ziemlich unaufmerksam in einem Buch – denn er wartete. Nichts auf der Welt ist störender als die Erwartung, sogar von den geringfügigsten Dingen. Von dem Moment an, wo man wartet, ist man trotz aller Fähigkeiten, Kräfte und Sinne nichts als ein Schütze, der von der ganzen Erde nichts sieht und weiss ausser dem schwarzen Punkt in der Scheibe. Andlau wartete auf Faustine. Warum kommt sie nicht? sprach er zu sich selbst; sollte ihr irgend etwas zugestossen sein? Warum ging ich nicht mit ihr – mein Kopfweh wäre nicht ärger worden! Warum liess ich sie überhaupt gehen in dieser heissen Tageszeit! – Er nahm den Hut und wollte ihr entgegen; da hörte er ihren Schritt auf der Treppe, und er sprang auf und öffnete ihr die Tür. Es wurde ganz hell in dem verfinsterten Gemach, als sie eintrat. Faustine warf ihren Hut auf den einen Tisch, ihr Zeichenbuch auf den andern, sich selbst auf ein Sopha und sagte:
"Lieber Anastas, das wird ein hübsches Bild werden! aber müde bin ich – todtmüde!"
"Warum strengst Du Dich so an? muss das Bild denn notwendig eine so heisse Sonnenschein-Beleuchtung haben?"
"Ganz notwendig!" – sagte sie und stand auf; "ich bin auch schon ausgeruht, und heute Abend musst Du mit mir nach der Neustadt hinüber! ich will mir recht einprägen, wie der Fluss und die Kirchen im Mondlicht aussehen. Das wird ein Gegenstück dazu."
"Hier ist ein Brief an Dich," sagte Andlau und nahm ihn vom Schreibtisch; "nach dem Wappen zu urteilen, von Deinem Schwager."
"Richtig!" rief Faustine und las: "Geehrteste Frau Schwägerin! Ihrem erfreulichen Schreiben vom 24. huj. zu Folge, entnehmen wir aus demselben Ihre gütige Absicht, uns im Lauf des monat Junius mit Ihrem schmeichelhaften Besuch zu erfreuen. Da mein jüngstgebornes Söhnchen am 10. desselben Monats die Taufe empfangen soll, so vereinigen meine liebe Frau und ich unsre Bitte und Wunsch dahin, dass es Ihnen gefallen möge, eine Patenstelle bei selbigem Knäbchen zu übernehmen, und es am 10. Junius, Mittags um 2 Uhr, in meiner Kirche zu Oberwalldorf über die Taufe zu halten. Ihre Mitgevattern werden sein: die Frau Baronin von Feldkirch, geborne Gräfin Hagen auf Mühlhof, und mein Bruder Clemens von Walldorf, welcher sich, nachdem er seine Studien zu Würzburg und Jena seit Ostern vollendet hat, bei mir aufhält, um die Landwirtschaft praktisch zu studiren, was ein ganz ander und viel wichtiger Ding ist, als es teoretisch zu tun.
Meine Kinder befinden sich sämmtlich wohl und munter, was unter allen Umständen mit Dankbarkeit anzuerkennen ist, aber dann ganz besonders, wenn man sieben hat und auf dem land, fern von ärztlicher hülfe, wohnt. Auch meine liebe Frau ist, Gottlob! so wohl wie man es nur wünschen kann, denn die den, wie Tag und Nacht. Sie trägt mir die herzlichsten Grüsse für die liebe Schwester auf. Ich aber, verehrte Frau Schwägerin, unterzeichne mich als Ihren treuergebenen Schwager und Bruder und ganz gehorsamen Diener,
M a x i m i l i a n v o n W a l l d o r f ."
"Nun gut!" sagte Faustine, "auf ein Paar Tage früher oder später kommt es Dir wohl nicht an. Lass uns übermorgen reisen! Bis Coburg zusammen, dann Du nach Kissingen, ich nach Oberwalldorf, und in der ersten Hälfte des Julius hole ich dich ab, und fort nach Belgien."
Andlau machte keine Einwendung. Er war mit Allem zufrieden, was ihr genehm war, und da sie meistenteils auf nichts und Niemand in der Welt Rücksicht nahm, als auf ihn allein, so muss man ihm diese Zufriedenheit als ein ausserordentliches Verdienst anrechnen; denn die Masse der Menschen ist am verdriesslichsten, wenn man die grösste Rücksicht auf sie nimmt. Faustine sagte:
"Es ist nur eine Trennung von vier bis fünf Wochen, die uns bevorsteht; aber dennoch, Anastas, bin ich traurig, als wären es eben so viel Jahre. Trennung ist Trennung! auf die Länge der Zeit, auf die Weite des Raums kommt es gar nicht dabei an. In drei Tagen, wo ich dich nicht sehe, nicht höre, nichts von Dir weiss, kannst Du und kann ich eben so gut zu grund gehen, als wenn wir auf immer getrennt wären. Ist denn das Wiedersehenwollen eine Bürgschaft des Wiedersehens?"
"Gewiss, Faustine! meinst Du, dass etwas Anderes uns trennen könne, als unser Wille?"
"O ja!" sagte sie melancholisch.
"Ja?" rief er heftig; "ja? nun, wenn Du das glaubst, so sind wir schon getrennt."
"Der Tod," sprach sie, "nimmt auf keinen menschlichen Willen Rücksicht; er hat seinen eigenen gang."
"O der Tod, Faustine! .... Du wirst nicht sterben, und wenn ich sterbe ...." –
"So sinke ich Dir nach! Du hast Recht, Anastas, das ist kein Tod und keine Trennung."
Sie hatte sich zu ihm auf die Ottomane gesetzt, und legte nun ihr weiches, frisches, blühendes Haupt auf seine Schulter und ihre gefalteten hände in seine Linke, während er sie mit dem rechten Arm umschlang. Er berührte leise mit den