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ein Paar hundert fragen tun, wenn es der Mühe lohnte, und Jeder würde eine andere Antwort geben, weil ein Feld von allerlei Möglichkeiten bei solchem verhältnis aufgetan ist. Aber eben weil ein solches verhältnis statt findet, kann man ja alle fragen von haus aus sparen."

"Wann werden Sie dem König vorgestellt, Graf Mengen?" fragte Einer.

"Ich denke, Sonntag, wenn er von Pillnitz herein kommt."

"Ist der Wiener Hof von grosser Ressource für die Gesellschaft?"

"Von gar keiner! mit einer Cour hat die Gesellschaft, mit ein Paar Kammerbällen hat der Hof seine Pflicht abgetan."

"War das diesjährige Pferderennen glänzend, und wessen Pferd siegte?" fragte der Centaur.

"Ich meine, es war ein Lichtensteinsches."

"Das wissen Sie nicht einmal gewiss! ich hoffe, Graf Mengen, dass Sie ein Liebhaber der Pferde sind."

"O ja," sagte Mengen gelangweilt, "nur nicht der gespräche über sie. Sobald ich meine Pferde hier habe, will ich die Gegend weidlich durchstreifen."

"Graf Mengen!" rief der Centaur mit überquellendem Herzen; "gleich vom ersten Augenblick an hab' ich das in Ihnen vorausgesetzt. Ich hab' eine horrende Freude, dass mich mein erster blick in diesem Punkte nie trügt."

Er packte seine Hand und schüttelte sie. Die Uebrigen lachten und neckten den Centauren mit seinem untrüglichen Urteil. Kein Demostenes wäre im stand gewesen, dem Gespräch über Pferde eine andere Wendung zu geben. Mengen stand auf.

"Die Speisestunde meines Ministers" – sprach er grüssend, und ging.

"Nun, Feldern," riefen Alle durcheinander, "heraus damit! erzählt, erzählt! von seinen Verhältnissen, seinen Umständen, seiner Carriere!

"Mein Gott," sagte Feldern, "davon gibt es nichts Besonderes zu erzählen! Er macht die diplomatische Carriere wie jeder Andere und wie er auch seine Studien machteauf ganz gewöhnlichen Wegen, ohne besondere Protection. Und ob er Vermögen hat, weiss ich nicht! In Göttingen hatte er bald vollauf Geld und bald nichts; aber immer war er, als befehle er über Goldminen und verachte sie nur. Einmal kam ein Prinz dahin und brachte die Mode der kostbaren und eleganten Stöcke mit. Wir schafften uns Alle dergleichen an. Mengens Fonds mochten niedrig stehen, er hatte keinen. Da sagte er einmal bei Tisch: Bah! wer mag denn den Tambour-Major spielen und einen Stock mit blankem Knopf tragen! – Es kam uns vor, als habe er uns zu Tambour-Majors dadurch ernannt. – Die prächtigen Stöcke verschwanden."

"Solch ein stupendes Uebergewicht kann auf der Universität jeder Raufbold haben."

"Das war er nicht. Er schlug sich, wenn er musste und dann tüchtig; aber nie suchte er Händel."

"Wir wollen doch sehen, ob der Legationssecretär die Suprematie des Studenten hier wird geltend machen wollen und können."

"Er scheint Lust dazu zu haben."

"Ich glaube nicht," sagte Feldern, "er hat Lust aus der untergeordneten in eine unabhängige Stellung zu kommen, freie Hand zu haben. Seinen alten Minister wird er wohl etwas tyrannisiren, allein die Fanfaronaden der Burschenzeit liegen zu weit ab, um sie in die gegenwärtigen Zustände zu verflechten."

"Wenn er sich poussiren will, muss er eine Ministertochter heiratenanders geht's heutzutag nicht."

"Oder n i c h t heiraten, das hilft bisweilen auch."

"Wie das? wie so? – Das ist bequemer noch! – Wem ist das passirt?"

"Einem meiner Vettern! er war verlobt mit der Tochter eines Allmächtigen, und die Vermählung schon festgesetzt. Da kommt ein immens reicher, dummer Russe; die Braut fasst die heftigste leidenschaft für ihn, die er, so gut er kann, erwiedert. Erklärungen, tragische Scenen zwischen Braut und Bräutigam! Letzterer tritt natürlich zurück, denn er ist der Aermere, folglich der Ungeliebte. Aber er hat eminenten Kopf, Schlauheit, Talent, Scharfsinn; der ExSchwiegerpapa will all diese guten Gaben nicht g e g e n sich im feld wissen, so wird mein Vetter bei siebenundzwanzig Jahren Gesandter in Stockholm und einer eiteln Närrin los und ledig."

"Verdammtes Glück! – Und das letzte grösser als das erste!"

"Rücksichten regieren die Welt" – sagte Feldern bedachtsam.

"Aber sie geniren teufelmässig!" – rief ein Anderer.

"Ich habe das nie finden können," entgegnete Feldern; "Rücksichten sind die Geleise, in welchen der Wagen der Gesellschaft ruhig und sicher fährt, ohne mit andern zusammen zu stossen, zu zertrümmern und zertrümmert zu werden."

"Aber es gibt breitspurige Wagen."

"Nun, die halten halbe Spur, und sind nach einer Seite wenigstens geschützt."

Die Cigarren waren geraucht, die Tassen und Becher geleert, die gespräche erschöpft. Jeder schlenderte seiner Wege; die Meisten zur Sieste. In Faustinens wohnung herrschte tiefe Stille. Sie lag an der Promenade; da gab es kein Wagengerassel, kein Pferdegestampf, kein Marktweibergeschrei, nichts, was an den Tumult und das Bedürfniss erinnert. Die Fenster des Salonslange Glastüren, welche auf den Balcon führtenwaren geöffnet und die Jalousien geschlossen, damit nur das scharfe Licht, nicht die Luft verbannt sei. Auf einer Ottomane sass der Baron Andlau und blätterte