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Welt so gleichgültig, dass er nur zwischen ihnen und ihr einen Unterschied machte. Auch war er gar nicht gewöhnt an diese Art der Unterhaltung. Er verhielt sich passiv. Er verstand nicht, in Faustinens zwischen Ernst und Scherz schwebendes Wesen einzugehen, er wollte ihr immer in allem Ernst sein Herz sagen, sonst aber nichts.

Mengen hingegen war hiebei recht in seinem Elemente. Als Faustine sich zu ihm wandte, sagte er:

"Das Mädchen ist ein frisch vom Himmel herabgeflatterter Engel: der wird gern zur Heimat wieder auffliegen. Die junge Dame ist bereits auf der Erde etwas in die Schule gegangen, hat gelernt ihre schneeweissen Schwingen im Salon zusammenfalten, damit sie niemand geniren, und wird wünschen, die ganze Schulzeit durchzumachen."

"Nun, das ist doch Etwas!" entgegnete Faustine; "die Herren mögen sich bei Graf Mengen bedanken, dass er sie von dem Verdacht der Blindheit frei spricht."

"Wir sind gar nicht blind," sagte Clemens, "wir mögen nur nichts sehen, was uns nicht interessirt."

"Wirklich?" fragte Faustine; "ich meinte, nur Frauen wären so einseitig! Männer aber betrachteten und bedächten Alles, was ihnen vorkommt, um über Alles ein Urteil zu haben. Darum sind sie ja eben so unerhört langweilig."

"Darum?" sagte Mario lachend.

"Freilich! – so unfrisch, so gleichgültig, so ohne Meinungen, die ihnen wie Blut in den Adern pulsiren! denn was gibt's zu sagen über Dinge, die dem innersten Wesen fremd bleiben? Gemeinplätze, Hypotesen, vage Teorien, Sophismen: die ganze Bagage des exercirenden SoldatenVerstand. Wir aber ziehen als echte Krieger ohne alle Bagage in die Schlacht und kämpfen begeistert."

"O gnädige Gräfin," rief Mario, "die Begeisterung ist dem mann doch viel eigentümlicher, als dem weib! Ich nenne nicht die augenblickliche Exaltation, welche Leib und Leben, Seel' und Seligkeit wagen und opfern lässt, a l l e i n Begeisterung, sondern auch festes Beharren, unverbrüchliche Richtung, ausdauerndes Handeln in einem und demselben Sinne, für eine und dieselbe idee, mit einer und derselben Wärme und Kraft."

"Das ist charakter" – sagte Faustine.

"Aber was alimentirt den charakter, wenn nicht Begeisterung? welch ein dürres, unerquickliches, unwirksames Wesen wird daraus, wenn der charakter nur wie ein Maultier immer vorwärts trabt, und seine Last über das Gebirge fortschafft. Ohne Freudigkeit an dem einmal Erfassten, ohne Andacht zu ihm, ohne Befriedigung in ihm, ohne Triumph mit ihmward nie etwas Grosses geleistet, und was ist die Quintessenz dieser Empfindungen, wenn nicht Begeisterung? was ist der Pulsschlag, der ihnen Leben zuströmt, wenn nicht Begeisterung? Begeisterung ist der elektrische Schlag, der die Kette der Existenz durchströmt, und die geschichte beweist, dass nur Männer ihn empfingen."

"Nur Männer?" unterbrach Faustine; "und die Prophetinnen der Hebräer! und die todverlachenden Römerinnen! und die Priesterinnen der Germanen! und die Heldinnen von Saragossa!"

"Die Richtung nehme ich aus. Wo das Herz des Weibes getroffen wird, wo die Liebe es berührt, sei es ausschliesslich für einen Menschen, oder für das Vaterland, oder für Gottda schlägt der elektrische Funke ein, da lodert die Begeisterung auf. Aber selbst dann begnügt sich das Weib damit, für das Geliebte zu leiden und zu sterben. Zum Schaffen, zum Handeln, zum die Welt aus ihren Fugen Heben, wird das Weib nie angeregt, nie! wohl verstanden, nie durch Begeisterung. Durch Intriguen, durch Launeja, damit amüsirt sie sich zuweilen. Noch keiner Frau ist es eingefallen, den Geliebten unsterblich zu machen, wie Petrark die Laura und Dante die Beatrice; sie beherrschen nicht einmal die Kunst! viel weniger die Wissenschaft! die Frau soll noch geboren werden, welche im stand ist, für eine abstracte idee sich zu begeistern bis zum gelassenen Erdulden von Kerker und Verfolgung, wie z.B. Galilei mit seinem "e pur si muove!" Ein weiblicher Socrates lässt sich nun vollens gar nicht denken!"

"Doch war die schöne und weise Hypatia, welche unter Kaiser Teodosius II. einen Lehrstuhl zu Alexandrien einnahm, wie Socrates Lehrer der Jugend; und gleich ihm fand sie den Märtyrertod, welchen ihres Ruhms und ihrer Wissenschaften neidische Feinde über sie verhängten. Uebrigensda Männer die geschichte schreiben, und da die geschichte sich überhaupt mehr mit Darstellung der Tatsachen, als mit entwicklung der Motive beschäftigtkann niemand wissen, ob nicht, während ein Dutzend Männer auf der Lebensbühne agirt und tragirt, eine Frau im Souffleurkasten ihnen ihre Rolle vorspricht."

"Davon bin ich überzeugt," entgegnete Mario, "die Frauen haben grenzenlosen Einfluss auf uns. Wo ein Mann ruinirt ward, trug gewiss eine Frau die erste Schuld."

"O Graf Mengen!" rief Faustine, "Sie sind unerhört parteiisch für Ihr Geschlecht! Ganz der nämliche Vorwurf lässt sich umkehren und bleibt eben so wahr."

"Aber der ruinirte und gesunkene Mann kann durch eine Frau erhoben und gebessert werden. Lässt sich diese Behauptung auch umkehren?"

"Ich glaube kaum. Die gesunkene Frau steht nicht wieder auf. Ein böser Mann ruinirt so gründlich, dass ein guter nicht mehr retten kann. Unser Einfluss aber ist stärker im Guten, als im Bösen