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, dass Dir die Welt ein Golkonda ist. Ein vorübergehendes Leid wird für Dich ein Brunnen tiefer Freuden werdendas solltest Du doch wissen!"

"Ja," sagte sie, "ich mag aber doch kein Leid! mag nicht aus dem tiefen Brunnen mühsam das helle, reine Freudenwasser emporziehen! Ich tue es nur, wenn ich eben muss, weil ich meine, es sei doch besser, als die arme schlaff herabhängen zu lassen; aber lieb hab' ich solche Arbeit nicht."

"Hernach, Engel, ruhst Du doppelt süss bei mir."

"Aber einstweilen trägt mich Niemand auf Händen..... muss ich ganz allein auf der harten Erde stehen ...." –

"Wünschest Du einen Stellvertreten?"

"Nein."

"Sonst könntest Du ja Clemens Walldorf kommen lassen," sagte Andlau lächelnd, "der, nach Allem was Du mir von ihm erzählt hast, überglücklich sein würde, Dich auf Händen tragen zu dürfen."

"O ja," erwiderte Faustine gelassen, "das glaube' ich recht gern! ich habe nur nicht die heilige Zuversicht, dass wir nicht Beide der Sache überdrüssig werden könnten. Ich würde fürchten, er liesse mich fallen oder ich spränge herunter."

"Aber bei mir hast Du es nie gefürchtet?"

"Nie!" sagte sie sorglos.

Ein solches "nie" – ist die grösste Ehre, welche eine Frau einem mann erzeigen kann.

Andlau hatte so oft schon Aehnliches von ihr gehört und gesehen, dass er nicht überrascht davon sein konnte; allein hingerissen und bezaubert war er immer von Neuem durch die anmutige Nachlässigkeit, die gedankenlose Grazie, mit der sie stets das zu treffen wusste, was sie instinktmässig als das Schönste erkannte.

"So lange ich noch bei Dir bin, will ich mein schönes Vorrecht nicht bloss figürlich gebrauchen" – sagte er, hob Faustine empor, und hielt sie in beiden Armen an seine Brust gedrückt; – "Sonnenstrahl, Rosenduft, meine Ini, bist Du für mich Weib geworden? wirst Du mir nicht verschweben in den beweglichen, unfassbaren Elementen, woraus Du durch ein Wunder geschaffen bist, wie die Venus aus dem Schaum des Meeres? oder hast du selbst das Wunder getan, und wie eine Fee Dich sichtbar in der Welt gemacht?"

Faustine lag graziös auf seinen Armen, ihr Haar hing aufgelöst herab, ihre Augen waren halb geschlossen, nach ihrer Art. Wenn es nichts zu sehen gab, sparte sie sich gern die Mühe sie zu öffnen, und blickte nach innen. Sie sprach:

"Rede nur weiter, es klingt gar lieblich! ich freue mich, wenn Du einmal mit meinen Worten sprichst und aus Deiner kühlen Weise heraustrittst."

"Aber ich verweichliche Dich zu sehr!" sagte er, wie sich besinnend, und stellte sie auf den Fussboden zurück und küsste ihr lockiges Haar, als sei es der Schleier einer Heiligen. Er trieb Abgötterei mit seinem lieblichen Idol.

Seiner Absicht treu, um ihr die Langweiligkeit der einsamen, herbstlich trüben Fahrt zu sparen, brachte er sie nach Dresden, und Faustine, die, wenn sie glücklich war, wohl in die Ewigkeit hinüber sah, jedoch nicht über das irdische Heute hinwegdachte nicht daran, dass am erreichten Ziel der Abschied ihr bevorstehe, und war während der Reise so liebenswürdig, dass Andlau selbst zu glauben anfing: er bringe den Wünschen seiner Brüder ein unermessliches Opfer. Manche Menschen werden immer liebenswürdiger, je mehr Augen sich auf sie richten; nicht aus Eitelkeit, sondern weil ihnen der allgemeine Beifall Zuversicht gibt und sie anregt. Andere sind am liebenswürdigsten einer einzigen person gegenüber, wenn diese ihrer Eigentümlichkeit zusagt; viel Augen, viel fragen, viel Einwürfe stören sie. Es kommt dabei sehr auf die jedesmaligen Gaben an, sogar auf physische. Wer witzig ist, wer schlagende Antworten gibt, wer eine elegante Form des Ausdrucks, ja, gar ein wohltönendes Organ besitzt, fühlt sich behaglich in dem grösseren Zirkel. Wo Ernst und Sinnigkeit vorherrschen, wo die Rede nicht schimmert, wo der Ton der stimme leise ist, da sind weniger Zuhörer willkommen. Faustine, wie fast alle einsam, d.h. ohne grossen Familienkreis, lebenden Personen, hatte eine leise stimme. Wo eine bedeutende Schaar von Geschwistern ist, mit denen man doch auf gleichem Fuss stehenoder von Kindern, denen man befehlen mussda wird die stimme von selbst laut und tönend; sie soll gehört werden und bisweilen dominiren; aus dem haus bringt man diese Gewohnheit in die Gesellschaft hinüber. Wer allein lebt, ohne Kinder, ohne Hauswesen, nur mit einem oder zwei Menschen in vertrautem Umgang, der ist nicht im stand, in einem übervollen Salon zu sprechen, es müsste denn sein, dass Alles schwiege, wenn er redete. Faustine hatte eine leise stimme, die immer leiser wurde, je inniger und eindringlicher sie sprach. Es ward zuletzt wie ein Klingen der Seele, aber ganz verständlich, so wie man die Aeolsharfe und das Murmeln des Baches ganz genau versteht. Daher sprach sie in der Gesellschaft nur mit ihren Nachbarn rechts und links, sie machte kein allgemeines aufsehen, aber der jeweilige Nachbar war captivirt, w e n n sie sprach, – was auch nicht immer geschah. Den Wecker an der Uhr stellt man auf eine bestimmte Stunde: dann schnurrt er sein Stückchen ab; der Mensch ist