."
Clemens, der immer ruhig zugehört, hob jetzt an: "Keineswegs! wenn Sie mir befehlen, den Einen aus dem wasser zu holen, und den Anderen ins wasser zu werfen, so tue ich beides mit gleichem Vergnügen."
"Gott behüte mich vor einem so blind ergebenen Freund!" rief Faustine. "Auf Menschen Einfluss zu haben, ist Genuss; dabei kommt es doch auf meine Eigentümlichkeit an! aber eine willen- und gedankenlose Maschine kann Jeder regieren. Ich sage mich Ihnen gegenüber von allem Einfluss los und ledig."
"Sie üben ihn unwillkürlich."
"Ich will aber nicht!" sagte sie, und kreuzte ihre arme über der Brust, als wickele sie sich in sich selbst zusammen, um niemand zu berühren, wie man wohl tut, wenn man im Gedränge von Menschen steht oder geht.
Mario fühlte, dass es Zeit sei zu gehen; es kam ihm zudringlich vor, den ersten Besuch über die Gebühr auszudehnen. Er dachte heimlich: wenn sie nur schwiege, wenn sie nur sich nicht bewegte, wenn sie nur überhaupt gar nicht s i e wäre, so würde ich ja sehr gern gehen. – Kirchberg war längst fort. Nun ging auch Clemens. Da überwand sich Mengen und stand auf. Er sagte nur noch:
"Feldern sagte mir vor längerer Zeit, Sie wären zu beschäftigt mit Ihrer Kunst, um Freude am geselligen Umgang zu finden, und als ich fragte, was Sie malten, entgegnete er: Bäume. Würden Sie die Gnade haben, mich einmal diese Bäume sehen zu lassen, welche Sie so lange verschattet haben?"
Faustine lachte. "Bäume, sagt Feldern, hätte ich gemalt? das ist doch possierlich, nur Bäume auf meinen beiden Bildern zu sehen! Wenn Sie Morgens kommen wollen, werde' ich sie Ihnen zeigen."
"Morgen?" verwandelte Mario ihr Wort.
"O ja, morgen." Er schied eben so beglückt, wie Clemens verdriesslich, und Faustine dachte: ein angenehmer Mann! warum lernte ich ihn nicht früher kennen? ich hab' es meinem Absperrungssystem zu danken. Das taugt nie etwas! die Cholera schliesst es nicht aus, wohl aber interessante Bekanntschaften." Feldern ritt auf der öden, beschneiten Chaussee den wohlbekannten Weg zu der Braut. Im haus begegnete er zuerst dem Vater und fragte hastig nach Cunigunden.
"Es geht nicht besser," sagte der alte Mann wehmütig und eine zerdrückte Träne machte sein sonst nichtssagendes Auge beinahe schön. "Kommen Sie zu ihr."
Er brachte ihn vor ihr kleines enges, schmuckloses, nonnenhaftes Zimmer. Da sass Cunigunde vor einem Tischchen und las in der Bibel. Er ging voran.
"Wie geht es Dir, mein Kind?" fragte Herr von Stein, und legte zärtlich seine Hand unter ihr Kinn.
"Gut, mein lieber Vater," antwortete sie, diese Hand küssend.
"Nicht wahr, Du stirbst mir nicht, mein frommes, mein bestes Kind?" Er streichelte ihre Wangen, ihre Stirn, ihr Haar.
"Nein, mein lieber Vater," sagte sie mit melancholischer Zärtlichkeit zu ihm aufblickend. Als er aber sprach: "Feldern ist auch da; darf er kommen?" da glitt ein Schauer über ihr mildes Gesicht, ein Krampf, ein Grauen.
"Ja," sprach sie. Der Vater liess das Paar allein.
"Nun, Cunigunde!" sagte Feldern, und setzte sich ihr gegenüber.
"Guten Abend, mein lieber Feldern!" war Alles, was sie vorbrachte. Ihre Brust hob sich in unbeschreiblicher Beängstigung.
"Haben Sie mir weiter nichts zu sagen? können Sie kein Vertrauen zu mir fassen? Reden Sie doch nur, aber mit einem einzigen Grund."
"Ich habe mich müde geredet! und einen Grund habe ich nicht."
"So beharren Sie also darin aus Eigensinn, aus Laune, mich fortzuweisen, mich – Ihren treuen, erprobten und bewährten Freund, den Sie jahrelang als Ihren künftigen Gatten betrachtet haben?"
"Keine Laune, o Gott!" seufzte Cunigunde und rang die hände.
"Nun, liebe Cunigunde, so sprechen Sie nur das Warum aus! Sobald ich weiss, was zwischen uns liegt, will ich es ändern, vermeiden, oder auch ganz Sie aufgeben. Nur aber s o kommt es mir wie eine Geistesbefangenheit, wie eine Krankheit vor, die über kurz oder lang weichen wird, und der ich unmöglich mein Glück, meine Zukunft, und vielleicht die Ihre – opfern kann."
"Sie sprechen so gut, so verständig, dass ich Sie ganz und gar begreife! besser Sie begreife, als mich selbst – denn ein Warum kann ich Ihnen nicht sagen, aber heiraten kann ich Sie auch nicht."
"Dann ist es nicht anders möglich, als dass Sie einen Andern lieben."
"Ihre fixe idee, die ich schon hundertmal verneint habe!"
"Einen Andern, dessen Sie sich schämen, der Ihrer unwürdig ist...." –
"Ist es denn eine solche Schmach zu lieben, dass ich den Mann, den ich liebte, nicht einmal meiner würdig achten sollte?"
"Weshalb nennen Sie ihn denn nicht?"
"Weil ich keinen liebe."
Feldern stand mit heftiger Ungeduld auf und ging in dem Zimmerchen hin und her. Endlich blieb er vor Cunigunden stehen und fragte scharf: