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, hab' ich meine Bangigkeit ziemlich verloren. Beachte sie nicht, d.h. halte mir keine Strafpredigt deshalb. Ich weiss selbst, wie wenig es sich für einen verständigen Menschen schickt, gleich einer Wetterfahne abhängig von Wind und Wetter zu sein. Aber bedenke die geringen Anlagen, welche ich zu einem verständigen Menschen habe, und Du wirst Nachsicht übengelt? – Ueberdies bin ich selbst meiner Gespensterscheu müde, – ich will arbeiten! das bannet böse Geister. Und wer kann mir denn etwas anhaben? Draussen scheint die Sonne, freilich nur ein mattes, schwächliches Novembersönnchen, weil die Erde an ihrem Gängelband so weitab gelaufen ist, als sie nur kann; aber drinnen wohnt die Liebe, und gar nicht novemberlich, glaube mir! Darum werde ich gut malen! Der Genius der Kunst hat einen so starken Flügelschlag, dass er meine Atmosphäre mit dem reinsten, feinsten Aeter erfüllt. A tout prendre, Anastas, bin ich doch eins der glücklichsten Geschöpfe auf der wunderschönen Gotteswelt. Das muss Dich unaussprechlich glücklich machen; denn was ich von Glück weiss, weiss ich durch Dich. Gott mit Dir, wie ich es bin!"

Sie führte ihren Vorsatz aus und widmete sich mit dem regsten Eifer der Malerei. Sie malte den ganzen Tag; sie speiste in später Stunde, um keine Zeit zu verlieren. Dann, um etwas frische Luft zu atmen, fuhr sie spazieren, weil sie im Finstern nicht gehen konnte. Endlich beschloss sie ihren Tag damit, dass sie die Abendstunden mit ernster Lectüre von geschichtlichen Werken hinbrachte. Für die Gesellschaft war sie unsichtbar. Frau von Eilau, Feldern, Graf Kirchberg besuchten sie zuweilen am Abend. Letzterer fragte einmal:

"Wie lange denken Sie dies einsiedlerische Leben fortzuführen, Gräfin?"

"Ich weiss nicht," sagte sie, "aber es ist mir so angenehm, dass ich es gern immer führte. Man muss nur den Kopf sehr voll und die Phantasie sehr beschäftigt haben, um es zu ertragen und Vergnügen daran zu finden. Ich vermisse nichts, denn meine guten Freunde suchen mich auf."

"Aber wir vermissen Sie in grösseren Cirkeln."

"In Gottes Namen!" sagte Faustine lachend.

"Sie glauben es nicht?" rief er eifrig.

"Ja, ja! ich glaube es sehr gern! die Leute unterhalten sich gut mit mir, weil ich immer sage, was ich denke, immer von innen heraus rede, und das ist ihnen neu. Aber was habe ich davon, für gleichgültige Menschen eine Amüsements-Maschine zu sein?"

"Allgemeines Interesse zu wecken und zu gewähren, ist ein Vorzug, um den Tausende Sie beneiden würden, und den Sie nicht so spöttisch wegwerfen sollten. Jeder reichbegabte Mensch hat eben durch seine Gaben die Verpflichtung übernommen, sie im weitmöglichsten Kreise wirksam werden zu lassen. Tut er es nicht, speichert er seine Schätze auf, sei es des Goldes, sei es der Wesenheit ...." –

"So ist er ein Geiziger!" unterbrach Faustine. "Ach, guter Graf, der Vorwurf trifft mich nicht. gibt es ein geschöpf, das immer und ewig zu geben bereit ist, so bin ich esnur nicht für alle Welt! Und wenn ich es bedenkeja selbst für alle Welt! ich lüge nicht, ich heuchle nicht, ich verstecke nicht meine Herzensempfindung, ich gebe immer Wahrheitwer tut mir ein Gleiches?"

"Aber Sie weisen doch zuweilen Menschen von sich ab."

"Wenn ich fühle, dass wir nicht zusammenpassen."

"Nein, von haus aus."

"Ich bitte um ein Beispiel."

"Nun, als Feldern Sie vorgestern gebeten hat, Ihnen seinen Freund Graf Mengen vorstellen zu dürfen, haben Sie es ganz verdriesslich abgelehnt."

"Verdriesslich? o das ist ein Feldernscher Einfall! er ist ein wenig empfindlich, der gute Feldern, und wenn ich nicht gleich auf der Stelle mit offnen Armen seinem Freund entgegen eile, so spricht er: ich sei verdriesslich. Ich habe ihn nur gebeten, noch ein wenig zu warten. Wenn ich in besserer geselliger Laune sein werde, will ich Graf Mengen herzlich gern empfangen."

"Ist es Ihnen nicht sehr auffallend, dass der sonst allerdings höchst empfindliche Feldern das verhältnis zu fräulein Stein erträgt?"

"Wie so? was ist vorgefallen?"

"O gar nichts! sie zeigt nur eine äusserst geringe sehnsucht, seine Frau zu werden."

"Es schickt sich nicht anders."

"A la bonne heure! aber sie zeigt dezidirt das Gegenteil!"

"Herr des himmels!" rief Faustine, "er wird sie alsdann doch nicht heiraten?"

Kirchberg zuckte die Achseln. Sie fuhr fort:

"Lieber Graf, gehen Sie auf der Stelle zu Feldern und bitten Sie ihn, zu mir zu kommen."

"Wollen Sie ihm verbieten, sie zu heiraten? können Sie es? – Sonst aber .... was haben Sie ihm über diesen Punkt zu sagen?"

"Nichts, als ihn zu beschwören, sie nicht zu heiraten."

"Das ist misslich, teure Gräfin. Vielleicht wird er es von selbst nicht tun, denn die Hochzeit ist ins Ungewisse verschoben, bis zur gänzlichen Herstellung von fräulein Stein; und ich glaubedie erfolgt nie. Was wollen Sie sich in unbehagliche Verhältnisse mischen, da beide Personen Ihrem