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angenehmer, mit mir zu plaudern."

"Sind Sie mit mir zufrieden, dass ich Ihnen nicht geschrieben habe?"

"Ich bin ganz damit zufrieden. – Jetzt legen Sie die Sächelchen wieder hübsch ordentlich in den Korb. So. Das grüne Gewölbe wäre exploitirt!" Sie lachte so munter, dass Clemens auch ganz heiter ward. Er rief:

"Dresden gefällt mir herrlich. Morgen besehe ich die Bildergalleriedie Ihre."

Felderns Eintritt störte seine Heiterkeit, und noch mehr störte es ihn, dass Faustine sagte:

"Meine anachoretische Laune ist vorüber! ich werde viel ausgehen und mich sehr freuen, wenn man mich häufig besucht. Graf Mengen, mein bester Feldern, soll mir sehr willkommen sein. Ich schmachte förmlich nach Gesellschaft, nach Mitteilung, nach Anregung."

"Und warum haben Sie es zu diesem Punkt kommen lassen, gnädige Gräfin?"

"Künstlerlaune, lieber Feldern! ich bin zwar nur eine armselige kleine Dilettantin, aber ich habe grosse Anlagen zu einer ächten Künstlerin, nämlich immense Launen. Ich treibe Alles by fits and starts."

"Dadurch wird die tiefe Einheit Ihres inneren doppelt interessant."

"Alle Welt sagt, ich sei interessant! ich wüsste gern, was sich alle Welt unter diesem Worte denktund ob überhaupt etwas."

"Ein Gemisch von Eigenschaften, die sich scheinbar widersprechen: tiefer Ernst und Kindesheiterkeit, z.B. eine sanfte Seele und ein starkes, mutiges Herz, Laune und Gemütlichkeit, männliche Entschiedenheit und jungfräuliche Grazie –"

"Habe ich denn das Alles?" fragte Faustine verwundert.

"Nein, weit mehr," sagte Clemens trocken.

Feldern sah ihn überrascht an, er glaubte bereits den höchsten Grad der Bewunderung an den Tag gelegt zu haben. Faustine sagte:

"Lieber Feldern, ich empfehle Ihnen diesen meinen jungen Freund hier, Herr von Walldorf, Bruder meines Schwagers, der hergekommen ist, um recht gründlich Dresden kennen zu lernen."

"Ganz und gar nicht," sagte Clemens, wieder sehr trocken.

"So geben Sie selbst Ihre Gründe an," entgegnete Faustine.

"Ich bin gekommen, um Sie zu sehen, und nun da diese Absicht erreicht ist –"

"Fahren Sie nach Oberwalldorf zurück?" rief sie lachend.

"Will ich schlafen gehen."

"Um morgen in besserer Stimmung wiederzukommenhoff' ich."

Feldern sah dem Abgehenden nach und sagte:

"Der junge Mann scheint keine besonders gute Erziehung genossen zu haben."

"Keine gute, das ist wahr! aber zum Glück auch keine schlechte, sondern gar keine. Daher fehlt ihm Manches, aber verdorben ist nichts. Nehmen Sie sich freundlich seiner an."

"Sobald Sie ein Gleiches für meinen Freund Mengen tun."

"O der hat es nicht nötig, ist seit sechs Monaten hier, hat festen Fuss gefasst in der Gesellschaft und überall –"

"Wenn Sie wüssten, wie er Ihre Bekanntschaft wünscht!"

"sonderbar! was weiss er denn von mir?"

"Er hat Sie zweimal gesehen, in der Ferne zwar nur –"

"Ach," rief Faustine, "er hat mich gesehen! Ja, dann begreif' ich." – Feldern lächelte. "Warum lächeln Sie?" fuhr sie fort; "muss ich Ihnen denn auseinandersetzen, was doch sehr einfach, dass der frische, unvorbereitete Eindruck einer Persönlichkeit genügend ist, um uns ihre Bekanntschaft wünschen oder meiden zu lassen. Dann haben wir keine Vorurteile für oder gegen, und die unbefangene Seele weiss, was sie brauchen kann und was nicht. – Es ist wirklich ein Jammer, dass man gar nicht mehr unbefangen sprechen darf! Alles wird uns als Eitelkeit gedeutet."

"Wenn die Deutung Sie nicht trifft, so werden Sie mir deshalb nicht zürnen."

"Nein! nur bedauern, dass Sie sich selbst um das Vergnügen bringen, an die Unbefangenheit zu glauben."

"O Gräfin, man muss sehr jung, sehr unerfahren, oder sehr verliebt sein, um das zu glaubennicht den Frauen gegenüber: das ist unmöglich! Nur einer einzigen Frau gegenüber! Es liegt ein Abgrund von Lügenhaftigkeit in ihnen!"

Faustine entsetzte sich fast, den sonst so gemessenen, vorsichtigen Feldern so heftig sich äussern zu hören. Welche Erfahrung, welche Kränkung musste ihn getroffen haben, um einen so ungewöhnlichen Ausbruch zu veranlassen! – Ehe sie noch eine Erwiderung gefunden, wendete aber Feldern das Gespräch, indem er sagte: "Also morgen darf ich Mengen herführen, und Sie entschuldigen, dass es früh geschehen wird, denn ich muss hinausreiten, und die Geschäfte wälzen sich erdrückend auf mich."

Er ging bald. Was sind das alles für confuse Zustände! dachte Faustine; darf man sich gar nicht mit den Menschen einlassen, ohne im Sturm umgewirbelt zu werden, wie jene Verdammten in Dantes Hölle? Darf man Keinem die Hand reichen, ohne befleckt oder verwundet zu werden? Und warum stehe ich denn so friedlich-glücklich zwischen all dem Wirrsal? O mein Anastas! –

"Endlich!" sagte Mario, als er am nächsten Tage vor Faustinen stand.

"Grade zu rechter Zeit!" sagte Faustine. Beider Blicke begegneten sich und sanken in einander wie zwei gefaltete hände. Er fühlte, dass die ungekannte Königin seiner Seele ihm nahe war. Er sprach ungewöhnlich wenig; er liess Feldern reden, und Kirchberg