand, wie sie sprach und lächelte, immer fiel mir "das Mädchen aus der Fremde" ein, und ob ich nicht auch eine arme Hirtin sein könne, der sie eine Gabe brächte."
"Liebe Cunigunde, Sie sind wirklich ein wenig sentimental! Das Liebesgefühl lebt in Ihrem Herzen, aber es scheint Ihnen zarter, überirdischer, engelhafter, eine Freundin zu lieben, als einen Freund, und so quälen Sie sich und mich. Die Gräfin Obernau ist zwar eine äusserst anmutige person, aber da nicht Jeder die Kraft und die Selbständigkeit hat, so frei das Leben zu beherrschen, so dürfte sie nicht als Richtschnur für allgemeine Verhältnisse dienen."
"Das begehre ich nicht; ich wünschte nur, dass sie mich liebte. Wünschen Sie das nicht auch für sich?"
"Ganz und gar nicht – obschon es sehr angenehm ist, mit ihr zu leben. Möchten Sie bisweilen sie besuchen, so will ich sie darum bitten; sie erlaubt es gern. Die Monotonie und Einsamkeit Ihres Lebens hier mag auch Ihre Nerven abspannen; vielleicht tut sanfte Zerstreuung, ohne Tumult, ohne Geräusch, Ihnen gut. Teure Cunigunde, ich würde Sie so gern genesen und glücklich sehen."
Cunigunde gab ihm dankbar die Hand, froh der Aussicht, welche er vor ihr eröffnete. Sie wusste nichts Bestimmtes davon zu hoffen; deshalb war ihr, als ginge sie dadurch ihrem Glück entgegen, ihrer Befreiung, ihrer Erlösung. Ihr schönes Gesicht, welches durch lange, reine Schmerzen unaussprechlichen Adel hatte, lichtete sich an der Hoffnung auf, wie eine frierende Blume am Sonnenstrahl. Freundlicher, als seit Monaten, schieden die Verlobten. Feldern dachte: Faustine hat zwar wunderliche und etwas unpraktische Ansichten von den geselligen und bürgerlichen Verhältnissen, aber Niemand ist weniger sentimental, als sie. Cunigundens Ueberspannung wird in ihrer klaren Atmosphäre weichen, und ist sie nur erst gewichen, so bin ich ja des Mädchens gewiss, das für keinen Andern Neigung