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Herzen nicht nah genug stehen, um Ihnen über das Verdriessliche einer solchen Einmischung hinweg zu helfenfür die man ohnehin selten Dank findet?"

"O ihr Weltmenschen!" rief Faustine. "Oberflächliches Herumtreiben in der Gesellschaft begehrt Ihr von mir! schwatzen und tanzen, witzeln und kokettiren soll ich! Wenn ich sage: das langweilt michso antwortet Ihr ganz ernstaft: Es ist Pflicht, mit den Nebenmenschen umzugehn! Und wenn ich es dann auf meine Weise tun will, so heisst es: Halt! halt! nur nicht mit der Tür ins Haus gefallen! nur nicht gleich treuherzig die Hand geschüttelt! nur kein ehrliches, wohlmeinendes Wort gesprochen! nur immer geflittert und geflattertdas ist ganz genug! – O Kirchberg, ich mag Euch Menschen nicht leiden."

"Ich verdenke es Ihnen nicht, holde Gräfin, ich mag sie auch nicht leiden, und eben darum ist es eine solche Erquickung, einem Wesen wie Ihnen zu begegnen, dass Sie vor Keinem Ihr Dasein verhüllen sollten."

"Sie sind en train mir Liebenswürdigkeiten auszukramen," sagte Faustine lachend; "ich kann sie nur leider gar nicht brauchen. Ein Paar Notizen über Feldern wären mir lieber."

"Die kann ich leider nicht geben!" antwortete Kirchberg in demselben Ton, und ging.

Schon zwei monat waren vergangen; Andlau kam nicht wieder. Die Geschäfte seiner verstorbenen Mutter waren in grosser Unordnung. Seine Brüder hatten lebhafte Neigung, ihren Nachlass zu teilen, gar keineihn zu entwirren. Er stand mit seiner grandiosen Uneigennützigkeit so frei zwischen ihnen beiden, dass sie gleiches Vertrauen zu ihm hegten und ihn beschworen, das Ganze in seine Hand zu nehmen, um es zu schlichten. "Das Gut meiner verstorbenen Mutter muss erst verkauft werdenschrieb er an Faustinedas mag sich bis zum Frühling hinziehen: so lange müssen wir Geduld haben, meine Ini! dann bin ich frei, und doppelt meiner Freiheit froh, weil ich sie durch ein Opfer mir erkauft habe. Meine Geschäfte sind langweiliger Art! ich muss hier und dortin fahren, muss mit diesen und jenen Leuten unterhandelnnun, das ist nichts für Dich! Dir soll ich von andern Dingen erzählen! Süsse und Liebe, wer kann auch anders, als von süssen und lieblichen Dingen zu Dir sprechen? wer kann anders, als zu Deinen Füssen niedersinken und Dich anbeten, nicht weil Du schön, nicht weil Du anmutig bist, nicht weil Du diesen oder jenen Vorzug hast, sondern nur weil es eine Wonne ist, ein geschöpf anzubeten, das, wie von silbernen Flügeln getragen, über die staubige Erde hingeht. Der Gedanke an Dich ruhet mich aus, wenn ich müde bin von dem künstlichen Treiben der Menschen; erfrischt mich, wenn mir die Seele welk wird von ihrem Lügenhauch; erhebt mich, wenn Zweifel an Treue und Wahrheit mich beschleicht. Du bist für mich das Compendium der Schönheit. In Dir hab' ich Alles vereint, und ein Atom Deines Wesens beseelt mir jede Erscheinung des Lebens. Die Frauen haben grösseren Einfluss auf die Männer, als umgekehrt. Sie sind so subtil, dass sie in das gesammte Lebensgeäder des Mannes wie Balsam oder wie Gift eindringen. Obgleich es ihrer Eitelkeit schmeichelt, wollen die Frauen doch nichts von diesem immensen Einfluss wissen, weil sie sich vor der Verantwortung fürchten, welche er nach sich zieht. Aber er ist unleugbar. Hier stirbt ein Mensch, weil ihm seine Liebste untreu gewesen ist, ein gemeiner Menschhör' an die geschichte: Es war ein wunderhübsches Bauermädchen auf dem Gut meines jüngsten Bruders, das einzige Kind ihrer Eltern, der Stolz des Dorfes, Braut von einem jungen Knecht, der nicht reich war, nicht hübsch, kurz keine andern Vorzüge hatte, als den, dass er sie und sie ihn liebte. Ein reicher Bauersohn aus der Nachbarschaft, so wie ein Jäger meines Bruders, hatten um das Mädchen geworben und waren spöttisch abgewiesen worden; sie hatte ihren Schatz! Diesen Herbst sollte die Hochzeit sein. Ehe es so weit kam, schien wohl eine Veränderung mit dem Mädchen vorgegangen, aber wie das gewöhnlich geht: das fiel Allen erst ein, nachdem die Sache sich aufgelöst hatte. drei Tage vor der Hochzeit geht sie mit ihrem Bräutigam zum Jahrmarkt in die Stadt. Da tritt bei einer Bude ein junger Soldat, etwas betrunken, zu ihr heran, und sagt ein Paar Worte, die das Mädchen und ihren Bräutigam zittern und erbleichen machen. Letzterer ruft dem Soldaten zu: 'Du lügst!' und der erwidert lachend: 'Es steht ja der Verena auf die Stirn geschrieben.' Da, ohne sich einen Augenblick zu besinnen, ohne ein Wort zu sprechen, nimmt der Knecht das Messer, welches er eben gekauft, und stösst es dem Mädchen bis ans Heft in den Busen. Sie starb binnen vier und zwanzig Stunden, unaufhörlich wiederholend, dass ihr Liebster ganz recht daran getan, sie zu tödten, denn sie sei ihm falsch gewesen und habe auch keinen ruhigen Tag mehr gehabt, seit sie sich mit dem Soldaten zu weit eingelassen. Der Soldat, schnell ernüchtert, beschwor die ärzte, das Mädchen zu retten, und beteuerte immer bei Seele und Seligkeit, er habe nur in trunkenem Mute gesprochen, er wisse nichts von dem Mädchen. Der unglückliche Mörder, in Kerker und Banden, sagt nichts als: 'Ich will sterben, denn das Verenli ist falsch