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, den er schon vorfand, und Clemens, der später kam, und sie, die allein für ihn mit süsser Melodie und nicht mit Schellengeklingel redete. Und wenn sie es tat, so sah er sie an mit einer Befriedigung, als habe er durch ein glückseliges ungefähr die Lösung eines seltsamen Problems gefunden. Clemens sah sie an mit gespannter Unruhe, mit leidenschaftlicher Angst, ob ihr Auge länger, lieber auf einem andern gegenstand ruhe; Marioals wolle er seinen blick zu einem Teppich machen, der ihr zartes, traumähnliches Wesen ungefährdet und unverletzt tragen dürfe. Heute, bei hellem Tageslicht und in der Nähe, kam sie ihm nicht so blendend vor wie im Salon von Frau von Eilau, nicht so majestätisch wie auf der Terrasse; das eigene Zimmer gab ihr einen Anstrich von traulicher Häuslichkeit. Sie selbst und Alles um sie her war so friedlich, so bequem. Kein Fusstritt war auf dem starken Teppich zu hören; tiefdunkelrote Vorhänge fielen lang über die Fenster herab, verhüllten die Aussicht auf Schnee und Reif, fingen den matten Strahl der Wintersonne auf und gaben ihm eine glühendere Färbung. Die Tür nach einem zweiten Zimmer war geöffnet; auch dort dieselbe blassgraue Tapete, derselbe Teppich, dieselben dunkelroten Vorhänge. Diese gleichmässige Farbentemperatur tat dem Auge, und dadurch auch der Seele wohl. Es war nur Alles so schnurgerade verschieden von dem, was man sonst zu erblicken pflegt! Ein Gemälde hing in dem ersten Zimmer, auch eins von denen, welche man nicht häufig sieht: es war eine sehr gelungene Copie vom Titianischen Christus mit dem Zinsgroschen, von der Dresdner Gallerie. Clemens fragte, ob sie es gemalt.

"Nein," sagte sie, "ich kann nicht copiren. Ich tue vorschnell stets etwas von dem Meinigen hinzu, und das wäre doch Jammerschade um dies himmlische Bild gewesen."

"Keins von allen auf der ganzen Gallerie hat mich so angezogen, wie dieses Bild," sagte Mario, "und überhaupt niemals hab' ich einen Christus gesehen, der mit seinem feinen, durchschmerzten, edlen, und so überaus geistreichen Gesicht, mehr der idee entsprochen hätte, mit welcher ich ihn verkörpere."

"Das freut mich!" rief Faustine; "es teilen gar Wenige meine Vorliebe. Im Allgemeinen finden die Christusbilder von Guido Reni, Carlo Dolce und Bellini mehr Beifall. Es kommt immer auf die idee an, welche wir selbst davon mitbringen. Mir scheint, Himmel und Erde sind wohl nie in einem so engen Raum, mit so geringen Mitteln, in so grandioser Simplicität zusammengestellt worden."

"Aber können Himmel und Erde sich je so nah kommen, wie in diesem Gemälde?" fragte Mengen.

"O sie sind es ja immer! immer!" rief Faustine lebhaft; "immer und ganz untrennbar! aber dennoch so weit geschieden wie Christus und der Pharisäer, wie Himmel und Erde bleiben, wenn sie auch in unserm Horizont sich vereinigen. Denn die Sinne vereinen nur, und die Seele trennt."

"Und vereint!"

"Aber einzig und allein das Gleichartigeund das nenne ich Liebe."

Leichenblässe legte sich bei diesen Worten über Felderns Züge. Er stand auf und ging. Faustine sah Kirchberg fragend an; der machte ein diplomatisch ablehnendes, lächelndes Gesicht, und sie erschrak wie Jemand, der zu viel gefragt hat. Mengen sah das und sagte ruhig:

"Die Partie geht wahrscheinlich zurück, weil die beiden Leute sich durchaus nicht conveniren. Mir war das auf den ersten blick klar."

"Man sagt –" sprach Kirchberg.

"Das ist nicht wahr!" rief Faustine.

"Was denn, gnädige Gräfin?" fragte er befremdet.

"Ein: man sagt! ist von haus aus nicht wahr," wiederholte sie.

"Wohl möglich und ich will es wünschen! indessen sagt man doch, dass eine liaison de bas étage die Heirat unmöglich mache."

"Kirchberg!" sprach Faustine mit ganz leiser, gedämpfter stimme und ihre Augen sprühten Funken; – sagen Sie von einer Frau, was Sie wollen! es wird schlecht von Ihnen sein, aber es tut nichts. Doch von einem Mädchen, einem schönen jungen Mädchenwie wagen Ihre Lippen das! – Vor den Frauen habt ihr Männer keinen Respect mehr, et elles vous le rendent bien! aber vor den Mädchen habt doch um Gottes willen noch achtung, denn aus deren Reihen wollt ihr ja eure künftigen Gattinnen, die Mütter eurer Kinder wählen! ich begreife wirklich nicht, dass ihr vor diesen Geschöpfen nicht das Knie beugt. Es rührt wohl daher, dass kein Mann sich vorstellen kann, was es eigentlich ist: ein Mädchen. Er sieht immer das Unvollendete, das Unentwickelte darin; ich sehe das Unangetastete. Ach, ich wollte, alle Mädchen stürben in ihrem achtzehnten Jahr."

"Dieser Wunsch würde wohl keinen Anklang bei den jungen Damen finden," entgegnete Kirchberg lachend.

"Ich meinte nicht die jungen Damendie können meinetwegen leben, bis sie alte Damen werden," sagte Faustine, – "sondern die Mädchen."

"Ich finde da in der Tat keinen Unterschied."

"Keinen Unterschied!" rief Faustine, in höchster Verwunderung die hände zusammenschlagend; – bester WalldorfGraf Mengenweiss wirklich keiner der Herren den Unterschied zwischen einem Mädchen und einer jungen Dame?"

Clemens starrte unverwandt und stumm Faustine an; ihm waren alle Frauen der