Banquiers kaufen uraltadlige Herrschaften. Der Erdboden wird unterminirt für die Aristokratie; sie steht nur noch auf einer dünnen Erdschicht – überall! sogar in Oesterreich, wo der Banquier Sina jährlich für mehre Millionen ungarische Besitzungen kauft, und wo überhaupt die ganze Finanz mit unbeschreiblich bitterm Hass dem Bestehen der Aristokratie zusieht. Sie können ihr ihren frivolen Uebermut nicht vergeben! als ob ein schwerfälliger besser wäre! Wenn diese Leute oben sein werden, so werden sie mit Fäusten schlagen, wo wir mit dem Schwert."
"O der Uebermut, der uns immer zum Missbrauch der herrlichsten Gaben und Kräfte verlockt," rief Faustine, "ist für Völker und Individuen das, was ich die Erbsünde nenne."
"Ach wie gut," sagte eine Dame, "dass ich endlich einmal eine verständliche Erklärung von der Erbsünde bekomme! Bitte, gute Gräfin, können Sie mir nicht eben so kurz und fasslich erklären, was Sie unter der Sünde gegen den heiligen Geist verstehen?"
"Die Dummheit," – sagte Faustine.
"Oh!" rief die Dame bestürzt.
"Ja, die Dummheit, die sich gegen die bessere erkenntnis sträubt."
"Weil ihr die Einsicht fehlt."
"Nein, weil es nicht in ihren Kram passt. Die dümmsten Leute sind pfiffig und schlau, wenn es ihren Vorteil gilt, und nur dumm, wenn ihnen die Sache gleichgültig, aber stockdumm, wenn sie zu ihrem Nachteil ist. Was der Mensch nur ernstlich verstehen w i l l , das versteht er auch."
Nach diesen Worten wickelte Faustine sich in ihre Mantille und glitt aus dem Salon. Als Mario endlich mit einem erlösungsfrohen: "Matt!" die Augen aufschlug, war sie verschwunden. Er tat innerlich das Gelübde, in drei Monaten kein Schachbrett anzusehen – so ärgerlich war er. Lady Geraldins Versicherung: sie habe sich gut unterhalten – was eine grosse Auszeichnung für ihn sein sollte – dünkte ihn gar kein Ersatz. Er hatte zwar kein Wort von dem verstanden, was Faustine gesagt, allein es schien ihm, als habe ihr allerliebster Mund das Brevet empfangen, nichts Alltägliches vorzubringen. Er war im höchsten Grade verstimmt.
Faustine schrieb an Andlau:
"Anastas, mein Viellieber, komm bald zurück, ich beschwöre Dich. Zehn Tage sind es erst, seit Du gegangen, aber jeder Minute in diesen zehn Tagen hab' ich ihre Länge angefühlt, habe empfunden, dass sie sechzig Secunden hat. Du wirst mir Vorwürfe darüber machen, wirst mir sagen, ich sei nicht einfältig genug, um mir selbst einen solchen Dämmerungszustand zu erlauben, und dies und das! aber wie soll ich ihn denn vermeiden? Bin ich allein, so denke' ich: Allons, meine hände und Gedanken, tummelt euch, zerstreut mich. Bin ich unter Menschen, so möchte ich ihnen dasselbe zurufen. Aber eine Zerstreuung auf Commando ist ein Handwerk, welches nur in der untergeordneten Sphäre unsrer Tätigkeit getrieben wird. Rede ich, so tut es mir leid, dass Du mir nicht zuhörst; schweige ich, so tut es mir leid, dass meine Gedanken so in der Stille umkommen. Es ist ein Nichtgenügen in dieser Existenz, welches mich aufreibt, weil doch immer der brennende Wunsch da ist, es auszufüllen. Menschen, welche grosse Heilige geworden sind, müssen durchaus auf diesem Punkt gestanden haben, als sie sprachen: Ich will mich aufmachen und zum Vater gehen! – Aber es gehört ein gewaltiges Genie dazu, um ein Heiliger zu werden; ich meine, ein gewaltiges, beflügeltes, weltüberwindendes, Glück und Schmerz geringachtendes Herz; und was ich von diesen Eigenschaften besitze, reicht nur gerade aus, mich an das Deine zu legen. – Du wirst sagen: ich sei im vergangenen Sommer und auch früher schon auf einige Wochen von Dir getrennt gewesen, und hätte mich darein geschickt. Ja, Herz! im Sommer! da ist es ganz anders, weil die natur mir zugänglich ist. Die Sonne ist mein Plafond, der Himmel repräsentirt meine vier Wände, da gibt's Freiheit und Schönheit, Lust und Leben. Jetzt bin ich eingemauert wie eine verbrecherische Nonne, bedrückt, geängstigt. Der Sturm heult, es regnet und schneit durcheinander, die Wolken wissen nicht, wohin sie sollen, die Paar armen dürren Blätter, welche noch am Baum festielten und welche jeder Windstoss abwirbelt, wissen nicht, was mit ihnen geschehen wird, und flattern gepeinigt umher, die Bäume ringen in Verzweiflung ihre Aeste, wie dürre abgemagerte hände, und es geht ein Aechzen und Heulen und Wimmern durch die natur. Wie sollte ich diese Desolation nicht empfinden! ich fürchte mich – und es kann mir doch Niemand ein Leid tun! mich friert – und es ist doch ganz warm und behaglich in meinem Zimmerlein! Furchtsam und zitternd möchte' ich mich verbergen und erwärmen an Deiner Brust, mein Freund! mein Engel! – Wenn nur kein Unglück einbricht! auf diese unbestimmte Angst sollte ich gar nichts geben, weil sie mich immer fern von Dir überfällt; aber doch sehe ich mich um in der Welt nach der Wolke, die über meinem haupt hängt, und wage nicht einen Schritt vorwärts zu tun, aus Besorgniss vor einem verborgenen Abgrund. – – – So weit schrieb ich gestern Abend. Weil lauter Gespenster um mich tanzten, mochte ich nicht unter ihrem Einfluss den Brief beenden; ich ging schlafen, und heute, wo die Sonne am Himmel steht