keine Sprechmaschine, die ihr gegebenes Tema abhaspelt. Von innen muss er angeregt werden, nicht von aussen, wenn er etwas Gescheutes hervorbringen soll. In Faustinen war Alles vereinigt, um sie Andlau gegenüber am liebenswürdigsten zu machen; ein Hauptgrund aber war der, dass er sie liebte. Es ist die schwierigste Aufgabe für eine Frau, auf die Dauer und durch lange Jahre hindurch, liebenswürdig wie keine Andre für den Mann zu bleiben, mit dem sie verbunden ist. Die entnervende Gewohnheit weht über ihn hin, wie feuchte Luft über eine Harfe, und die saiten erschlaffen. Ihre Liebe reicht nicht aus. Aber die Sache wird ihr sehr leicht gemacht, sobald er sie liebt; und dies seltene Glück hatte Faustine.
Vierundzwanzig Stunden nach ihrer Ankunft in Dresden fuhr Andlau seiner Heimat zu. Beim Abschied sprach er zu Faustinen, nachdem er alle Ausdrücke der Liebe und Zärtlichkeit erschöpft hatte:
"Nun zum Schluss das Wichtigste: Ini, vergiss mich nicht."
"Das ist ein abgebrauchter Scherz, Anastas!"
"Kein Scherz, Ini! Du weisst ja noch gar nicht, was Du Alles vergessen kannst."
"O Alles, Herz, Alles, nur aber Dich nicht!" sie umfasste ihn mit stürmischem Schmerz, und als er gegangen, und die Tür hinter ihm zugefallen war, da meinte sie, ihr Schutzgeist habe sie verlassen, da sank sie auf die Knie und rief:
"Er ist fort! er ist fort! o mein Gott, bleibe du nun bei mir!"
Sie fühlte sich unaussprechlich einsam, obgleich ihre Freunde und Bekannten sie sogleich aufsuchten, sie einluden, auf jede Weise suchten sie zu zerstreuen.
"Andlau ist fort, ich langweile mich überall" – sagte sie ebenso aufrichtig als unverbindlich zu Frau von Eilau, mit der sie sehr liirt war.
"Eben darum werden Sie sich nicht mehr bei mir langweilen, als hier in Ihrer Einsamkeit;" entgegnete diese liebreich. "Sie werden ganz hypochonder zwischen Ihren vier Wänden, unter Menschen müssen Sie sich ein wenig Gewalt antun, und Selbstüberwindung ist für uns Alle eine gute Schule."
"Meinen Sie? nun, so will ich heute Abend zu Ihnen kommen – wenn ich es über mich gewinne. Es werden doch nicht viel Leute bei Ihnen sein?"
"Das weiss ich nicht! Da ich nie Jemand einlade, können eben so gut zwanzig Personen mich am Abend besuchen, als zwei. Aber seit wann sind Sie denn menschenscheu?" fügte sie lächelnd hinzu.
"Seit Andlau fort ist" – sagte Faustine melancholisch. Sie hatte keinen andern Gedanken.
Mitten im Salon der Frau von Eilau stand ein grosser runder Tisch und Fauteuils rings umher, worauf die Damen sassen, Tapisserie nähten, plauderten. Die Herren schoben Stühle und Tabourets dazwischen – Worte weniger. Rechts daneben stand Frau von Eilaus Teetisch, woran sie s o sass, dass sie zugleich das Teegeschäft besorgen und an den Gesprächen des runden Tisches teil nehmen konnte. Links war eine Schachpartie etablirt. Dies Alles in der Mitte des Zimmers, damit jede einzelne person zugänglich und uneingesperrt sei. Hinten an der Sophawand ward eine solide Bostonpartie gemacht, und die Spielenden bekümmerten sich nicht um das Vordertreffen. Frau von Eilau sagte zu Feldern:
"Es ist über neun Uhr; die Obernau kommt schwerlich mehr. Gehen Sie doch morgen früh gleich zu ihr und machen Sie ihr in meinem Namen ernste Vorwürfe."
"Aber sie mag krank sein" – sagte Feldern.
"Keineswegs! nur verdriesslich, nur eigensinnig."
"Auf jeden Fall gehe ich morgen früh zu ihr, und hätte nicht so lange gezögert, wenn ich nicht diese letzten acht Tage draussen gewesen und erst vor einigen Stunden heimgekehrt wäre."
"Und wie geht es Cunigunden jetzt?"
"Besser! sie erholt sich langsam."
"Bleibt es bei dem festgesetzten Vermählungstage?"
"Ich darf es nicht hoffen, kaum wünschen! sie ist von einer ängstigenden Nervenschwäche."
"Das schöne, kräftige Mädchen! welch ein Jammer! wie kann denn eine armselige Erkältung solche Umwandlung bewerkstelligen?"
"Die ärzte wissen keinen andern Grund, als Erkältung bei der Weinlese."
"Die Schröder-Devrient verliert ganz ihre stimme," hiess es am runden Tisch, "sie wurde auch eiskalt als Norma aufgenommen."
"Schade um sie, sie war eine pompöse Norma."
"Diese Gleichgültigkeit wird ihr sehr wehe tun! wer auf den Triumph des Augenblicks angewiesen ist, will in jedem Augenblick Triumphe."
"natürlich! wie sollen diese Künstler denn wissen, ob ihnen Auffassung und Darstellung gelungen, wenn das Publikum kein Zeichen des Beifalls gibt? Die Malibran, von der man doch hätte glauben können, dass sie zum Voraus des tobendsten Beifalls gewiss sei, hörte und sah nichts vor Befangenheit, bis jubelnder Applaus ihre erste Scene belohnt hatte. Dann war sie sicher."
"Gott, welche traurige Existenz, trotz eines weltberühmten Talents so abhängig von der Laune des Publikums zu sein! Jeder andre Künstler darf an die Nachwelt appelliren; der Schauspieler hat es nur mit seinen Zeitgenossen zu tun. Wer ihn nicht sah, nicht hörte, weiss nichts von ihm."
Die Tür öffnete sich. Faustine trat ein. Frau von Eilau rief:
"Je später der Abend, je schöner die Leute!" ging ihr entgegen und umarmte sie herzlich.
Faustine legte beide hände auf ihre Schultern