, und sagte eben so herzlich:
"Liebe, Sie sind eine so kluge Frau! sprechen Sie doch, bitte, mit Ihren eigenen Gedanken und nicht mit denen eines ganzen volkes. – Bon soir! wie geht's? charmirt Sie wiederzusehen!" – wurde mit den Uebrigen gewechselt.
Als Faustine eintrat, schlug der Mann, welcher ganz mit der Schachpartie und mit einer schönen Gegnerin beschäftigt war, die Augen auf und erkannte sie. Es war Graf Mengen. Sie sieht aber doch aus wie eine schöne Statue, dachte er, den ersten Eindruck festaltend. Faustine war wieder ganz weiss gekleidet, und dann stand sie so graziös! Schön tanzen können manche Frauen, schön gehen – wenige, schön stehen – die allerwenigsten. Woran es liegt, weiss ich nicht, vielleicht an der Ungewohnheit, vielleicht an zu engen Schuhen, vielleicht an einem Mangel an Selbständigkeit. Die meisten wackeln. Ruhig zu stehen, ist die Hauptsache beim Stehen; aber darum darf es doch nicht schwerfällig, nicht bewegungslos, nicht plump, nicht niet- und nagelfest aussehen. Es muss eine Ruhepause zwischen der vergangenen und der kommenden Bewegung, es muss verschwebend, nicht wurzelfassend im Erdboden, sein. Eine Frau, die schön steht, gleicht einer Königin, um die sich Dienerinnen – der Sonne, um die sich Planeten bewegen. So stand Faustine. Sie hatte sich spät und schwer entschlossen zu gehen, da sie aber einmal in der Gesellschaft war, so war sie nach ihrer Art munter und triumphirend; nur so zeigte sie sich den Gleichgültigen. Konnte sie das nicht über sich gewinnen, so blieb sie daheim.
Feldern sagte: "Wie freu' ich mich, dass Sie wieder bei uns sind, anbetungswürdige Gräfin."
"Grüss' Sie Gott, Herr von Feldern!" antwortete Faustine. "Sie hätten aber doch wohl sagen können: angebetete Gräfin! da sogar Junker Tobias sagt: "Ich bin auch einmal angebetet worden.""
Mengen horchte hoch auf. Aber sie scherzt ja! sprach er zu sich selbst; so schön und so munter – das ist recht selten. Schönheiten begnügen sich gewöhnlich damit, schön zu sein. Sie wollen sich nicht selbst – Andere sollen sie amüsiren! das macht sie kläglich langweilig. – Zu diesen hochverräterischen Gesinnungen gegen die Schönheit veranlasste ihn seine Gegnerin im Schach: Lady Geraldin, die das non plus ultra von Liebenswürdigkeit getan zu haben wähnte, dadurch, dass sie sich zeigte und sich anblicken liess.
Faustine setzte sich zu Frau von Eilau. Die Herren und Damen der Tafelrunde verbargen sie fast ganz vor Mengens blick, der nur dann und wann ihren Kopf wahrnahm, wenn ein Anderer sich rechts oder links bog. Er hätte für sein Leben gern diesen Kopf ununterbrochen betrachtet, studirt – man konnte ihn studiren wegen der interessanten Mischungen des Ausdrucks – er schob seinen Stuhl bald so, bald anders, aber es half ihm zu nichts, als dass Lady Geraldin fragend ihn ansah und einen seiner Springer nahm. Er musste sich gedulden. Dieser Kopf, der über einer mit Schwan besetzten Mantille schwebte, wie der Mond über lichtem Gewölk, und der bald auftauchte, bald hinter Wolken verschwand, hatte etwas seltsam Reizendes: er kam immer mit einem neuen Ausdruck zum Vorschein. Faustinens Augen fassten ihren Gegenstand fest an, wie mit einer sichern Hand; sie forschten nicht, sie fragten kaum, sie wussten; sie verhehlten und überschleierten auch nichts, sie waren wolkenlos und vertrauenerweckend, wie der Himmel; unbekümmert, als gäbe es nichts Hässliches auf der Welt zu sehen, und rein, als wären sie nie der Gemeinheit begegnet. Die Augen eines Engels! dachte Mengen. Um ihren Mund gaukelten Mutwille, Schalkheit, Stolz, Bewusstsein der Ueberlegenheit, Spott. Und der Mund eines Menschen! fügte er hinzu. Aber das warme Colorit, das bewegliche Mienenspiel, die weichen Umrisse verschmolzen den Engel und den Menschen zu einem äusserst lieblichen weib. Und gerade diese Mischung ist so anziehend! Das allgemein Menschliche macht, dass solch Gesicht uns gleich ganz vertraut anblickt und uns gewinnt, indem es uns glauben macht, wir hätten einen lieben Freund, der so aussieht. Und wenn wir es genauer beobachten, so wird es durch das Charakteristische dermassen individualisirt, dass wir nach zehn Minuten die überzeugung gewinnen, es sei lediglich für diese person geschaffen, vielleicht gar, sie selbst habe es sich geschaffen – was im grund jeder Mensch tut, der zum Bewusstsein gekommen. Die Richtung der Seele drückt dem Körper ihren Stempel auf.
Lady Geraldin hatte das Spiel gewonnen; Mario stand auf; da sagte sie gleichmütig:
"Sie haben mich absichtlich gewinnen lassen; das mag ich nicht. Noch eine Partie!"
Mit freundlichem Grimm gehorchte er, und beschloss, so gut zu spielen, dass sie in fünf Minuten matt sein sollte. Allein sie war ihm gewachsen: es ging nicht so rasch. Am runden Tische wurde lebhaft geredet.
"So heiratet der junge, reiche, gescheute Mann, der eine der ersten Partien in Europa hätte machen können, diese intriguante person, die wenigstens zehn Jahre älter ist, als er" – beschloss Jemand eine Tagesgeschichte.
"Desto früher wird er ihrer überdrüssig werden."
"Und auf ein zärtliches Glück ist es wohl nicht von ihrer Seite abgesehen! sie will einen glänzenden Namen, Vermögen, welches selbst im Fall einer Scheidung ihr ausgemacht ist...." –
"