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gewesen und die Welt taugt nichts.' Weiss der Himmel, welch Urteil man ihm sprechen wird. Ist das nicht eine hübsche geschichte? Du meinst, nur in höhern Ständen, unzerstreut durch arbeiten und geringe Bedürftigkeiten der Existenz, könne sich die Liebe bis zur intensesten leidenschaft ausbilden, und nichts halte ihr besser das Gleichgewicht, als wenn man sich um das tägliche Brot bemühen müsse. Hier hast Du einen Beweis vom Gegenteil. Vielleicht ist's eine Ausnahme; wie ich denn überhaupt eine gewaltige, dauernde Liebe zu den Ausnahmen rechne, beim Volk und bei den Vornehmen. Jene kommen nicht dazu, weil ihre Seelenkräfte unentwickelt bleiben beim sterilen Handwerk; diese, weil das hohle, entnervende Treiben der Gesellschaft auf sie wirkt, wie Regenschauer auf Vogelflügel: sie verlieren ihre frische Elastizität. Und selbst wenn bei allen Classen die Energie sich vollkommen entfaltet hätte, so würde man deshalb kaum häufiger die Liebe finden, denn sie ist wie das Genie etwas, was man empfängt, nicht erstrebt; und man könnte sie in ihrer Unwillkürlichkeit capriciös nennen, wenn man sie nicht lieber göttlich nennen mag. Lebe wohl, Dumeine Göttin mag ich nicht sagen: sie steht kläglich ausser dem Bereich des Lebens, als habe sie Schiffbruch gelitten! Mein Engelist so abgebraucht wie die Rosenwangen und Lilienhände der Dichter, welche nach gerade ganz welk sein müssen! Was bleibt da übrig als: meine Ini, lebe wohl."

Als Faustine diesen Brief empfing, war sie fertig mit ihren Gemälden, fertig mit ihren Büchern, fertig mit Phantasie, Beschäftigung und Geduld. Sie hielt es für eine Unmöglichkeit, wenigstens drei monat noch diese Lebensweise fortzuführen, denn nicht ihr Körper allein, auch ihr Geist ward abgemattet durch die wechsellose, spannende, schaffende Richtung ihrer Gedanken. Wenn mir der Himmel doch irgend etwas recht Schönes bescheeren wollte, dachte sie, so eine ächte Weihnachtsfreude, ich könnte sie brauchen.

Es war ganz dunkel in ihrem Zimmer, sie lag auf dem Sopha von wachen Träumen so umschwirrt, dass sie fast dem Einschlafen nahe war, denn sie hatte angestrengt gemalt, um keine unvollendete Arbeit ins nahende neue Jahr hinüber zu nehmen. Sie hörte die äussere Tür des Vorzimmers aufgehen, hörte darin flüstern und leise auftreten; aber sie mochte nicht klingeln und fragen, was es da gebe. Plötzlich fiel ihr ein, Andlau könne sie mit seinem Besuch überraschen wollen, und sie sprang auf. Doch eben so schnell nahm sie ihre vorige Stellung wieder ein, der Scherz sollte ihm ganz gelingen, sie wollte ihn erst erkennen, wenn er vor ihr stand. Sie blieb unbeweglich; nur ihr Herz schlug atemraubend in jubelnder Erwartung. Die Tür ging auf. Kaum aber war eine Männergestalt eingetreten, von der Faustine nicht einmal die äussern Umrisse erkennen konnte, so wusste sie auch, dass dies nicht Andlau war. Sie richtete sich auf, schellte, und fragte zu gleicher Zeit mit eiskaltem Tone:

"Wer ist so gütig, mir diesen seltsamen Besuch zu machen?"

"Ich! nehmen Sie es nicht übel" – war die Antwort.

"Clemens Walldorf? willkommen tausendmal! – Aber, Bester, man lässt sich melden bei einer Dame."

"Ich fragte Ihre Kammerfrau, ob Sie zu haus, allein, und wohl wären ...." –

"Da wussten S i e freilich Bescheid, aber i c h nicht! – Und was wollen Sie denn nun eigentlich hier in Dresden?"

Es war eine Lampe hereingebracht und vor ihr auf den Tisch gestellt; sie war zufällig wundervoll beleuchtet. Glänzende Lichtstreifen fielen auf ihr schwarzes Atlaskleid und verrieten ihre liebliche Gestalt. Der weiche Nacken, die zarten hände tauchten aus den dunkeln Falten auf, und die Farben, welche dem Anzug fehlten, lagen alle auf ihrem holden Antlitz. Clemens war bewundernd in ihren Anblick versunken, und vergass zu antworten.

"Bitte, geben Sie mir meinen Arbeitskorb von jenem Tische," sagte Faustine; "ich finde es zwar nicht sehr verbindlich, Tapisserie neben der Unterhaltung zu machen, aber Sie scheinen kein Freund der Conversation zu sein und deshalb auch wohl kein Feind der Tapisserie."

Clemens ermannte sich, holte den Korb; statt ihn aber ihr zu geben, behielt er ihn und sagte:

"Sie frugen, was ich hier wolle? nun, zum Beispiel den Inhalt dieses Körbchens besehen. Darf ich?"

"Bürden Sie sich doch nicht mutwillig die Plage des Besehens auf, hier, wo wirklich Augen und Seele zum Genuss mannigfacher Schönheit aufgespart werden sollten."

Clemens untersuchte genau die kleinen Arbeitsgerätschaften des Körbchens: "Fingerhut und Scheere von Kokosnuss? das ist sauber gemacht und dauerhaft nebenbei, zu dauerhaft für eine vorübergehende Mode. Ein Flacon von Hyalit, ein Bleistift in Schildkröt: Etui mit Silber eingelegtniedlich! Aber welche abscheulich plumpe Nadelbüchse von Porzellan!"

"Abscheulich? Unglücklicher! sie ist anbetungswürdig, denn sie ist rococo."

"Ein Erbstück Ihrer Urgrossmutter vielleicht, und respectabel als solches ...." –

"Nichts von respectabel! das ist ein unmodisches Wort, und rococo ist modisch par excellence."

"Wie Sie befehlen! wenn es nur nicht schön sein soll. Dies Täschchen von russischem Leder mit Ihren Visitenbillets gefällt mir besser. Ah! ein Brief. – (Es war Andlaus letzter Brief.) – Es muss angenehm sein, Ihnen schreiben zu dürfen."

"Viel